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Merken   Drucken   06.07.2009, 08:30 Schriftgröße: AAA

Agenda: Deutschlands erstes Job-Speed-Dating

In der Krise sind private Arbeitsvermittler gefragter denn je. Sie sollen Langzeitarbeitslosen helfen, einen Job zu finden - auch mit ungewöhnlichen Konzepten. Beim ersten Job-Speed-Dating in München suchen fast 1000 Hartz-IV-Empfänger ihr Glück. von Monika Dunkel (München)
Jochen Kurth hat sich aufgebrezelt für diesen Tag: weißes Hemd, Strickjankerl, Kniebundlederhose, seine besten Sachen. Vorn auf den Hosenträgern ist "Würmtaler Blasmusik" eingestickt. Seit 25 Jahren spielt der 38-Jährige Tenorhorn, seine Musik ist ihm heilig. Nie würde er daher einen Job mit Wochenendschichten annehmen. Sonst ist er offen. Denn der kräftige Mann mit den Sommersprossen im Bubengesicht sucht Arbeit.
Einzelhandelskaufmann hat Kurth mal gelernt. Aber in den vergangenen Jahren hat er vieles gemacht. Pizzabote war er, mal Fahrer von Geldtransporten. Jobs für kurze Zeit und wenig Lohn. Heute will er etwas Neues finden. Beim ersten Job-Speed-Dating Deutschlands.
Mit ihm sind am vergangenen Freitag fast 1000 Arbeitsuchende ins alte Münchner Rathaus gekommen, fast alles Hartz-IV-Empfänger, alle mit der Hoffnung, endlich einen Job zu finden. Die meisten tragen Bürokleidung, Anzug, zumindest Sakko, Sommerkleid. Nur Kurth fällt ein wenig aus dem Rahmen. "Ja, mei", sagt er. "Mir san doch in Bayern."
Der 56-jährige Godehard Z. (r.) ist seit Jahren ...   Der 56-jährige Godehard Z. (r.) ist seit Jahren Hartz-IV-Empfänger, nun will er seine Chance nutzen
Es geht Schlag auf Schlag, alle zehn Minuten ein neues Vorstellungsgespräch. Gegen 11 Uhr hat Kurth bereits acht Versuche hinter sich, achtmal seine Bewerbungsmappe abgegeben, achtmal im Schnelldurchgang erklärt, was er kann, was er will und was nicht. Ein Versicherungsmann habe ihm gesagt, dass er gern auch in Tracht zur Arbeit kommen könne, erzählt Kurth. Schade nur, dass er sich mit Versicherungen nicht auskenne. Eine konkrete Einladung zu einem zweiten Gespräch mit mehr Ruhe oder gar einen Arbeitsvertrag hat er noch nicht. "Mal abwarten, ob da Resonanz kommt", sagt er. Ein Jingle ertönt, Kurth springt auf, er muss zum nächsten Date.
Job-Speed-Dating ist Stress pur. Im Gewölbesaal des alten Rathauses ist es an diesem Morgen schwül, laut und voll. Kleine Tische stehen dicht an dicht, darauf Schilder mit Firmennamen: Siemens, Dussmann, Deutsche Bahn, McDonald's, rund 50 Unternehmen sind da. Immer je zwei Personen sitzen oder stehen sich gegenüber, präsentieren, fragen, machen Notizen, reichen Bewerbungsunterlagen, tauschen Telefonnummern, schütteln Hände. Es ist so intim wie zur Rush-Hour am Hauptbahnhof.
Ein Zettel an der Tischkante gibt Auskunft über die offenen Stellen, 300 sind es insgesamt. Ungelernte Tätigkeiten sind dabei, aber auch viele, die mindestens eine abgeschlossene Berufsausbildung verlangen, dazu ein paar Angebote für Nachwuchsführungskräfte. Möbelhäuser, Supermarktketten und Altenheime suchen neue Mitarbeiter. An den drei Siemens-Tischen herrscht Gedränge.

Teil 2: Vorbild aus Manchester

  • Aus der FTD vom 06.07.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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