Dossier
Lange hofften die Deutschen, sie seien gegen den steigenden Ölpreis und den hohen Euro-Kurs immun. Jetzt macht sich Angst breit: Aufträge bleiben aus, der Umsatz geht zurück, Mitarbeiter werden entlassen. Selbst Optimisten fürchten inzwischen eine Rezession. von Thomas Fricke, Berlin, und Hanna Grabbe (Hamburg)
Sie dürfen diesen Artikel nicht lesen. Das sei nicht gut, hat der Bundesfinanzminister gesagt. Es sei nicht gut, jetzt schon wieder von Notfällen und Rezession zu reden. Das verunsichere die Menschen, sagt Peer Steinbrück. Könnte allerdings sein, dass Sie in nächster Zeit eine ganze Menge Texte überlesen müssen.
Zum Beispiel über den deutschen Vorzeigemaschinenbauer Heidelberger Druck, dessen Aktie nach zwei Boomjahren heute nur noch ein Viertel wert ist. Oder über den Darmstädter Pharmakonzern Merck, dessen Umsatz wegen des starken Euros nur halb so stark wuchs wie geplant. Nicht zu vergessen die Artikel über Finanzmarktanalysten, die zurzeit kollektiv schlechte Zeiten vorhersagen.
Selten ist eine konjunkturelle Hochstimmung so schnell verflogen wie in den vergangenen Wochen in Deutschland. Vorbei das Gefühl, der deutschen Wirtschaft könnten weder globale Finanzdebakel noch drastische Euro-Aufwertungen, verdreifachte Ölpreise oder steigende Zinsen etwas anhaben. Jetzt verschärft sich der Eindruck, auch die hiesige Wirtschaft ist an die Grenzen ihrer Belastbarkeit gestoßen. Und der Absturz könnte sogar herber ausfallen als bei kürzlich noch bemitleideten Ländern wie den USA.
"Die Unternehmen scheinen von der Entwicklung an den Öl- und Devisenmärkten wie geschockt", sagt Holger Schmieding, Europa-Chefökonom der Bank of America und einer der besten Prognostiker, wenn es um die deutsche Konjunktur geht. Am Donnerstag meldete das Ifo-Institut, die Geschäftserwartungen der Unternehmen seien so schlecht wie seit der Krise 2002 nicht mehr. Und selbst vor dem bösen R-Wort schreckt mancher nicht zurück. "Es muss nicht mehr viel passieren, dass wir in eine Rezession schlittern", sagt Andreas Scheuerle, Europa-Chefökonom der Deka-Bank.
Ifo-Geschäftserwartungen für Deutschland
Wie schnell die Aussichten gekippt sind, bekommt die Heidelberger Druckmaschinen AG gerade zu spüren. Druckmaschinenhersteller sind Frühzykliker und eine Art Wetterbericht für die künftige Konjunktur: Im Abschwung sparen Konzerne oft zuerst an den Werbeausgaben, was zu weniger Aufträgen für die Druckereien führt, die wiederum weniger neue Maschinen kaufen.
Die Flaute hat den weltgrößten Druckmaschinenhersteller eiskalt erwischt. Im Januar hatte Vorstandschef Bernhard Schreier noch bekräftigt, das Unternehmen werde sein Gewinnziel erreichen. Noch im Mai drängten sich die Kunden auf der Druckindustrie-Messe Drupa um monströse Druckanlagen und die neuste Entwicklung der Heidelberger, den 200 Tonnen schweren "Speedmaster XL 162". Heideldruck hoffte trotz der bereits schwächelnden Umsätze noch auf ein moderates Wachstum. "Dieses Ziel haben wir verfehlt", sagt Schreier jetzt. Im vergangenen Quartal lagen die Erlöse um zehn Prozent unter Vorjahr.
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