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Merken   Drucken   15.03.2010, 08:30 Schriftgröße: AAA

Agenda: Guidos Kampf

Mit gezielten Provokationen und der ungeschickten Auswahl seiner Reisebegleiter hat Westerwelle in Deutschland eine Schlammschlacht ausgelöst. Sechs Monate nach seinem Wahlsieg greift der Außenminister an - schon wieder. von Timo Pache, Siegen, Monika Dunkel und Claudia Kade  Berlin
Guido Westerwelle  vergisst nichts, niemals. Über eine halbe Stunde hat er schon geredet, über die aufstrebenden Volkswirtschaften Südamerikas und die Schläfrigkeit deutscher Politik. Ungefähr dreimal hat sein Publikum in Siegen müden Beifall gespendet und sich wahrscheinlich gefragt, ob das alles sein soll - nach dieser Woche der Anfeindungen.
Doch dann ist der Außenminister, Vizekanzler und FDP-Vorsitzende endlich in der deutschen Innenpolitik angekommen. Er hebt beide Arme auf Augenhöhe, streckt die Zeigefinger und führt sie aufeinander zu, wie beim Idiotentest. Die Zeigefinger gehen aneinander vorbei. Er grinst. "The published opinion is not always the public opinion. That's English." Da springen die knapp 400 Delegierten der nordrhein-westfälischen FDP mit einem Mal von ihren Stühlen und jubeln und grölen. Darauf haben sie gewartet, das ist ihr Guido, der vergisst nichts, der verzeiht nichts.
Auch diese Episode nicht. Einen Tag nach seinem triumphalen Wahlsieg im vergangenen September hatte ein BBC-Journalist den mutmaßlich neuen Außenminister auf einer Pressekonferenz in Berlin mehrfach gebeten, eine Frage auf Englisch zu beantworten. Westerwelle sperrte sich, zunächst höflich, dann immer harscher. Schließlich beschied er den Frager mit der Belehrung: "Wir sind hier in Deutschland", und in Deutschland spreche man eben deutsch. Kein guter Start für den neuen Außenminister, er wirkte dünnhäutig, schneidend, unsouverän.
Nun also die Revanche für den Hohn und Spott, den er damals über sich ergehen lassen musste. Doch die zwei Englischsätze sind mehr - sie sind eine bitterernste Botschaft an seine Gegner, eine Drohung: Ich vergesse nichts, ich gehe nichts und niemandem aus dem Weg. Ihr wollt eine Schlammschlacht? Ihr könnt eine Schlammschlacht haben.
Der Außenminister und FDP-Parteivorsitzende Guido Westerwelle ...   Der Außenminister und FDP-Parteivorsitzende Guido Westerwelle spricht in Siegen beim Landesparteitag der nordrhein-westfälischen FDP
Ab jetzt steht ein anderer Westerwelle auf der Bühne. Äußerlich ist er ganz ruhig, aber in ihm brodelt es. Er ballt die Fäuste, hämmert auf sein Rednerpult. Ich wollte deutsche Interessen in Südamerika vertreten, deutschen Firmen Türen öffnen und ein bisschen gute Stimmung machen. Doch ihr habt eine Woche lang kübelweise Schmutz über mich, meine Begleiter und meine Freunde ausgekippt.
Die Bühne ist Westerwelles vertrautes Terrain. Hier will er seine Ehre retten - und seine politische Karriere. Noch nicht einmal sechs Monate im Amt als Außenminister und Vizekanzler, steht er schon wieder in einer beispiellosen Schlacht, in der es um alles geht: um die Macht von Schwarz-Gelb, um die Richtung in Deutschland, wie er das nennt, und nicht zuletzt auch um ihn. Verlieren die Liberalen die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen in knapp zwei Monaten und fliegen sie aus der Regierung, wäre Westerwelles Führungsanspruch in der FDP schwer angeknackst, wenn nicht mehr. Für die restliche Amtszeit von über drei Jahren wäre Westerwelle eine "lame duck", ein Außenminister und Vizekanzler mangels Alternative.

Teil 2: Anfeindungen und Vorwürfe

  • Aus der FTD vom 15.03.2010
    © 2010 Financial Times Deutschland,
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