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Merken   Drucken   17.06.2009, 19:13 Schriftgröße: AAA

Agenda: Die Bundeswehr muss töten

Dossier Seit sechs Jahren sind deutsche Soldaten in Afghanistan. Lange war es ruhig. Nun eskaliert die Lage: In der Provinz Kundus gehen Extremisten zum Angriff über - und zwingen die Bundeswehr in einen blutigen Krieg. von Joachim Zepelin (Kundus)
Reinhold Robbe sitzt in der ersten Reihe eines Bundeswehr-Airbus, hoch über dem Kaukasus, und wirkt mitgenommen. Eine Woche lang ist der Wehrbeauftragte des Bundestags durch Afghanistan gereist - und hat erlebt, worüber zu Hause in Deutschland kaum gesprochen wird. "Es gibt jetzt massiv Tote auf der anderen Seite", sagt der Sozialdemokrat. "Unsere Leute bekommen mit, dass sie getötet haben."
In Kundus, dem gefährlichsten Einsatzort der Deutschen, hat Robbe Bundeswehrsoldaten getroffen, die wenige Stunden vorher noch im Kampf standen. "Dramatisch" seien ihre Berichte gewesen, über Leben und Tod, über Hinterhalte, über Schusswechsel, über Sprengladungen. Ein Soldat habe im Sprechfunk über einen schwer verletzten Kameraden gesagt: "Ich glaube, er schafft es nicht." Robbe, 54 Jahre, ein ehemaliger Zivildienstleistender, blickt ins Leere. Er war schon oft in Afghanistan, nun schüttelt er den Kopf. "Das ist eine neue Qualität, die ich so noch nicht erlebt habe."
Am Hindukusch kann es für die Bundeswehr nach Einschätzung ...   Am Hindukusch kann es für die Bundeswehr nach Einschätzung westlicher Geheimdienste bald auf des Messers Schneide stehen
Immer wieder rutscht dem Wehrbeauftragten das Wort "Krieg" heraus. "Kriegerische Auseinandersetzung", verbessert er sich dann sofort, denn in Berlin will man nichts wissen von einem Krieg am Hindukusch. Man spricht in der deutschen Hauptstadt noch immer von einer "Stabilisierungsmission", an der sich Deutschland mit 3800 Soldaten beteilige.
Dabei hat sich die Lage in Afghanistan dramatisch verändert. Mit 400 Angriffen in der ersten Juniwoche verzeichnet die Statistik der Internationalen Schutztruppe (Isaf) einen neuen Höchststand. "Wir haben einige harte Monate vor uns", sagte vergangene Woche der US-Oberbefehlshaber David Petraeus . Und Nato-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer prophezeit "mehr Opfer auf allen Seiten".
Als die Bundeswehr vor sechs Jahren ihr erstes Wiederaufbaucamp in Afghanistan bezog, sprachen viele in der Heimat spöttisch von "Bad Kundus". Im Norden des Landes herrschte damals Ruhe, der Krieg war weit weg. Inzwischen setzen jedoch auch deutsche Soldaten vermehrt schwere Waffen ein, der Schützenpanzer Marder wurde bereits ins Land gebracht. In der ersten Juniwoche lieferten sich Bundeswehrtruppen heftige, stundenlange Kämpfe, die schwersten bis dahin. Und am Montag kam erstmals die US-Luftwaffe zu Hilfe. Im Tiefflug donnerten die Bomber über Kundus.
Vor allem in den Dörfern des Paschtunen-Distrikts Chardara im Westen von Kundus verbreiten bewaffnete Extremisten mittlerweile Angst und Schrecken. Sie kriechen dort in den Lehmgehöften unter, schließen Mädchenschulen, stürmen Moscheen und bedrohen alle, die ihrer Lehre vom strengen Islam nicht folgen. Und sie planen Anschläge gegen die Außenposten von Armee und Polizei der verhassten Karsai-Regierung in Kabul - und gegen die Armee der Ungläubigen, die Bundeswehr.

Teil 2: Wo die Bedrohung besonders zunimmt

  • Aus der FTD vom 18.06.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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