FTD.de » Politik » Deutschland » AK-Weh!

Merken   Drucken   11.07.2007, 19:53 Schriftgröße: AAA

Agenda: AK-Weh!

Kurzschlüsse, Defekte, Brände: Störfälle in deutschen Atomkraftwerken schrecken das Land auf. Doch sie kommen nicht überraschend. Seit dem Konsens über den Ausstieg wurde die Sicherheit vernachlässigt. von Timm Krägenow (Biblis/Berlin)
Ein Kernkraftwerk hat ein bisschen was von einem Hallenbad. Zum Beispiel Biblis. Block A, 1225 Megawatt, seit 1974 am Netz. Das Drehkreuz öffnet sich mit einem Knack, dann geht es entgegen den großen grünen Fluchtwegpfeilen auf dem Fußboden, vorbei an den Waschräumen, in die Umkleidekabine. Möglichst viel ausziehen, rät der Kraftwerksmitarbeiter, in dem orangen Spezialoverall für den Kontrollbereich wird es schnell warm. Über jeden Sicherheitsschuh werden zwei blaue Plastikgaloschen gezogen, dann weiße Stoffschuhe. Die Hände kommen in weiße Handschuhe. "Fassen Sie möglichst wenig an", heißt es. Und dann noch diese Vorschrift: Unter der Decke hängt ein Bildschirm mit dem unmissverständlichen Hinweis: "Es ist strikt verboten, in der Anlage zu urinieren oder seine Notdurft zu verrichten." Na bitte, auf alles wird scheinbar geachtet.
Dann geht es durch die Sicherheitsschleuse hoch über steile Treppen auf die Plattform im Reaktor. Unten schwappt das blaue Wasser im Abklingbecken, in dem die Brennstäbe lagern.
Daneben schraubt an diesem Tag ein Mann in Grün einem Mann in Weiß mit roten Überschuhen einen Staubfilter in die Gasmaske, bevor dieser rückwärts über eine steile Treppe zu Arbeiten in der Reaktorgrube verschwindet. Und dennoch: Ein wenig vom Hallenbad bleibt.
Aufregung kommt nicht von ungefähr
17 genehmigte Kernkraftwerke gibt es noch in Deutschland. Was sich im Inneren der Anlagen abspielt, ist den Deutschen in der Regel unbekannt. Nur eines wussten sie: Ihre AKW sind die sichersten auf der Welt. Und nun das: Störfälle. In Krümmel, Brunsbüttel, innerhalb weniger Tage. Nur häppchenweise dringen Informationen nach außen: Abschaltung wegen eines Kurzschlusses. Ein Brand am Ventil einer Turbine. Brand eines Transformators. Inzwischen wurde Brunsbüttel auf ein Viertel seiner Leistung runtergefahren. Was ist los in deutschen Atomkraftwerken?
Die Aufregung kommt nicht von ungefähr. Seit dem Atomkonsens vom Sommer 2000 lief der Betrieb der Kernkraftwerke weitgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit. Details über Technik und Organisation wurden zwar zwischen Betreibern und staatlichen Aufsichtsbehörden diskutiert. Doch die Sicherheitsfrage wurde vernachlässigt. "Niemand will den Konsens über den Atomausstieg stören", sagte vor einigen Monaten ein Mitarbeiter des Bundesumweltministeriums. "Deshalb wird bei der Kontrolle der Sicherheit nicht mehr absoluter Druck ausgeübt."
Am 14. Juni 2000 hatten sich Bundesregierung und die vier großen Kernkraftwerksbetreiber darauf verständigt, die Laufzeiten der Kraftwerke auf jeweils 32 Jahre zu begrenzen. Als Gegenleistung sicherten sich die Kraftwerksmanager laut Vertragstext, dass "der ungestörte Betrieb der Kernkraftwerke wie auch deren Entsorgung gewährleistet werden".
Zahlreiche Störfälle ohne Konsequenzen
Ungestörtheit war genau das, was sich Betreiber und Aufsichtsbehörden wünschten. Auch schwere technische Pannen und gravierende Fehler konnten diesen Konsens nicht stören. So blieben viele Störfälle fast unbemerkt - und vor allem ohne Konsequenzen: Im August 2001 etwa wurden beim Anfahren des Kraftwerks Philippsburg 2 die Flutbehälter des Notsystems nicht ausreichend gefüllt. Der Betreiber EnBW meldete den Störfall nicht und ließ den Reaktor weiterlaufen. Dauerhafte Auswirkungen auf die Genehmigung hatte das nicht.
Ist der Ausstieg aus der Kernenergie richtig?

Diskutieren Sie mit!

Oder im Dezember 2001: Im Kernkraftwerk Brunsbüttel, das heute von Vattenfall betrieben wird, gibt es eine schwere Wasserstoffexplosion in einer Kühlmittelleitung. Sie wird erst zwei Monate nach ihrem Auftreten entdeckt. Der damalige Betreiber HEW versucht, das Ereignis als Leck an einer Flanschverbindung herunterzuspielen. Die Irreführung hat keine langfristigen Folgen für die Betriebserlaubnis.
Und im Herbst vergangenen Jahres benötigt Vattenfall mehrere Wochen, um herauszufinden, wie die Notstromversorgung in seinem eigenen Kraftwerk Brunsbüttel funktioniert. Hatte es zunächst noch geheißen, dass ein Ausfall der Notstromversorgung wie im schwedischen Kraftwerk Forsmark ausgeschlossen sei, stellt sich später heraus, dass Brunsbüttel umgebaut werden musste, um vergleichbare Pannen zu vermeiden. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel und die schleswig-holsteinische Sozialministerin Gitta Trauernicht schreckten vor einer Stilllegung zurück.

Teil 2: Warum der Energiekonsens für die Branche so komfortabel ist

  • Aus der FTD vom 12.07.2007
    © 2007 Financial Times Deutschland,
Jetzt bewerten
Bookmarken   Drucken   Senden   Leserbrief schreiben   Fehler melden  

Den Parameter für die jeweilige Rubrik anpassen: @videoList
  • Wulff-Affäre: Menschen im Hotel

    Die Vorwürfe gegen Bundespräsident Wulff grenzten zuletzt ans Lächerliche, die neuen tun es nicht: Sie legen den Verdacht einer Vorteilsnahme nahe. Es könnte eng werden. mehr

  •  
  • blättern
Tweets von FTD.de Politik-News

Weitere Tweets von FTD.de

FTD-Wirtschaftswunder Weitere FTD-Blogs

alle FTD-Blogs

Newsletter:   Newsletter: Eilmeldungen Politik

Ob Regierungsauflösung oder Umfragehoch für die Linkspartei - erfahren Sie wichtige Politik-Nachrichten, sobald sie uns erreichen.

Beispiel   |   Datenschutz
 



DEUTSCHLAND

mehr Deutschland

EUROPA

mehr Europa

KONJUNKTUR

mehr Konjunktur

 
© 1999 - 2012 Financial Times Deutschland
Aktuelle Nachrichten über Wirtschaft, Politik, Finanzen und Börsen

Börsen- und Finanzmarktdaten:
Bereitstellung der Kurs- und Marktinformationen erfolgt durch die Interactive Data Managed Solutions AG. Es wird keine Haftung für die Richtigkeit der Angaben übernommen!

Über FTD.de | Impressum | Datenschutz | Disclaimer | Mediadaten | E-Mail an FTD | Sitemap | Hilfe | Archiv
Mit ICRA gekennzeichnet

VW | Siemens | Apple | Gold | MBA | Business English | IQ-Test | Gehaltsrechner | Festgeld-Vergleich | Erbschaftssteuer
G+J Glossar
Partner-Angebote