Horst Köhler sucht erst einmal seine Brille, dann kann es losgehen. Der Bundespräsident hat im Schloss Bellevue an diesem Abend einen besonderen Gast, aber er wirkt zerstreut. Im Nebenraum wollte er Kofi Annan, den früheren Uno-Generalsekretär, zum "Mittagessen" bitten, dabei wartet ein festliches Dinner.
Die Rede beginnt etwas steif. Köhler spricht über das "besondere Anliegen", über die Ehrung des Friedensnobelpreisträgers mit der höchsten Stufe des Bundesverdienstordens für Menschen, die nicht Staatsoberhäupter sind. Plötzlich verlässt der Präsident den Redetext. Annan sei doch vor Kurzem 70 geworden, und nun solle ihm der Saal ein Ständchen bringen. Und dann singt Köhler los, "Viel Glück und viel Segen ...", ganz spontan, und die Festgäste stimmen zaghaft ein.
Es sind solche Gesten, die dem immer noch ungelenk wirkenden Köhler die Herzen zufliegen lassen. Seit vier Jahren ist er im Amt und mit Abstand der beliebteste Politiker des Landes. Würde er direkt gewählt, was Köhler selbst einmal vorgeschlagen hat, die Wiederwahl wäre ihm sicher.
Trotzdem gärt seit ein paar Wochen eine Diskussion um seine zweite Amtszeit. In Berlin scheinen die Verantwortlichen längst nicht so einig wie das Volk, dass Köhler die Idealbesetzung für den Posten ist. Die CDU will, die FDP will auch, die Grünen wollen warten, die CSU verlangt gar Bekenntnisse, und die SPD ist uneins - die Führung neigt zu Köhler, aber die Partei verlangt ein Zeichen der Eigenständigkeit und überlegt gerade öffentlich, erneut mit Gesine Schwan, ihrer Kandidatin vom letzten Mal, ins Rennen zu gehen. "Es stünde der SPD gut an, wenn sie die Partei wäre, die die erste Frau ins höchste Amt bringt", sagt SPD-Vizechefin Andrea Nahles.
Nichts ist sicher, kein Automatismus, so die Botschaft - doch am Ende ist alles nur Taktik, keiner zweifelt ernsthaft an der Wiederwahl. Der Bundespräsident selbst schweigt noch.