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Merken   Drucken   14.05.2008, 19:07 Schriftgröße: AAA

Agenda: Horst wie?

Die Berliner Politik diskutiert über eine zweite Amtszeit von Horst Köhler. Doch es wird keinen Streit geben, alles ist nur Taktik - der Bundespräsident wird wiedergewählt werden. Bleibt die Frage: Wie war Köhler eigentlich? von Peter Ehrlich (Berlin)
Horst Köhler sucht erst einmal seine Brille, dann kann es losgehen. Der Bundespräsident hat im Schloss Bellevue an diesem Abend einen besonderen Gast, aber er wirkt zerstreut. Im Nebenraum wollte er Kofi Annan, den früheren Uno-Generalsekretär, zum "Mittagessen" bitten, dabei wartet ein festliches Dinner.
Die Rede beginnt etwas steif. Köhler spricht über das "besondere Anliegen", über die Ehrung des Friedensnobelpreisträgers mit der höchsten Stufe des Bundesverdienstordens für Menschen, die nicht Staatsoberhäupter sind. Plötzlich verlässt der Präsident den Redetext. Annan sei doch vor Kurzem 70 geworden, und nun solle ihm der Saal ein Ständchen bringen. Und dann singt Köhler los, "Viel Glück und viel Segen ...", ganz spontan, und die Festgäste stimmen zaghaft ein.
Es sind solche Gesten, die dem immer noch ungelenk wirkenden Köhler die Herzen zufliegen lassen. Seit vier Jahren ist er im Amt und mit Abstand der beliebteste Politiker des Landes. Würde er direkt gewählt, was Köhler selbst einmal vorgeschlagen hat, die Wiederwahl wäre ihm sicher.
Trotzdem gärt seit ein paar Wochen eine Diskussion um seine zweite Amtszeit. In Berlin scheinen die Verantwortlichen längst nicht so einig wie das Volk, dass Köhler die Idealbesetzung für den Posten ist. Die CDU will, die FDP will auch, die Grünen wollen warten, die CSU verlangt gar Bekenntnisse, und die SPD ist uneins - die Führung neigt zu Köhler, aber die Partei verlangt ein Zeichen der Eigenständigkeit und überlegt gerade öffentlich, erneut mit Gesine Schwan, ihrer Kandidatin vom letzten Mal, ins Rennen zu gehen. "Es stünde der SPD gut an, wenn sie die Partei wäre, die die erste Frau ins höchste Amt bringt", sagt SPD-Vizechefin Andrea Nahles.
Nichts ist sicher, kein Automatismus, so die Botschaft - doch am Ende ist alles nur Taktik, keiner zweifelt ernsthaft an der Wiederwahl. Der Bundespräsident selbst schweigt noch.
Bundespräsident Horst Köhler gilt in der Politik als ...   Bundespräsident Horst Köhler gilt in der Politik als Seiteneinsteiger
Vielleicht ist diese Kluft zwischen öffentlicher Meinung und Berliner Betrieb nur die logische Konsequenz von Köhlers Amtszeit. Denn so beliebt er war, die große Politik wurde nie mit ihm warm - und so kann man nach vier Jahren auch schwer sagen, wer Köhler eigentlich war, was ihn auszeichnete - außer der Tatsache, dass er irgendwie anders war. Anders, das war er von Anbeginn.
Köhler kam als Seiteneinsteiger in die Politik. Er war zwar Redenschreiber, Spitzenbeamter und Staatssekretär, aber danach auch Sparkassenpräsident, Chef der Osteuropabank und des Internationalen Währungsfonds (IWF). Als ihn die Oppositionsführerin Angela Merkel Anfang 2004 als Kandidaten für das höchste Staatsamt zurück nach Deutschland holt, hat er wenig Ahnung vom politischen Betrieb der Ära Gerhard Schröder . Für Rot-Grün gilt er als Menetekel der drohenden Herrschaft von Schwarz-Gelb, für Merkel und Guido Westerwelle ist er die Vorhut des Machtwechsels. Es wird knapp: Köhler erhält im ersten Wahlgang nur eine Stimme mehr, als für die absolute Mehrheit erforderlich ist.
Der Neue muss sich seinen Platz erst suchen. "Im Berliner Betrieb hatten alle Angst, dass er sich verhaspelt", erinnert sich der Duisburger Politikwissenschaftler Karl-Rudolf Korte an die Anfänge. Und so lobt Köhler erst mal Gerhard Schröder, um ihn gegen die Linken in der SPD zu stärken. Und macht sich unverhohlen für eine Koalition aus Union und FDP stark. Er ist ein Überzeugungstäter. Beim Jobgipfel 2005 zwischen Merkel und Schröder mischt er sich mit Detailvorschlägen ein, die einem Präsidenten eigentlich nicht zustehen.

Teil 2: Köhler überzeugt als guter Zuhörer

  • Aus der FTD vom 15.05.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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