Vor dem Triumph: Hessens SPD-Chefin Andrea Ypsilanti läßt sich von dem Sonderparteitag in Fulda feiern
Ypsilanti braucht 41 der 42 Stimmen ihrer Fraktion, um tatsächlich Ministerpräsidentin zu werden. Sie ist fast am Ziel, aber eben nur fast. Die Darmstädter Abgeordnete Dagmar Metzger, die den Bruch des Wahlversprechens, nicht mit der Linken zusammenzuarbeiten, schon im März nicht mittragen wollte, bekräftigt ihr Nein zu dem Projekt. Das war bekannt, aber jetzt muss Ypsilanti wieder um die entscheidende Stimme bangen. Jürgen Walter, ihr langjähriger innerparteilicher Rivale, lehnt in seiner Rede den Koalitionsvertrag öffentlich ab. Sie muss auf die Zusage ihres schärfsten Gegners, sie dennoch zu wählen, vertrauen.
Walters Stimme im Landtag kann über Ypsilantis Schicksal entscheiden. Oder die Stimmen aus seinem Lager. Deshalb umgarnt die Landesvorsitzende noch einmal seine Getreuen. Sie redet über den Flugplatz Kassel-Calden, die nordhessischen Autobahnen und das Planungsrecht am Frankfurter Flughafen. Für ihre Vision von "Hessen als Land der Gerechtigkeit" und Die-Zeit-ist-reif-Sprüche bleibt weniger Zeit als sonst. Sie ist vorsichtig, bloß nicht unnötig provozieren.
Nicht dass Andrea Ypsilanti sich damit schwertut, andere zu provozieren. Für viele Menschen, nicht nur bei CDU/CSU und FDP, ist sie eine einzige Provokation. Das stört sie nicht. Aber jetzt geht es um ein konkretes Ziel. Mit dieser Fähigkeit, sich auf die nächste Aufgabe zu konzentrieren, hat sie immer wieder Erfolg gehabt. Das war so, als sie sich gegen den Vater durchsetzte, weil sie Abitur machen wollte und keine Lehre. Das war so, als sie 2007 Spitzenkandidatin für die Landtagswahl wurde. Und das soll jetzt so sein, da es um das in greifbarer Nähe liegende Ministerpräsidentenamt geht. Bei der Spitzenkandidatur bekamen sie und Walter im ersten Wahlgang genau gleich viele Stimmen, im zweiten Wahlgang hatte sie die Nase vorn. Jetzt will sie wieder aus einem Patt eine Mehrheit machen. Im Landtag haben nach der Wahl Kochs CDU und Ypsilantis SPD je 42 Abgeordnete, erst mithilfe der Linkspartei ergibt sich die Mehrheit für ihr Ziel, Regierungschefin zu werden.
Für ein paar Stunden hatte sie sich am Abend jenes 27. Januar schon als Ministerpräsidentin gefühlt. Aber Rot-Grün war wegen des knappen Einzugs der Linken nicht mehrheitsfähig, und am Ende hatte die verhasste CDU sogar ein paar Tausend Stimmen mehr. Ypsilanti wollte aber so nah vor dem Ziel Macht- und Politikwechsel nicht aufgeben.