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Merken   Drucken   16.07.2009, 18:46 Schriftgröße: AAA

Agenda: Kiel oben

Dossier Die Große Koalition in Schleswig-Holstein ist am Ende. Zerbrochen ist sie an den Querelen um die HSH Nordbank - und an dem Machtkampf und der Rivalität zweier Männer, die unterschiedlicher nicht sein könnten. von Nina Klöckner (Kiel), Nikolai Fichtner, Claudia Kade, Jens Tartler (Berlin) und Thomas Steinmann (Hamburg)
Frauke Tengler lehnt sich nach vorn, drückt auf das kleine Knöpfchen und raunt durch das Mikrofon: "Es ist sehr unruhig hier." Dann schaut die Vizepräsidentin des Landtags in Schleswig-Holstein nach unten auf diesen Haufen wie eine Lehrerin, die am letzten Schultag vor den Ferien versucht, ihre Klasse zur Vernunft zu bringen. Doch daran ist nicht zu denken. Das Brummen, Wuseln, Meckern hört nicht auf.
Am Pult steht die Grüne Monika Heinold und regt sich über die Regierung auf, die Große Koalition: "Es ist an Peinlichkeit nicht mehr zu überbieten", ruft sie. Draußen auf dem Gang fragt FDP-Mann Wolfgang Kubicki, "wie lange das Schauspiel noch gehen soll". Der CDU-Bundestagsabgeordnete Otto Bernhardt sagt: "Jeder Tag, den diese Große Koalition weiterregiert, ist für Schleswig-Holstein ein verlorener Tag." Und der CDU-Fraktionschef Johann Wadephul weiß, dass "selbst die Bürger keine Lust mehr haben".
Alle, wirklich alle sind genervt.
Am Abend zuvor hatte CDU-Ministerpräsident Peter Harry Carstensen alle überrascht, als er die Selbstauflösung des Landtags forderte. Selbst seine Fraktion ist perplex. Aber traurig ist keiner. Am Montag werden sie im Parlament über ihre Auflösung abstimmen.
Und wie auch immer die Abstimmung ausgeht, an eine weitere Zusammenarbeit zwischen CDU und SPD glaubt niemand mehr. Nichts geht mehr an der Förde, politisch nicht - und menschlich schon gar nicht. Das schwarz-rote Scheitern im Norden ist die Geschichte einer alten Männerfeindschaft. Aber sie erzählt auch vom Leiden eines Landes an seiner Landesbank, von Missmanagement und Milliardenlöchern - bis am Ende ein Bankerbonus die Koalition zum Platzen bringt.
Ministerpräsident Carstensen (l.) lässt es ruhig angehen, Ralf ...   Ministerpräsident Carstensen (l.) lässt es ruhig angehen, Ralf Stegner von der SPD wirkt dagegen gehetzt
Schleswig-Holstein ist ein Land, das am Boden liegt, geplagt von einer horrenden Schuldenlast von mehr als 23 Mrd. Euro. Jeder sechste Euro, den das Land einnimmt, geht für Zinszahlungen drauf - und die Lasten der maroden HSH Nordbank machen alles noch viel schlimmer. Es ist ein Land, das eigentlich eine handlungsfähige Regierung bräuchte - aber Schleswig-Holstein hat Peter Harry Carstensen und Ralf Stegner .
Die beiden Männer könnten unterschiedlicher nicht sein. Carstensen ist der Käpt'n Iglo der Landespolitik, gemütlich, umgänglich, ein echter Landesvater. Der 62-Jährige, ein gelernter Landwirt aus Nordfriesland, ist ungeschlagen im Geplauder mit den Leuten auf der Straße. Doch aus dem politischen Geschäft hält er sich lieber raus. CDU-Landeschef wird er vor sieben Jahren eher aus Zufall - weil er als einziger im zerstrittenen Landesverband mit allen gut kann. Seit 2005 ist er Ministerpräsident - bundesweit bekannt wird er, als er im Wahlkampf via "Bild" eine Frau sucht.
Stegner, sein Gegenspieler von der SPD, wirkt dagegen kühl, scharfsinnig, provokativ, ein Karrieretyp. Promotion in Politikwissenschaft, Abschluss in Harvard, mit 30 Pressesprecher im Kieler Sozialministerium, mit 36 Staatssekretär, mit 43 Minister. Mit 49 tut er jetzt alles, um ganz an die Spitze zu kommen. Seit Jahren trägt Stegner eine Fliege, um sich ein Markenzeichen zu schaffen. Zuletzt lässt er den Hemdkragen aber häufig offen, weil seine Berater ihm sagten, die Fliege wirke elitär. Stegner bemüht sich, volksnäher und sympathischer zu erscheinen, aber es gelingt ihm schlecht. Er redet oft über die Köpfe seiner Zuhörer hinweg, spricht näselnd und schnoddrig. Der Mann lässt andere spüren, dass er sich für intelligent hält.

Teil 2: Sie behaken sich seit Jahren

  • Aus der FTD vom 17.07.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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