Es gab Zeiten, rosig und sorglos, da hatte es Bernd Raffelhüschen schwer. Die Stiftung Marktwirtschaft hatte nach Berlin eingeladen, in die Nähe des Checkpoint Charlie. Draußen war Herbst und ein Land, dessen Wirtschaft vor Kraft strotzte.
Über die Rentenversicherung sollte der Freiburger Professor sprechen. Auf den Tischen stapelten sich Tabletts mit Schnittchen, Bagels und Kuchen. Beamer und Laptop waren startbereit, um Grafiken und Schaubilder an die Wand zu malen. Ganz so wie früher.
Es gab nur ein Problem: Niemand interessierte sich an diesem Herbsttag 2007 für Bernd Raffelhüschen. Er wartete lange, doch nur eine Journalistin kam. Der Rentenexperte ließ sich nichts anmerken. Mit gewohnt markanter Stimme und großer Geste begann er seine Präsentation vor den leeren Stühlen, warf Kurven und Grafiken an die Wand. Ganz so wie früher.
Wie damals, als es Deutschland noch schlecht ging. 2002, 2003, 2004, als der Professor ein Star war. Als fünf Dutzend Journalisten und zehn Kamerateams Stellung bezogen, wenn Raffelhüschen über den Untergang Deutschlands sprach. Über die Hunderte Milliarden Euro an Kosten, die sich in fernen Dekaden in der Renten- oder Pflegeversicherung auftürmen würden.
Es war eine großartige Zeit, die Zeit der Reformen, der Agenda 2010, der Epochenwenden, der großen Würfe und Zukunftskommissionen: Hartz, Herzog, Rürup. Die Mitglieder, zu denen auch Raffelhüschen zählte, waren Helden, die teilweise mit Hubschraubern durch das kranke Land flogen und Hintergrundgespräche mit Journalisten vom Klo aus führten. Raffelhüschen war Oktober 2002 sogar Gast bei Stefan Raabs "TV Total". In jenen Jahren begannen die Sätze meist mit "Deutschland muss ..." Es ging um das große Ganze, die Rettung des Landes. Dann kamen die Reformen. Die Agenda 2010. Dann kam die Große Koalition. Und dann der Aufschwung.
2006 und 2007 brummte die Wirtschaft. Die Steuerschätzer kamen mit dem Zählen nicht mehr nach, Wachstumszahlen mussten erstmals nach oben korrigiert werden und Arbeitslosenzahlen nach unten. Je besser die Konjunktur lief, desto schlimmer lief es für die einstigen Helden. Niemand wollte mehr etwas hören von Abstieg, Umbau oder Untergängen.
Bis die Lage endlich wieder schlechter wurde. Die Finanzkrise, steigende Lebensmittel- und Benzinpreise und erste Szenarien über einen Konjunkturabschwung haben den Untergangspropheten, Sozialaposteln und Krisenpredigern einen zarten Aufschwung beschert. Die Nervensägen sind wieder da.
Für Bernd Raffelhüschen ging es bereits im März los, als die Regierung an der Rentenformel herumfummelte. Kaum waren die schlechten Pläne publik, war Raffelhüschen auf allen Kanälen: Ohne Riester-Faktor "kommen auf die Rentenkasse bis 2030 Mehrkosten von insgesamt 115 Mrd. zu!", warnte er.
Experten wie der Freiburger Professor haben mit ihren Thesen und Zahlen nicht unbedingt unrecht. Es ist nur die Lust am Untergang, die stört: Sie leben von der Krise.
Teil 2: Selbst auf Servietten beim Bundespresseball präsent