Dossier
Die SPD hat kaum eine Chance bei der Wahl. Deshalb besinnt sie sich auf ihre Stärke: Wahlkampf. Anführer der Kampagne ist Kajo Wasserhövel. Er muss für die Partei die Wende schaffen - und einen Mythos retten. von Peter Ehrlich (Berlin)
Der Mittelpunkt des SPD-Wahlkampfs ist eine Raucherecke. Berlin, Willy-Brandt-Haus, dritter Stock, ein Aschenbecher, eine metallene Sitzbank, rote Hocker. Hier sitzt Kajo Wasserhövel, wenn er ein paar Minuten zum Nachdenken braucht oder mit den engsten Vertrauten ein Problem lösen muss. Und Probleme gibt es viele im Wahlkampf der SPD, der bisher aus immer neuen Anläufen und Angriffen besteht, aber nicht aus messbaren Erfolgen.
Auf der anderen Seite des Gebäudes, in der "Nordkurve", sitzen alle Verantwortlichen für den Wahlkampf in einem Großraum. Auch Wasserhövels offizieller Arbeitsplatz ist hier. Der Bundesgeschäftsführer und Vertraute von Parteichef Franz Müntefering blickt auf zwei Dutzend Mitarbeiter, auf der anderen Seite des Raums sitzen die Abgesandten des Kanzlerkandidaten wie Medienberater Thomas Steg.
Hier wird der letzte Mythos verteidigt, der der SPD geblieben ist - die schlagkräftigste Partei in Wahlkämpfen zu sein.
Der Mythos wird seit einem Jahrzehnt immer wieder neu gespeist. 1998 gab es die "Kampa" in Bonn, die geholfen hat, dass erstmals eine Regierung komplett abgelöst und nicht per Koalitionswechsel eines Partners verändert wurde. 2002 und 2005 holte die SPD ihren Rückstand auf die Union in einem turbulenten Schlussspurt in den letzten Wochen vor der Wahl noch ein.
Und 2009? Wieder sieht sich die SPD als Marathonläufer, der plötzlich in den Sprintmodus wechselt. Die anderen Mythen der SPD sind verblasst. Arbeiterpartei, Willy Brandt, Helmut Schmidt. Alles Vergangenheit. Die Zahl von einst über einer Million Mitgliedern hat sich halbiert. Bei Umfragen stand vergangene Woche kurzzeitig an erster Stelle eine eins. Nun aber: Wahlkampf! Das kann sie doch. Diese Hoffnung ist der Partei geblieben. Dieser Mythos darf nicht auch noch zerstört werden.
Allerdings sind die Bedingungen andere: Bei zwei der drei Wahlen stellte die SPD den Kanzler, und an der Spitze kandidierte Gerhard Schröder. Die "Rampensau". Oderflut, Irakkrieg, Professor aus Heidelberg - Schröder nutzte jede Chance, gab nie auf. Nun hat die SPD Frank-Walter Steinmeier. Über den Mitspieler seiner Fußball-Jugendmannschaft sagen: "Spiele lenken konnte er nicht, dafür war er nicht geboren."
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