Den Text des Bergarbeiterliedes "Wann wir schreiten Seit an Seit" muss Frank-Walter Steinmeier (3.v.r.) noch ablesen. Aber Franz Müntefering steht ihm treu zur Seite
Nach Berlin kann Nahles entspannter in die Zukunft blicken. Zwar hat Müntefering klargemacht, dass er ein starker Parteichef ist. Aber er will seine politische Kraft, seine taktische Schläue, sein Gespür für Stimmungen vor allem dazu nutzen, die SPD wieder stark zu machen. Sein Ziel: Steinmeier soll nach Willy Brandt, Helmut Schmidt und
Gerhard Schröder vierter sozialdemokratischer Kanzler der Bundesrepublik werden. Große eigene Ambitionen hat Müntefering nicht mehr. "Ihm würde es reichen, als Partei- und Fraktionschef einem Kanzler Steinmeier Mehrheiten zu sichern", sagt ein Bundestagsabgeordneter.
Von Brandt zu Steinmeier
Im Berliner Estrel-Hotel zieht Müntefering die großen Linien von Brandt zu Steinmeier. Übers Pult gebeugt, ohne Sakko, mit dezenter rot-blau-gestreifter Krawatte, beschreibt er eindringlich die Lage von 1972: Willy Brandt stand damals kurz vor dem Sturz, doch die Sozialdemokraten hielten zu ihrem Kanzler und holten am Ende den größten Wahlsieg ihrer Geschichte. "Wenn man etwas als richtig erkannt hat", ruft Müntefering, "darf man nicht weglaufen, dann muss man es durchkämpfen." Auch Helmut Schmidts Leitmotiv "Pragmatisches Handeln zu sittlichen Zwecken" legt Müntefering seinen Genossen ans Herz.
Von Schmidt kommt er schnell zu Schröder, zumal die beiden Oberpragmatiker einträchtig nebeneinander in Reihe eins sitzen. Von Schröder bleibt die Agenda 2010, über die an diesem Tag nicht offen gestritten wird. Müntefering nennt das Reformwerk auch nicht beim Namen, lobt aber die vielen neuen Arbeitsplätze, die durch die Agenda entstanden seien. "Ich habe ein gutes Gewissen", sagt Müntefering, der die Reformen einst zusammen mit Schröder und dessen damaligem Kanzleramtsminister Steinmeier durchsetzte. "Reibung erzeugt Hitze, aber auch Fortschritt."
Müntefering weiß, dass nicht alle Sozialdemokraten auf einmal zu glühenden Agenda-Anhängern werden, bloß weil die SPD nach dem glücklosen
Kurt Beck jetzt wieder einen Chef hat, der Respekt einflößt. Die ewigen Flügelkämpfer ermahnt er: "Ich bin Vorsitzender einer Partei, ich will nicht Aufsichtsrat einer Holding sein." Nur gemeinsam seien die Sozialdemokraten stark. "Ich weiß, das ist eine Binsenwahrheit. Aber Binsenwahrheiten muss man ernst nehmen, wenn man nicht scheitern will."