Am Hindukusch kann es für die Bundeswehr nach Einschätzung westlicher Geheimdienste bald auf des Messers Schneide stehen
Immer wieder rutscht dem Wehrbeauftragten das Wort "Krieg" heraus. "Kriegerische Auseinandersetzung", verbessert er sich dann sofort, denn in Berlin will man nichts wissen von einem Krieg am Hindukusch. Man spricht in der deutschen Hauptstadt noch immer von einer "Stabilisierungsmission", an der sich Deutschland mit 3800 Soldaten beteilige.
Dabei hat sich die Lage in Afghanistan dramatisch verändert. Mit 400 Angriffen in der ersten Juniwoche verzeichnet die Statistik der Internationalen Schutztruppe (Isaf) einen neuen Höchststand. "Wir haben einige harte Monate vor uns", sagte vergangene Woche der US-Oberbefehlshaber
David Petraeus . Und Nato-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer prophezeit "mehr Opfer auf allen Seiten".
Als die Bundeswehr vor sechs Jahren ihr erstes Wiederaufbaucamp in Afghanistan bezog, sprachen viele in der Heimat spöttisch von "Bad Kundus". Im Norden des Landes herrschte damals Ruhe, der Krieg war weit weg. Inzwischen setzen jedoch auch deutsche Soldaten vermehrt schwere Waffen ein, der Schützenpanzer Marder wurde bereits ins Land gebracht. In der ersten Juniwoche lieferten sich Bundeswehrtruppen heftige, stundenlange Kämpfe, die schwersten bis dahin. Und am Montag kam erstmals die US-Luftwaffe zu Hilfe. Im Tiefflug donnerten die Bomber über Kundus.
Vor allem in den Dörfern des Paschtunen-Distrikts Chardara im Westen von Kundus verbreiten bewaffnete Extremisten mittlerweile Angst und Schrecken. Sie kriechen dort in den Lehmgehöften unter, schließen Mädchenschulen, stürmen Moscheen und bedrohen alle, die ihrer Lehre vom strengen Islam nicht folgen. Und sie planen Anschläge gegen die Außenposten von Armee und Polizei der verhassten Karsai-Regierung in Kabul - und gegen die Armee der Ungläubigen, die Bundeswehr.