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Merken   Drucken   14.04.2009, 20:17 Schriftgröße: AAA

Agenda: Hier ist die Krise

Lange Zeit haben die Deutschen nichts von der Jahrhundertkrise gespürt. Doch unaufhaltsam dringt sie in das Leben der Menschen vor - Angst und Verzweiflung greifen um sich. Eine Reise durch ein verunsichertes Land. von L. Heiny (Bremerhaven), K. Werner (Magdeburg), N. Klöckner (Berlin/Salzgitter) und H. Fischer (Stuttgart)
Peter Frohn sitzt in seiner Stammkneipe. Am Ohr einen Brilli, am Handgelenk ein Goldarmband - und um den Hals eine Krawatte. "Hör mal", sagt er so laut, dass es alle im Raum hören können, "ich trag so was normalerweise nicht, nur wenn es offiziell wird, klar?" Frohn ist einer von hier, breiter bremischer Akzent, unter dem schwarzen Hemd voll tätowiert. Vor einer halben Stunde hat er noch mit den Geschäftsführern verhandelt, nach Lösungen gesucht, Sozialpläne diskutiert, deshalb die Krawatte. "Es geht um Augenhöhe", sagt er. "Wir wollen so viele Kollegen retten wie möglich."
Nun sitzt er im Hinterzimmer der "Letzten Kneipe vor New York", direkt am Bremerhavener Kaiserhafen, und raucht Marlboro. Am Tresen rufen Werftarbeiter in Blaumann und Helm die Bedienung "Schätzchen" und wollen Haake-Beck vom Fass oder ein Kännchen Kaffee vor der Nachtschicht.
Seit beinahe drei Jahrzehnten ist Frohn Hafenarbeiter, seit 14 Jahren Chef des Betriebsrats des Gesamthafenbetriebsvereins (GHB) in Bremerhaven - und seit ein paar Wochen letzter Hoffnungsträger Hunderter Kollegen, die ihre Kündigung erwarten. Es ist die dritte große Krise, die der 55-Jährige miterlebt. Doch dieses Mal ist alles anders. "Hier ist eine Panzerplatte runtergeknallt", sagt er. "Du spürst die aggressive Spannung in der Luft, eine Kleinigkeit reicht, dass sich die Leute an die Wäsche gehen." Jeder im Hafen verzichtet auf irgendetwas, meist auf Geld, und wer jetzt nicht voll ranklotzt, wird angeblafft, es geht doch um ihre Jobs!
Die Krise hat sich festgesetzt, in Bremerhaven viel hartnäckiger als anderswo. Im ersten Quartal ist das Containergeschäft im Vergleich zum Vorjahr um ein Viertel eingebrochen, der Autoumschlag sogar um die Hälfte. Noch vor wenigen Monaten, im Rekordjahr 2008, stapelten sich am Wilhelm-Kaisen-Terminal die Container dreifach und vierfach. Nun liegen Flächen brach. Im Boom mussten die Schiffe vor Helgoland warten, weil alle Plätze an der Kaje belegt waren. Nun klaffen weite Lücken - und den bremischen Häfen droht eine Entlassungswelle. 1050 von insgesamt 2700 GHB-Mitarbeitern werden ihren Job verlieren.
Bilderserie Bilderserie: Wie die Deutschen die Krise spüren
Wütend macht ihn das, sagt Frohn: "Aber du kannst die Wut nirgendwo lassen, du weißt ja nicht, wem du in die Fresse hauen sollst." Es ist einfach keine Arbeit da.
Seit Monaten lesen die Menschen in Deutschland, dass es bergab geht, eine Schreckensnachricht jagt die nächste. Doch lange war von der schwersten Wirtschaftskrise seit Menschengedenken im Alltag kaum etwas zu spüren. Erst langsam, ganz langsam nistet sie sich ein, schleichend, wie ein Nebel, der sich über eine Landschaft legt, wie feuchte Kälte, die langsam durch die Kleidung kriecht und einen erschauern lässt.
Immer tiefer dringt die Krise in das Leben der Menschen vor, bringt sie um den Schlaf, lässt sie verzweifeln. "Jetzt sind die großen Räder gebrochen", sagte Bundespräsident Horst Köhler während seiner Berliner Rede Ende März. "Wir werden Ohnmacht empfinden und Hilflosigkeit und Zorn."

Teil 2: "Am Anfang war die Krise ganz weit weg"

  • Aus der FTD vom 15.04.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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