Peter Frohn sitzt in seiner Stammkneipe. Am Ohr einen Brilli, am Handgelenk ein Goldarmband - und um den Hals eine Krawatte. "Hör mal", sagt er so laut, dass es alle im Raum hören können, "ich trag so was normalerweise nicht, nur wenn es offiziell wird, klar?" Frohn ist einer von hier, breiter bremischer Akzent, unter dem schwarzen Hemd voll tätowiert. Vor einer halben Stunde hat er noch mit den Geschäftsführern verhandelt, nach Lösungen gesucht, Sozialpläne diskutiert, deshalb die Krawatte. "Es geht um Augenhöhe", sagt er. "Wir wollen so viele Kollegen retten wie möglich."
Nun sitzt er im Hinterzimmer der "Letzten Kneipe vor New York", direkt am Bremerhavener Kaiserhafen, und raucht Marlboro. Am Tresen rufen Werftarbeiter in Blaumann und Helm die Bedienung "Schätzchen" und wollen Haake-Beck vom Fass oder ein Kännchen Kaffee vor der Nachtschicht.
Seit beinahe drei Jahrzehnten ist Frohn Hafenarbeiter, seit 14 Jahren Chef des Betriebsrats des Gesamthafenbetriebsvereins (GHB) in Bremerhaven - und seit ein paar Wochen letzter Hoffnungsträger Hunderter Kollegen, die ihre Kündigung erwarten. Es ist die dritte große Krise, die der 55-Jährige miterlebt. Doch dieses Mal ist alles anders. "Hier ist eine Panzerplatte runtergeknallt", sagt er. "Du spürst die aggressive Spannung in der Luft, eine Kleinigkeit reicht, dass sich die Leute an die Wäsche gehen." Jeder im Hafen verzichtet auf irgendetwas, meist auf Geld, und wer jetzt nicht voll ranklotzt, wird angeblafft, es geht doch um ihre Jobs!
Die Krise hat sich festgesetzt, in Bremerhaven viel hartnäckiger als anderswo. Im ersten Quartal ist das Containergeschäft im Vergleich zum Vorjahr um ein Viertel eingebrochen, der Autoumschlag sogar um die Hälfte. Noch vor wenigen Monaten, im Rekordjahr 2008, stapelten sich am Wilhelm-Kaisen-Terminal die Container dreifach und vierfach. Nun liegen Flächen brach. Im Boom mussten die Schiffe vor Helgoland warten, weil alle Plätze an der Kaje belegt waren. Nun klaffen weite Lücken - und den bremischen Häfen droht eine Entlassungswelle. 1050 von insgesamt 2700 GHB-Mitarbeitern werden ihren Job verlieren.