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Merken   Drucken   19.08.2004, 18:12 Schriftgröße: AAA

Agenda: An die Arbeit

Bevor Hartz IV ihn mit voller Wucht trifft, hat sich der arbeitslose Andreas Schleicher auf Jobsuche gemacht. Und wer suchet, der findet. von Reinhard Hönighaus, Leipzig
Sein Traumjob ist das nicht, diese Maloche im Kraftwerk Lippendorf bei Leipzig. An den Förderbändern, die stündlich 700 Tonnen Braunkohle in den Schlund des Kessels schütten, dröhnt es und lärmt und staubt. Die Hitze aus der nahen Brennkammer treibt die Temperatur in der dunklen Halle auf 40 Grad. Ein Band steht still. Andreas Schleicher, schweißnass auf der Stirn und ölschwarz an den Händen, hebelt mit anderen Arbeitern eine Antriebstrommel aus dem Gestänge. Die Leiharbeiter-Truppe muss eine neue Trommel unter das Gummi wuchten, die es wieder vorantreibt - unbedingt noch heute. Sonst droht dem Kessel die Kohle auszugehen.
Eigentlich müsste sich Andreas Schleicher diese Knochenarbeit nicht antun. Der 42-Jährige könnte zu Hause sitzen und 900 Euro Arbeitslosengeld kassieren. Es stünde ihm zu, im August und auch noch im September. Der gelernte Schlosser hatte 23 Jahre lang einen festen Job und verdiente gut, bis sein Chef ihn vor drei Jahren zu sich rief und sagte: "Unterschreiben Sie, das ist Ihre Kündigung!" Ein paar Tage vor seinem Geburtstag war das, eine böse Überraschung. "Da dachte ich, jetzt gehste erst mal nach Hause, abschalten", erzählt Schleicher.
Trotz Umschulung und zahlloser Bewerbungen fand er nichts oder nicht das Richtige. Leiharbeit hat Schleicher immer abgelehnt, nur als "letzten Rettungsanker" gesehen. Weil man durchs ganze Land auf Montage geschickt wird und wenig Geld bekommt für die Schinderei. Doch die Alternative, durch die Arbeitsmarktreform Hartz IV nach ganz unten durchgereicht zu werden, erschien ihm härter.
Der psychologische Effekt beginnt zu wirken
Trotz der Härten für die Betroffenen und den handwerklichen Fehlern der Reform - ihr gewünschter psychologischer Effekt beginnt zu wirken: Von den bundesweit 3,2 Millionen Langzeitarbeitslosen bemühen sich immer mehr aktiv um Arbeit. So wie Schleicher, der sich eines Tages im Juli ein Herz fasste und zu einer Zeitarbeitsfirma in Leipzig ging.
Jetzt hat er wieder den Blaumann angezogen, auch wenn die 7,53 Euro pro Stunde, die Schleicher für den Einsatz im Kraftwerk bekommt, nicht mehr bringen als die Stütze. "Das kommt aufs Gleiche raus", sagt er in einer Arbeitspause draußen an der frischen Luft.
Warum dann macht er sich krumm für das gleiche Geld? Die Hartz-IV-Reform war der Weckruf für Andreas Schleicher. Von dem Arbeitslosengeld, sagt er, konnte man leben. Ab dem 1. Januar wird von ihm verlangt, dass er jede legale Arbeit annimmt, die ihm angeboten wird. Auch für deutlich weniger Geld. Die Stütze wird auf 331 Euro gestutzt. Selbst dieses Arbeitslosengeld II bekommt er erst, wenn er sein bescheidenes Erspartes angreift. Den Striptease wollte er nicht hinlegen. Alles offenbaren: das Konto, den Verdienst seiner Lebensgefährtin. "Da hätten die richtig angefangen zu forschen", sagt er. "Das wollte ich nicht." Er musste Arbeit finden, egal welche.
Trend noch unbestätigt
Die Bundesagentur in Nürnberg will diesen Trend noch nicht bestätigen, jedenfalls kann sie ihn nicht in Zahlen messen. Aber seit Wochen berichten Personalvermittler zwischen Ruhrgebiet und Sachsen, zwischen Schwaben und Vorpommern von einer spürbaren Zunahme der Anfragen. "Das Volumen an Bewerbungen nimmt zu", sagt Bernd Kölling, Niederlassungsleiter bei Manpower in Schwerin. "Die Leute sagen: 'Bevor ich die 16 Seiten für den Antrag auf Arbeitslosengeld II ausfülle, suche ich mir lieber einen Job.'" Natürlich könne er nicht alle unterbringen, vor allem nicht die schwer Vermittelbaren. Damit sind diejenigen gemeint, die viele Jahre aus dem Job sind, oder solche, die Probleme mit Alkohol haben. Aber freie Stellen gibt es auch für Geringqualifizierte, "klassische Helfertätigkeiten etwa im Lager, da findet sich schon was", sagt Kölling.
Auch Arbeitsmarktforscher bestätigen, dass etwas passiert. "Hartz IV bringt die Leute dazu, Arbeit anzunehmen, die sie vorher nicht angenommen hätten", sagt Herbert Buscher, Arbeitsmarktexperte beim Institut für Wirtschaftsforschung Halle. Die Reform werde diejenigen am härtesten treffen, die bislang "die Systeme nutzen, um sich besser zu stellen, als wenn sie arbeiten würden". Dass die Zeitarbeit dadurch zunehme, sei zu begrüßen, solange sie vernünftig bezahlt wird und in den ersten Arbeitsmarkt führt. Buschers Kollege Victor Steiner vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin schätzt die Zahl derjenigen, für die es sich künftig lohnen wird, eine gering entlohnte Beschäftigung anzunehmen, auf 400.000 bis 500.000 Personen.
Die Zeitarbeitsfirmen freuen sich, wenn sich das Geschäft belebt. "Den Schub, den wir durch Hartz IV kriegen, haben wir dringend gebraucht", sagt Anke Peiniger, Vorsitzende des Bundesverbandes Personalvermittlung. "Es gibt ja Arbeit in Deutschland, sonst bräuchten wir keine Spargelstecher aus Polen." Zur Ehrenrettung mancher Arbeitsloser müsse sie auch sagen: "Manche Unternehmen haben eines noch nicht begriffen: Auch ein 55-Jähriger kann verdammt gut sein."
Mehr Glück über Zeitarbeitsfirma
So wie Elisabeth Perleberg aus Hamburg: Die technische Zeichnerin wurde im vergangenen Jahr entlassen, mit 55 Jahren. "Ich habe mich beworben bis nach Bremen, nur Absagen, Absagen, Absagen", berichtet sie. Ihre jahrzehntelange Berufserfahrung lag brach. Wegen ihres Alters sah Perleberg keine andere Möglichkeit mehr als Zeitarbeit, um Hartz IV zu entkommen. "Ich lebe mit meinem Mann allein, der ist krank und bezieht eine kleine Rente", sagt Perleberg. "Ich bin auf Arbeit angewiesen."
Die Arbeitsagentur hatte einen Kurs für ein neues Zeichenprogramm arrangiert. Sie hätte nicht den Eindruck gehabt, sagt Elisabeth Perleberg, dass die Sachbearbeiter "berufsbezogen Ahnung haben". Über eine Zeitarbeitsfirma hatte sie mehr Glück: In wenigen Tagen fängt sie in einem Ingenieurbüro in Hamburg-Finkenwerder an, neben dem Airbus-Werksgelände. Sie wird viel dazulernen müssen, an Flugzeugen arbeiten statt wie früher an Heizungsanlagen. Aber Elisabeth Perleberg ist froh: "Als die mich angerufen haben, habe ich gefeiert, mit einem Glas Sekt."
Zum Feiern ist Andreas Schleicher nicht mehr zu Mute. Die Arbeit ist hart. Seit sechs Uhr morgens ist er auf den Beinen. Noch am frühen Abend schraubt er im Kraftwerk am Förderband. Er zeigt Einsatz in der Hoffnung auf eine Anstellung, vielleicht beim Anlagenbauer FAM, an den er derzeit entliehen ist. "Ich sehe das als Sprungbrett in eine feste Stelle", sagt Schleicher. Sein Vorhandwerker Wolfgang Walther bestärkt ihn: Die langen Haare, der Ohrring, das stört ihn alles nicht. "Das Aussehen ist die eine Sache", sagt er, die Arbeit die andere. Und Schleichers Arbeit, die sei gut.
"Ich bin stolz, dass er’s macht."
Zu Hause in Naunhof östlich von Leipzig wartet Schleichers Lebensgefährtin Irka Nagel. "Es ist extrem, wie lange er heute arbeitet", sagt sie, "nichts ist planbar." Anfangs wollte Nagel nicht, dass er zur Zeitarbeitsfirma geht. "Das war wirklich die letzte Hintertür", sagt sie. Eine feste Stelle wäre besser: pünktlich zur Arbeit, pünktlich zu Hause, pünktlich Geld. Trotzdem: "Ich bin stolz, dass er’s macht." Zumal Irka Nagel als Musiklehrerin arbeitet und mehr verdient als er: "Das ist für einen Mann auch nicht angenehm."
Vor ein paar Wochen hat Andreas Schleicher sich auf den Weg gemacht. Zuerst war er unsicher, ob "er von uns nicht übers Ohr gehauen würde", erinnert sich Bärbel Fraunholz. Sie leitet die Adecco-Filiale in der Leipziger Fußgängerzone. Nicht alle, die bei ihr auf der Matte stehen, könne sie vermitteln, "aber wer tatsächlich will, für den wird auch was gefunden. Zwar nicht gleich morgen. Aber im Laufe von acht Wochen spätestens hat, wer wirklich will, einen Job."
Im ersten Stock über der Grimmaischen Straße blickt Bärbel Fraunholz aus ihrem Büro. Am Montag zogen unter ihrem Fenster Tausende Menschen vorbei, um wie in zig anderen Städten Deutschlands gegen die Sozialreformen zu protestieren. Sie riefen Parolen wie "Wir sind das Volk" und reckten Transparente in die Luft, auf denen stand "Weg mit Hartz IV". Fraunholz schüttelt den Kopf: "Keiner von denen kam hoch, um nach Arbeit zu fragen." Es wäre ganz einfach gewesen, nur die Treppe rauf.
Strenge Regeln: Was ist zumutbar?
Lehnt ein Arbeitsloser eine zumutbare Arbeit ab, wird die Stütze gekappt. Welche Arbeit aber kann einem Arbeitslosen zugemutet werden? Die Regierungen haben die Kriterien in den vergangenen 30 Jahren immer strenger gefasst.
1979 konnte ein Arbeitsloser in den ersten Monaten seiner Arbeitslosigkeit eine Stelle ablehnen, wenn sie zehn Prozent weniger Einkommen bedeutet hätte. Ein erzwungener beruflicher Abstieg galt damals noch als unzumutbar.
1982 wurden die Regeln verschärft. Der zumutbare Einkommensverlust lag nun bei 20 Prozent, die zumutbare Pendelzeit zum Arbeitsplatz bei zweieinhalb Stunden. Allerdings gab es einen "temporären Qualifikationsschutz": Ein Akademiker etwa musste erst nach langer Arbeitslosigkeit Billigjobs annehmen. Damit sollte ein Verdrängungswettbewerb von oben nach unten verhindert werden.
Seit 1997 müssen alle Bezieher von Arbeitslosengeld grundsätzlich jede Art von Arbeit annehmen. Ab dem vierten Monat ihrer Arbeitslosigkeit müssen sie bis zu 30 Prozent weniger Gehalt in Kauf nehmen. Außerdem müssen sie nachweisen, dass sie sich um Arbeit bemühen.
Die Hartz-Gesetze, die zum Teil schon jetzt oder ab 2005 gelten, verschärfen die Regeln weiter. Singles müssen bundesweit umziehen und auch Minijobs akzeptieren. Dazu kommt die Umkehr der Beweislast: Im Streitfall muss nicht das Arbeitsamt die Zumutbarkeit eines Jobs darlegen, sondern der Arbeitslose dessen Unzumutbarkeit.
  • FTD, 19.08.2004
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