FTD.de » Politik » Deutschland » Agenda: Karten in der CDU werden neu gemischt

Merken   Drucken   11.07.2005, 19:17 Schriftgröße: AAA

Agenda: Karten in der CDU werden neu gemischt

Langsam dämmert der Union, wie stark Angela Merkels Wahl zur Kanzlerkandidatin die Partei verändern wird. Die nächste Generation bringt sich in Position für die Karriere nach der Wahl. von Timo Pache und Ulrike Sosalla, Berlin
Die CDU-Bundesgeschäftsstelle in Berlin   Die CDU-Bundesgeschäftsstelle in Berlin
Irgendetwas stimmt nicht mit der Union, irgendetwas hat sich verändert - etwa auf jenen Bildern, die Mitte Juni die 60-Jahr-Feiern der CDU dokumentieren: Da versammelt sich zum Festakt die Parteiprominenz samt Gönnern im Berliner Ensemble. In der ersten Reihe nimmt Angela Merkel Platz, neben ihr Helmut Kohl, dann die Verlegerin Friede Springer neben Karin Stoiber, die ihren Gatten vertritt, und Michael Glos, der Statthalter der CSU in Berlin. Und ganz links neben den bekannten Gesichtern taucht plötzlich dieser Mann auf, dessen schelmisches Grinsen ihn jünger erscheinen lässt, als er ist: Norbert Röttgen.
Norbert wer?
Mit einem Mal tauchen neue Köpfe in der Union auf, nehmen Personen mit einer Selbstverständlichkeit in der ersten Reihe Platz, als hätten sie schon immer dazugehört. Dass kaum jemand außerhalb der Berliner Politzirkel Röttgen kennt, liegt nicht nur an seinem sperrigen Titel. Als Erster Parlamentarischer Geschäftsführer der Unionsfraktion ist es seine Aufgabe, die CDU/CSU-Abgeordneten in der politischen Spur zu halten - und zwar möglichst geräuschlos.
Norbert Röttgen   Norbert Röttgen
Der Platz in der ersten Reihe ist kein Zufall. Für Merkel ist Röttgen einer jener Trümpfe, mit denen sie im parteiinternen Ringen punktet. Bei den Beratungen über das Wahlprogramm, das Merkel am Montag vorstellte, war der Jurist neben CDU-Generalsekretär Volker Kauder einer ihrer wichtigsten Vertrauten. Das Wahlprogramm der Union trägt Röttgens Handschrift. Nicht nur sein Leben hat der 22. Mai, jener Sonntag, als Gerhard Schröder nach dem Debakel an Rhein und Ruhr Neuwahlen ankündigte, kräftig durchgeschüttelt. Die ganze CDU wird durch die vorgezogene Wahl durcheinander gewirbelt - inhaltlich und personell. So glatt Merkels Kür zur Kanzlerkandidatin über die Bühne ging, so tief sind die Spuren, die diese Entscheidung in der Partei hinterlässt. Immer stärker treten Figuren wie Ursula von der Leyen, Hildegard Müller oder Annette Schavan aus ihrem Schatten heraus.
"Was Ihnen alles so auffällt"
So auch Röttgen. Vor einem Jahr beackerte er noch engagiert und eher geräuschlos das schöne Feld der Rechtspolitik. Schön vor allem deshalb, weil die Rechtspolitik selbst bei Eingeweihten als konkurrenzfreier Raum gilt. Auf seine rasante Karriere angesprochen, setzt er sein Grinsen auf und sagt: "Was Ihnen so alles auffällt." Als sei ihm sein Aufstieg bislang verborgen geblieben. Ihm selbst, der vergangene Woche 40 Jahre alt wurde, ist eher unbehaglich zumute, wenn er über seine neue Rolle nachdenkt. Eine "große Herausforderung" sei das gewesen. "Wir gehen durch eine ganz besondere zeitgeschichtliche Phase", beschreibt er die Bedeutung des Wahlprogramms. "Aber wenn man diese Arbeit macht, dann ist man halt da dran, da denkt man nicht ,Mensch, ist das wichtig‘."
Wie gewaltig der Sprung vom rechtspolitischen Sprecher zum Strippenzieher in Fraktion und Partei ist, spürt man, wenn Röttgen von seiner Familie erzählt, die bei Bonn wohnt. Seine Frau ist Juristin wie er, arbeitet als Anwältin und managt während der Woche ohne ihn ihren Job und die drei kleinen Kinder. Solche Alltagssorgen kannten frühere Generationen von CDU-Politikern, deren Frauen wie selbstverständlich Heim und Herd hüteten, nur vom Hörensagen. Kein Zufall, dass die CDU gerade jetzt die Vereinbarkeit von Familie und Beruf in ihr Programm aufgenommen hat. "Die Veränderung in der CDU drückt sich auch in einem Generationswechsel aus", beschreibt Röttgen diesen Prozess: als eine Fülle einzelner Lebensentscheidungen, die dann wieder die Partei prägen.
Ursula von der Leyen, Sozialministerin in Niedersachsen   Ursula von der Leyen, Sozialministerin in Niedersachsen
Shootingstar von der Leyen
So könnte man auch den Einfluss von Ursula von der Leyen umschreiben. Die niedersächsische Sozialministerin gilt als Shootingstar der Union, seit sie auf dem Parteitag im Dezember überraschend ins Präsidium gewählt wurde. "Lange Zeit hatte ich keine gefestigte politische Meinung. Die erwirbt man meist durch Fachkompetenz oder persönliche Erfahrungen." So redet von der Leyen, die aus der Ferne wirkt wie der fleischgewordene Traum konservativer Wähler: Die Ärztin mit den brav hochgesteckten blonden Haaren ist Mutter von sieben Kindern und dazu noch die Tochter von Niedersachsens langjährigem Ministerpräsidenten Ernst Albrecht.
In einem Kabinett Merkel wird sie als Ministerin für Gesundheit oder Familie oder gleich für beides gehandelt. Das wäre selbst für Umbruchzeiten eine beispiellose Karriere: In der Politik aktiv ist die Quereinsteigerin erst seit gut drei Jahren. So mancher Ärztefunktionär und Krankenkassenchef hat sich seither an der Frau gerieben. Wenn sie vom morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleich spricht, leuchten ihre Augen. Jedem politischen Gegner sollte das Warnung genug sein.

Weiter zu Seite 2

  • Aus der FTD vom 12.07.2005
    © 2005 Financial Times Deutschland,
Bookmarken   Drucken   Senden   Leserbrief schreiben   Fehler melden  

Den Parameter für die jeweilige Rubrik anpassen: @videoList
  • Pläne zur Einlagensicherung: Für die Kanzlerin ein Angebot zur Güte

    Die Bundeskanzlerin lehnt Eurobonds kategorisch ab. Vielleicht könnte sie den Plänen zu einer europäischen Einlagensicherung eher zustimmen? Das Vertrauen in die Banken würde steigen. mehr

  •  
  • blättern
Tweets von FTD.de Politik-News

Weitere Tweets von FTD.de

  26.05. Der Test zu Pfingsten Kennen Sie sich mit Feiertagen aus?

Wann gilt ein bundesweites Tanzverbot? Existiert ein offizieller Vatertag? In Deutschland gibt es viele gesetzliche und kirchliche Feiertage: Was wissen Sie darüber?

An welchem Feiertag gilt ein gesetzliches Tanzverbot in Deutschland?

Der Test zu Pfingsten: Kennen Sie sich mit Feiertagen aus?

Alle Tests

FTD-Wirtschaftswunder Weitere FTD-Blogs

alle FTD-Blogs

Newsletter:   Newsletter: Eilmeldungen Politik

Ob Regierungsauflösung oder Umfragehoch für die Linkspartei - erfahren Sie wichtige Politik-Nachrichten, sobald sie uns erreichen.

Beispiel   |   Datenschutz
 



EUROPA

mehr Europa

INTERNATIONAL

mehr International

KONJUNKTUR

mehr Konjunktur

 
© 1999 - 2012 Financial Times Deutschland
Aktuelle Nachrichten über Wirtschaft, Politik, Finanzen und Börsen

Börsen- und Finanzmarktdaten:
Bereitstellung der Kurs- und Marktinformationen erfolgt durch die Interactive Data Managed Solutions AG. Es wird keine Haftung für die Richtigkeit der Angaben übernommen!

Über FTD.de | Impressum | Datenschutz | Disclaimer | Mediadaten | E-Mail an FTD | Sitemap | Hilfe | Archiv
Mit ICRA gekennzeichnet

VW | Siemens | Apple | Gold | MBA | Business English | IQ-Test | Gehaltsrechner | Festgeld-Vergleich | Erbschaftssteuer
G+J Glossar
Partner-Angebote