Norbert Röttgen
Der Platz in der ersten Reihe ist kein Zufall. Für Merkel ist Röttgen einer jener Trümpfe, mit denen sie im parteiinternen Ringen punktet. Bei den Beratungen über das Wahlprogramm, das Merkel am Montag vorstellte, war der Jurist neben CDU-Generalsekretär Volker Kauder einer ihrer wichtigsten Vertrauten. Das Wahlprogramm der Union trägt Röttgens Handschrift. Nicht nur sein Leben hat der 22. Mai, jener Sonntag, als Gerhard Schröder nach dem Debakel an Rhein und Ruhr Neuwahlen ankündigte, kräftig durchgeschüttelt. Die ganze CDU wird durch die vorgezogene Wahl durcheinander gewirbelt - inhaltlich und personell. So glatt Merkels Kür zur Kanzlerkandidatin über die Bühne ging, so tief sind die Spuren, die diese Entscheidung in der Partei hinterlässt. Immer stärker treten Figuren wie Ursula von der Leyen, Hildegard Müller oder Annette Schavan aus ihrem Schatten heraus.
"Was Ihnen alles so auffällt"
So auch Röttgen. Vor einem Jahr beackerte er noch engagiert und eher geräuschlos das schöne Feld der Rechtspolitik. Schön vor allem deshalb, weil die Rechtspolitik selbst bei Eingeweihten als konkurrenzfreier Raum gilt. Auf seine rasante Karriere angesprochen, setzt er sein Grinsen auf und sagt: "Was Ihnen so alles auffällt." Als sei ihm sein Aufstieg bislang verborgen geblieben. Ihm selbst, der vergangene Woche 40 Jahre alt wurde, ist eher unbehaglich zumute, wenn er über seine neue Rolle nachdenkt. Eine "große Herausforderung" sei das gewesen. "Wir gehen durch eine ganz besondere zeitgeschichtliche Phase", beschreibt er die Bedeutung des Wahlprogramms. "Aber wenn man diese Arbeit macht, dann ist man halt da dran, da denkt man nicht ,Mensch, ist das wichtig‘."
Wie gewaltig der Sprung vom rechtspolitischen Sprecher zum Strippenzieher in Fraktion und Partei ist, spürt man, wenn Röttgen von seiner Familie erzählt, die bei Bonn wohnt. Seine Frau ist Juristin wie er, arbeitet als Anwältin und managt während der Woche ohne ihn ihren Job und die drei kleinen Kinder. Solche Alltagssorgen kannten frühere Generationen von CDU-Politikern, deren Frauen wie selbstverständlich Heim und Herd hüteten, nur vom Hörensagen. Kein Zufall, dass die CDU gerade jetzt die Vereinbarkeit von Familie und Beruf in ihr Programm aufgenommen hat. "Die Veränderung in der CDU drückt sich auch in einem Generationswechsel aus", beschreibt Röttgen diesen Prozess: als eine Fülle einzelner Lebensentscheidungen, die dann wieder die Partei prägen.