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Merken   Drucken   24.02.2004, 19:53 Schriftgröße: AAA

Agenda: 'Geld oder Azubi'

Wirtschaftsverbände wehren sich massiv gegen ein Zwangsgeld zur Förderung von Lehrstellen. Nur die Landschaftsgärtner regen sich nicht auf. Sie zahlen seit vielen Jahren in eine gemeinsame Ausbildungskasse ein - und sind mit dem Ergebnis höchst zufrieden. von Anton Notz, Hamburg
Veränderungen bei Auszubildenden und Beschäftigten   Veränderungen bei Auszubildenden und Beschäftigten
Müsste Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt den neuen SPD-Chef mit dem Zeichenstift beschreiben, würde er Franz Müntefering als stoppelbärtigen Anführer einer Räuberbande skizzieren, der Unternehmern knallhart die Pistole auf die Brust setzt. In Müntes Sprechblase stünde: "Geld oder Azubi".
Die deutsche Wirtschaft sieht sich in der Nach-Schröder-Sozialdemokratie einem Erpressungsversuch ausgesetzt. Mit neuem Mut treiben die Genossen ihre Pläne für eine Lehrstellenabgabe voran. Der Gesetzentwurf soll noch diese Woche in die Ressortabstimmung gehen und im März vom Kabinett verabschiedet werden. Die Stoßrichtung ist klar: Wer nicht ausbildet, soll zahlen.
"Wenn die Abgabe kommt, wird die duale Ausbildung verstaatlicht", zetert Martin Wansleben, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK). Und Dieter Philipp, Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, warnt: "Eine Abgabe würde mehr Ausbildungsplätze zerstören als schaffen."
Viele Unternehmer teilen diese Befürchtungen und drängen ihre Verbände, gesetzliche Zwangsmaßnahmen mit aller Macht zu verhindern. Hingegen kann eine ganze Branche - auf Arbeitgeber- wie auf Arbeitnehmerseite - die Aufregung nicht so recht verstehen: Deutschlands Landschaftsgärtner. Sie zahlen seit 26 Jahren eine Ausbildungsplatzabgabe und denken nicht einmal im Traum daran, sie abzuschaffen.
Kräftiges Wachstum an Auszubildenen in Landschafts-Gärtnereien   Kräftiges Wachstum an Auszubildenen in Landschafts-Gärtnereien
Lasten der Ausbildung gerechter verteilen
"Wir können mit Fug und Recht behaupten, dass sich diese Investition lohnt", sagt Herrmann Kurth, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Garten- und Landschaftsbau. "Ohne Ausbildungsumlage hätten wir all die Jahre viel weniger Lehrlinge gehabt und damit einen viel höheren Fachkräftemangel."
In den 70er Jahren standen die Landschaftsgärtner vor dem Problem, dass nur wenige Betriebe ausbildeten und qualifizierter Nachwuchs oft von der Konkurrenz abgeworben wurde. Arbeitgeber und Gewerkschaft wollten die Lasten der Ausbildung gerechter verteilen und Anreize setzen, dass neue Lehrstellen entstehen. Deshalb gründeten sie ein Förderwerk.
Es finanziert sich bis heute durch eine tarifvertraglich geregelte Ausbildungsumlage, die so wenig freiwillig ist wie die von der SPD-Bundestagsfraktion geplante Abgabe: Jedes Unternehmen gibt - unabhängig von der Größe - monatlich 0,8 Prozent seiner Bruttolohnsumme in die Solidargießkanne, die dann gezielt ausschüttet: Für jeden Lehrling gibt es Geld zurück.
Im vergangenen Jahr erhielten Lehrbetriebe nach Angaben des Förderwerks für jeden Azubi Leistungen im Wert von 1400 Euro. "Das wiegt die Kosten der Ausbildung nicht auf, aber es entschädigt", sagt Christoph Bohr, der in der Oberlausitz einen Zehn-Mann-Betrieb führt und zwei Lehrlinge beschäftigt. "Hinzu kommt, dass die Qualität der Ausbildung enorm gewinnt."
Ausbildungsplätze in Deutschland   Ausbildungsplätze in Deutschland
Alle säen, viele ernten
Die grüne Branche folgt dem Prinzip: Alle säen, viele ernten. Direkt entschädigt werden Betriebe für die Zeit, die sie ihre Lehrlinge für Berufsschule und Seminare abstellen. Außerdem wird aus dem Abgabentopf die gesamte überbetriebliche Ausbildung bestritten, die genau festgelegt ist: Jeder Azubi muss mindestens sechs Spezialkurse belegen. "Ein Landschaftsgärtner, der in Kiel ausgebildet wird, unterliegt denselben Qualifikationsstandards wie sein Kollege in Garmisch-Partenkirchen", sagt der schleswig-holsteinische Verbandschef Achim Meierewert.
Teure Handbücher zur Pflanzenkunde und andere Ausbildungsmaterialien stellt das Förderwerk ebenfalls kostenlos. Und schließlich wird etwa ein Fünftel der gesamten Abgaben, die im letzten Jahr rund 10 Mio. Euro ausmachten, für die Nachwuchswerbung ausgegeben. Gerade hat der Verband eine Kampagne in Jugendzeitschriften gestartet, Ausbildungsberater sind in Schulen und auf Messen unterwegs, um zu erläutern, weshalb es lohnt, sich für diesen Beruf die Hände schmutzig zu machen.
Das Ergebnis der Förderpolitik kann sich sehen lassen. Die Ausbildungsquote liegt mit acht Prozent weit über vielen anderen Branchen. Seit Einführung der Umlage stieg die Zahl der Ausbildungsplätze ziemlich stetig an - allein zwischen 1992 und 2002 um mehr als die Hälfte auf gut 6100. Ein Jahr zuvor waren es sogar knapp 6700 Stellen - die Konjunkturschwäche ging auch am Landschaftsbau nicht spurlos vorbei.
"Die Abgabe ist sinnvoll und notwendig", sagt Volker May, der in München ein 100-Mitarbeiter-Unternehmen führt und im Laufe seines Berufslebens über 200 Gehilfen hervorbrachte. Lars Weigel hat die Ausbildung selbst durchlaufen, ist jetzt Juniorchef eines Fürther Landschaftsbaubetriebs und sagt: "Wir zahlen aus Überzeugung."
Archiv: Kosten der betrieblichen Berufsausbildung   Archiv: Kosten der betrieblichen Berufsausbildung
Bürokratisches Monster befürchtet
Das Biotop der Landschaftsgärtner - für Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement ein akzeptables Modell, solange sich die Tarifparteien freiwillig darauf einlassen. Hingegen lehnt er die von seiner Partei favorisierte Ausbildungsplatzabgabe strikt ab. Nach Vorstellungen der SPD soll es jedes Jahr im Herbst eine Lehrstellenzählung geben, von der lediglich Betriebe mit weniger als zehn Beschäftigten ausgenommen sind. Eine Erfassungsstelle - möglicherweise die Bundesagentur für Arbeit - würde Anspruch und Wirklichkeit abgleichen und dann die erforderliche Ausbildungsquote festlegen.
Zwischen 6000 und 8000 Euro für jede fehlende Lehrstelle müssten jährlich aufgebracht werden, rechnen die Wegbereiter der Ausbildungsplatzabgabe. Das würde sich auf 160 Mio. Euro summieren, wenn wie im vergangenen Jahr 20.000 Jugendliche ohne Lehrstelle bleiben.
"Welch bürokratisches Monster", stöhnt Handwerkspräsident Philipp. "Interventionistisch, bürokratisch, mittelstandsfeindlich!", poltern die Volkswirte der Arbeitsgemeinschaft Mittelstand. "Kontraproduktiv", warnt der Rat der fünf Wirtschaftsweisen. Schützenhilfe erhalten sie von sozialdemokratischen Länder-Regierungschefs wie dem rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Kurt Beck und dessen nordrhein-westfälischem Amtskollegen Peer Steinbrück, die sich höchstens mit freiwillige Lösungen abfinden könnten: einer Gartenzwerg-Idylle, wie sie die Landschaftsbauer kennen.
In der Baubranche existiert ein ähnliches Umlagemodell. Alle Betriebe führten im vergangenen Jahr 1,6 Prozent der Bruttolohnsumme ab, insgesamt immerhin 260 Mio. Euro. "Trotzdem halbierte sich die Zahl der Ausbildungsplätze seit 1996", wendet DIHK-Präsident Ludwig Georg Braun ein. Aber wie die Landschaftsgärtner verteidigen auch die Bauarbeitgeber ihre Abgabe. "Sinkt die Zahl der Beschäftigten auf Grund des Strukturwandels drastisch, werden natürlich weniger Lehrlinge eingestellt", sagt Werner Kahl, Vizepräsident des Zentralverbands des Deutschen Baugewerbes. "Ohne die Umlage gäbe es sicher noch viel weniger Lehrstellen."
Brancheninterne Umlage favorisiert
In einem Punkt sind sich die Verfechter einer brancheninternen Umlage einig mit den Spitzen der Wirtschaftsverbände: Einen staatlichen Eintopf darf es nicht geben. Wenn eine Behörde viel Geld umverteilen könne, gehe ein Teil garantiert an die falsche Stelle. "Unsere Betriebe unterstützen aus Überzeugung ihre eigene Branche", sagt Kahl. "Was die SPD plant, wäre katastrophal."
Doch Franz Müntefering will sich nicht davon abbringen lassen, die durch rot-grüne Sozialreformen geschundene Seele der SPD-Linken zu streicheln. Im Vordergrund werde "tarifvertragliche Freiwilligkeit" stehen, lockt der Chef-Genosse. "Aber ich sage auch ganz klar: Wenn das alles nicht reicht, dann gilt: Die, die sich drücken, müssen bezahlen."

MangelSeit 1996 gibt es regelmäßig weniger offene Lehrstellen als unvermittelte Bewerber.
Zuwachs Landschaftsbauer bilden Jahr für Jahr mehr Lehrlinge aus - wenn die Konjunktur mitspielt.
Gleichlauf Ausbildungsplätze entstehen zumeist nur dort, wo auch reguläre Jobs geschaffen werden.
  • FTD, 24.02.2004
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