FTD.de » Politik » Deutschland » Die Organisation der Anti-Muslime

Merken   Drucken   02.04.2007, 18:47 Schriftgröße: AAA

Agenda: Die Organisation der Anti-Muslime

Das Koranurteil einer deutschen Richterin hat das Land erschüttert. Islamkritiker erhalten nun ungewöhnlichen Beistand: Der Zentralrat der Ex-Muslime kämpft gegen den politischen Islam - und erhält bereits Morddrohungen. von Thomas Steinmann (Köln)
Mina Ahadi, Vorsitzende des Zentralrats der Ex-Muslime   Mina Ahadi, Vorsitzende des Zentralrats der Ex-Muslime
Nein, sagt Mina Ahadi am Telefon, gegen Fotos habe sie nichts einzuwenden. Ganz im Gegenteil, der Fotograf könne gern mitkommen. "Wir müssen der Polizei nur seinen Namen mitteilen", bittet sie und schiebt wie zur Entschuldigung hinterher: wegen der Sicherheit. Wer Mina Ahadi treffen will, benötigt die Erlaubnis der Polizei. Die aus dem Iran stammende Kölnerin ist Vorsitzende des Zentralrats der Ex-Muslime in Deutschland, den sie Ende Februar mit rund 40 Gleichgesinnten gegründet hat.
Die Menschenrechtlerin hat damit Neuland betreten: Noch nie zuvor haben sich Muslime, die ihrer Religion abgeschworen hatten, in Verbänden organisiert.
Noch sind Ahadi und ihre Mitstreiter eine Splittergruppe. Und sie haben einen mächtigen Gegner - den Islam. Genauer: den politischen Islam, der sich über den Staat stellt, der am liebsten das Grundgesetz durch die Scharia ersetzen will. Die Antimuslime rufen Muslime dazu auf, ihrer Religion abzuschwören, weil "der Koran mit Menschenrechten nicht vereinbar" sei, sagt Ahadi. Wegen solcher Äußerungen erhält sie Morddrohungen von Fundamentalisten, die die Polizei sehr ernst nimmt.
Es sind die Ereignisse der letzten Monate, die Ahadi zum Handeln antreiben: das Urteil der Frankfurter Richterin, die eheliche Gewalt mit dem Koran rechtfertigte; die Absetzung der Mozartoper "Idomeneo" im vergangenen September aus Angst vor Anschlägen fundamentalistischer Eiferer; der Streit um die dänischen Mohammed-Karikaturen. Ahadi sieht darin Anzeichen einer schleichenden Kapitulation vor dem radikalen Islam und die Aufgabe abendländischer Werte.
Das Frankfurter Skandalurteil hat die Debatte, wie weit Toleranz gegenüber Andersgläubigen gehen darf, zuletzt mächtig angeheizt. Politiker meldeten sich zu Wort, warnten vor einer Unterwanderung durch islamistische Kräfte. Die Furcht ist nach Meinung des Terrorismusexperten Udo Ulfkotte in der Bevölkerung weit verbreitet. Deshalb will er 2008 zu der Hamburger Bürgerschaftswahl mit einer Anti-Islam-Partei antreten.
Auch die türkischstämmige Bundestagsabgeordnete der Grünen, Ekin Deligöz, die zu den prominenten Kritikern eines radikalen Islam gehört, fordert mehr Zivilcourage. "Diese Leute wollen, dass wir schweigen", sagt die Muslimin, "den Gefallen dürfen wir ihnen nicht tun." Deligöz hatte im vergangenen Herbst die in Deutschland lebenden muslimischen Frauen aufgefordert, den Schleier abzulegen. Auch sie erhielt daraufhin Morddrohungen und muss sich seitdem von Polizisten schützen lassen.
Der Mut hat immer seinen Preis: Aus Sicherheitsgründen empfängt auch die Ex-Muslimin Ahadi Besucher nur in einer Wohnung, in der sie nicht zu Hause ist. Vor der Tür wacht ein Beamte der Kölner Polizei auf einem Motorrad. Nichts an der Einrichtung trägt ihre Handschrift, nicht die braune Ledercouch, nicht die Grünpflanzen neben dem Wohnzimmerschrank, nicht der Miniaturnachbau eines Segelschiffs im Regal. Aber die Frauenrechtlerin hat gelernt, mit der Gefahr zu leben, seit sie sich einst im Iran gegen das Mullah-Regime stellte.
Welchen Sprengstoff der Zusammenprall zwischen einem fundamentalistischen Islam und westlichen Werten birgt, haben die Niederlande bereits erlebt. Nach dem Mord an dem islamkritischen Filmemacher Theo van Gogh im Herbst 2004 brannten erst Moscheen und dann Kirchen - die Nachwehen spüren die Niederländer bis heute. "Eines Tages werden die Probleme mit dem Islam auch bei uns wie eine Bombe explodieren", prophezeit Ahadi.

Weiter zu Seite 2

  • Aus der FTD vom 03.04.2007
    © 2007 Financial Times Deutschland,
Jetzt bewerten
Bookmarken   Drucken   Senden   Leserbrief schreiben   Fehler melden  

Den Parameter für die jeweilige Rubrik anpassen: @videoList
  • Wulff-Affäre: Menschen im Hotel

    Die Vorwürfe gegen Bundespräsident Wulff grenzten zuletzt ans Lächerliche, die neuen tun es nicht: Sie legen den Verdacht einer Vorteilsnahme nahe. Es könnte eng werden. mehr

  •  
  • blättern
Tweets von FTD.de Politik-News

Weitere Tweets von FTD.de

Newsletter:   Newsletter: Eilmeldungen Politik

Ob Regierungsauflösung oder Umfragehoch für die Linkspartei - erfahren Sie wichtige Politik-Nachrichten, sobald sie uns erreichen.

Beispiel   |   Datenschutz
FTD-Debatte

zur FTD-Debatte

 



DEUTSCHLAND

mehr Deutschland

EUROPA

mehr Europa

INTERNATIONAL

mehr International

KONJUNKTUR

mehr Konjunktur

 
© 1999 - 2012 Financial Times Deutschland
Aktuelle Nachrichten über Wirtschaft, Politik, Finanzen und Börsen

Börsen- und Finanzmarktdaten:
Bereitstellung der Kurs- und Marktinformationen erfolgt durch die Interactive Data Managed Solutions AG. Es wird keine Haftung für die Richtigkeit der Angaben übernommen!

Über FTD.de | Impressum | Datenschutz | Disclaimer | Mediadaten | E-Mail an FTD | Sitemap | Hilfe | Archiv
Mit ICRA gekennzeichnet

VW | Siemens | Apple | Gold | MBA | Business English | IQ-Test | Gehaltsrechner | Festgeld-Vergleich | Erbschaftssteuer
G+J Glossar
Partner-Angebote