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Merken   Drucken   11.09.2008, 21:33 Schriftgröße: AAA

Agenda: Gesundheitsfonds - Seid verschlungen, Milliarden!

Dossier Es ist die größte Umwälzung, die Deutschlands Krankenkassen je erlebt haben: Die Vorbereitungen für den Gesundheitsfonds laufen auf Hochtouren. Doch niemand weiß, was die Datenflut anrichten wird. Auf den Spuren einer Formel, die alles verändern soll. von Timm Krägenow (Bonn), Lukas Heiny und Sabine Rössing (Hamburg)
"Hier", sagt Stefan Colombier und greift in seine Geldbörse. "Sieht aus wie eine Krankenkassenkarte." Klein, unscheinbar. Nichts verrät, was mit dieser Karte alles möglich ist.
Sie hat eine sechsstellige Pin, und wenn Colombier sie in das Lesegerät neben seinem Computer steckt und den Code eingibt, kann er künftig Milliarden verteilen. Gigantische Summen wird er auf den Weg bringen, von einem Konto mit der Nummer 50.401.699 bei der Deutschen Bundesbank, BLZ 50.400.000. Das Geld von 73 Millionen deutschen Versicherten - Colombier verteilt es an die Krankenkassen. Rund 156 Mrd. Euro pro Jahr. "Es gilt das Vieraugenprinzip", sagt der Verwaltungswirt trocken.
Colombier arbeitet für das Bundesversicherungsamt (BVA). Hier, im zweiten Stock der Bonner Behörde, schlägt das Herz des Gesundheitsfonds. Das Herz eines Monstrums, wie viele sagen. Kritiker prophezeien seit Langem, dass ab Januar das deutsche Gesundheitssystem kollabiert. Der Fonds sei eine "von vorn bis hinten verkorkste Reform", schimpft die Opposition. Der Wirtschaftsweise Bert Rürup fordert eine "Notoperation". Einigen Krankenkassen drohe sonst der Ruin.
Zu spät. Die Maschinerie ist längst angelaufen, Anfang Oktober wird die Regierung den neuen, einheitlichen Beitragssatz festlegen. Prognose: satte 15,5 Prozent.
Grafik zur Organisation des Gesundheitsfonds   Grafik zur Organisation des Gesundheitsfonds
Der neue Fonds ist der gewaltigste Eingriff in das Gesundheitssystem der vergangenen Jahrzehnte. Noch immer ist völlig unklar, was nach dem 1. Januar 2009 passieren wird, zu welchen Ergebnissen die neuen Regeln bei den mehr als 200 Krankenkassen führen werden. Entsprechend groß ist die Nervosität im Gesundheitsmarkt. Unter Hochdruck arbeiten die Kassen an neuen Angeboten, lassen Simulationsrechnungen durchführen und stellen Leute ein, die ein mögliches Chaos auffangen sollen.
Entstanden ist der Fonds aus einem politischen Kompromiss. Monatelang wurde gerungen und gestritten, um Zusatzprämien, Konvergenzklauseln und Risikozuschläge. Am Ende stand ein Gebilde, das die Autonomie der Kassen einschränkt. Der Beitragssatz wird künftig vom Gesundheitsministerium festgesetzt. Und die Einnahmen fließen nicht mehr an die Kassen, sondern erst nach Bonn, zu Stefan Colombier.
So groß scheint die Umwälzung, dass dem Ministerium sogar ein Kasernengelände für die neue Verwaltung angeboten wurde. Um der Kritik des "bürokratischen Monsters" zu begegnen, wurde der Einzug der Beiträge aber bei den Kassen belassen - und auf eine neue Behörde verzichtet.
Ein Flur, ein paar graue Türen und Zimmerpflanzen, nur 20 Beamte. Keine Großrechner, normale PC und eine Buchhaltungssoftware, mit der Colombier und seine Kollegen die Eingänge auf dem Fondskonto registrieren. "Dem Programm ist es egal, ob man damit Hunderttausende verwaltet oder Milliarden", sagt Colombier.

Teil 2: Zugangskontrolle für die Zahlungscomputer

  • Aus der FTD vom 12.09.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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