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Merken   Drucken   12.09.2004, 19:47 Schriftgröße: AAA

Agenda: Klonen als Hoffnungsträger

Therapeutisches Klonen wird auch nach dem heutigen Bericht des Ethikrats hier zu Lande verboten bleiben. Miodrag Stojkovic hat Deutschland deshalb verlassen und forscht in Großbritannien daran, genetisch bedingte Krankheiten zu heilen. von Leo Klimm, Newcastle
Wie körpereigene Stammzellen erzeugt werden   Wie körpereigene Stammzellen erzeugt werden
Das ist nicht das normale Wetter hier", sagt Miodrag Stojkovic. Er blinzelt durch die Nickelbrille in die Sonne. Ein schöner Septembertag in Nordengland, das Licht durchflutet das Büro des Forschers im "Centre for Life" der Universität Newcastle. Das Wetter, das Bier - beides sei in München viel besser gewesen. Damals, als er noch an der Ludwig-Maximilians-Universität Klonversuche an Tieren machte. "Aber man sucht es sich halt nicht aus im Leben. Man muss dorthin gehen, wo die Chancen sind."
Seit zwei Jahren forscht Stojkovic in England. Und vor wenigen Wochen hat ihm die britische Behörde für Menschliche Fortpflanzung und Embryologie die erste Lizenz zum Klonen humaner Embryonen in Europa erteilt. In Deutschland - seiner zweiten Heimat, wie der gebürtige Serbe sagt - käme er hinter Gitter, würde er versuchen, einen Embryo zu klonen. "Da spielt es keine Rolle, dass ich an Therapien arbeite, um bisher unheilbare Krankheiten zu besiegen." In Deutschland macht das Gesetz keinen Unterschied zwischen dem therapeutischen Klonen, bei dem ein Fötus gar nicht erst entsteht, und dem reproduktiven Klonen, mit dem Menschenkopien gezüchtet werden könnten.
Ernüchternes Ergebnis
Der Nationale Ethikrat, der sich damit beschäftigt, ob Deutschland dem britischen Beispiel folgen sollte, stellt am Montag das Ergebnis seiner jüngsten Debattierrunde vor. Für Stojkovic ist das Ergebnis ernüchternd: Weil die Positionen in dem Expertengremium unvereinbar waren, empfiehlt es der Bundesregierung, alles beim Alten zu lassen. Stojkovic sieht sich in seinen Nichterwartungen bestätigt: "Es ist hoffnungslos für mich."
Der 40-Jährige spricht viel von Hoffnung. Von der Hoffnung, "gute Stammzellen" aus den geklonten Embryonen zu gewinnen. Und von der Hoffnung, die viele Menschen in ihn und in die geklonten Stammzellen setzen. Seit bekannt wurde, dass Stojkovic und sein Team die Lizenz zum Klonen erhalten haben, wird er mit E-Mails aus der ganzen Welt überhäuft. "99 Prozent davon sind positiv", sagt Stojkovic. Auch aus Deutschland sei viel Post von schwer kranken Menschen und ihren Familien gekommen.
Wunderbare Verheißung
Stammzellen aus geklonten Embryonen tragen ein fast unheimliches Heilsversprechen in sich: Krankheiten, die durch das Defizit eines bestimmten Zelltyps verursacht werden, ließen sich eines Tages kurieren. Dazu müssten kranke Zellen ersetzt werden durch gesunde, die aus Stammzellen gewonnen werden. "Bei Diabetes, Parkinson oder Alzheimer würden dann nicht mehr nur die Symptome behandelt, sondern die Ursache würde behoben", sagt Stojkovic.
Weil diese Verheißung so wunderbar klingt, hat der Gesetzgeber in London die Gewinnung von Stammzellen aus geklonten Embryonen erlaubt. Deshalb auch hat die Universität Newcastle Miodrag Stojkovic ins Centre for Life geholt, wo die Humangenetiker untergebracht sind, einige Biotech-Startups und die Befruchtungsklinik, aus der Stojkovic das Rohmaterial für seine Forschung bezieht: überzählige Eizellen und Embryonen.
Aus nichts viel gemacht
Miodrag Stojkovic hat ein schmuckloses Büro im Erdgeschoss bezogen, das er sich mit drei Kollegen teilt. Ein Stockwerk darüber ein kleines, bescheidenes Labor. "Ich habe hier mit nichts angefangen", sagt Stojkovic.
Aus nichts haben Stojkovic und sein Team in kürzester Zeit viel gemacht. Heute beginnt das Experiment des therapeutischen Klonens: In Newcastle wird eine Diabetespatientin gesucht, die bereit ist, ein winziges Stück Haut abzugeben. Aus einer Hautzelle und der Eizelle einer anonymen Spenderin soll ein Embryo entstehen - der Klon der Patientin. Dem Zellknäuel sollen dann Stammzellen entnommen und so programmiert werden, dass sie Insulin produzieren. Gelänge das, könnten die neuen Zellen der Patientin eingesetzt werden - ohne das Risiko, dass sie vom Körper abgestoßen werden.
"Ich kenne viele Kollegen in Deutschland, die das auch gern tun würden", sagt Stojkovic. Hans Schöler in Münster zum Beispiel oder Oliver Brüstle in Bonn. "Aber die werden weiter warten oder nach England kommen müssen." Deutschland habe sich darauf verlegt, Therapien nur aus adulten Stammzellen zu entwickeln - also aus Zellen, die geborenen Menschen entnommen werden.
Vorwurf mangelnder Seriosität
"Das kaschiert nur den politischen Konflikt", sagt Stojkovic. "Mit der Fixierung auf adulte Zellen verschenkt Deutschland eine große Chance." Tatsächlich stellt die Deutsche Forschungsgemeinschaft, trotz jüngster Fortschritte bei der Erforschung adulter Stammzellen, ein "reduziertes Entwicklungspotenzial" fest. Jens Reich, Mitglied des Nationalen Ethikrats, sieht in dem Verzicht aufs therapeutische Klonen dagegen keinen Nachteil. Er schlägt eine Arbeitsteilung vor: "In England könnte das therapeutische Klonen erforscht werden, in Deutschland die somatische (adulte) Stammzelle."
Kritiker werfen Stojkovic und anderen Forschern, die sich dem therapeutischen Klonen widmen, mangelnde Seriosität vor. So sei es unmöglich, funktionsfähige Stammzellen zur Heilung degenerativer Krankheiten bei älteren Menschen zu erzeugen. Das Erbgut altert mit dem Menschen und kann zur Gewinnung von Stammzellen unbrauchbar werden. Auch Eckhard Nagel, stellvertretender Vorsitzender des Ethikrates ist skeptisch gegenüber Stojkovics Plänen: "Das ist Grundlagenforschung. Es geht darum, wie Stammzellen weiter differenziert werden können."
Schöpfer und Zerstörer menschlichen Lebens
Der Forscher in Newcastle widerspricht nicht, aber er glaubt an seinen Erfolg: "Wir sind mit der Lizenz zum Klonen erst am Anfang eines langen Weges, nicht am Ziel." Vielen, die heute krank seien, werde er nicht mehr helfen können. "Es kann Jahrzehnte dauern, bis wir eine klinisch anwendbare Therapie entwickelt haben", sagt Stojkovic. "Aber wir haben an Tieren schon beobachtet, dass die Methode funktioniert."
Die schöne Prophezeiung der einen ist die Horrorvorstellung der anderen. Beim therapeutischen Klonen und dem anschließenden Abtöten des Embryos macht sich Stojkovic zum Schöpfer und Zerstörer menschlichen Lebens zugleich. Wobei der gelernte Tierarzt bestreitet, dass es sich bei dem Zellknoten, der nach spätestens acht Tagen getötet wird, um einen Menschen handelt. Er habe kein schlechtes Gewissen, sagt Stojkovic. "Wenn es eine Gewissensfrage gibt, dann müssen die Spenderinnen der Eizellen sie für sich beantworten." In Großbritannien überlässt die Mehrheit der Eltern, die eine künstliche Befruchtung vornehmen lassen, die überzähligen Eizellen und Embryonen der Forschung. "In Deutschland müssen Sie das alles wegwerfen, ohne es für das Leben zu nutzen. Das ist unethisch!", sagt Stojkovic.
"Damit habe ich nichts zu tun"
Er könne nachvollziehen, dass es in Deutschland wegen der NS-Vergangenheit besondere Empfindlichkeiten im Umgang mit menschlichem Leben und genetischer Manipulation gibt. Aber er wolle nicht akzeptieren, dass der Fortschritt aufgehalten wird.
Der Hauptgrund, warum therapeutisches Klonen - anders als in Großbritannien - hier zu Lande auf Ablehnung stößt, ist für Stojkovic ein anderer: Die Deutschen seien nicht aufgeklärt. Eine Auffassung, die das Ethikratmitglied Reich teilt: "Darüber, dass Menschenklonen und Zellzüchtung grundverschiedene Dinge sind, ist die Diskussion nicht ausreichend geführt worden. "Stojkovic ist für ein striktes Verbot von reproduktivem Klonen. Dennoch werde eines Tages irgendwo auf der Welt das erste Klonbaby gezeugt werden. "Damit habe ich nichts zu tun", sagt er.
Noch immer hängt Stojkovic an Deutschland. Er spricht von dem Land wie von einer verflossenen Liebe: "Es war so schön. Ich habe elf wunderbare Jahre dort verbracht." Was, wenn die gesetzlichen Bedingungen nach britischem Vorbild gelockert würden? "Ich würde sofort zurückkehren." Aber daran glaubt er nicht mehr.
Mitarbeit: Cordula Tutt
Ethikrat: Keine Empfehlung
Von Cordula Tutt Am Montag wird der Nationale Ethikrat seine Stellungnahme zum - bislang in Deutschland verbotenen - Klonen am Menschen vorstellen. Eine einheitliche Empfehlung ist nicht zu erwarten. Wie schon bei der Stellungnahme zur Forschung an Stammzellen könnte abermals ein Schriftstück herauskommen, das die Stimmen für und wider das Klonen nebeneinander stellt, ohne eine Entscheidung zu treffen.
Der Ethikrat wurde vor drei Jahren von Kanzler Gerhard Schröder ins Leben gerufen. Er soll die Regierung bei Entscheidungen in der Biopolitik beraten und die Bevölkerung über komplizierte Themen wie Stammzellforschung, Klonen oder Fortpflanzungsmedizin informieren. Unter den 25 Mitgliedern sind Naturwissenschaftler, Philosophen, Theologen, Juristen, ehemalige Politiker und Wirtschaftsvertreter.
Einige Bundestagsabgeordnete sehen den Ethikrat kritisch, schließlich hat das Parlament eine eigene Bioethik-Kommission. Andere fürchten, das Gremium könnte Fragen der Menschenwürde hinter forschungs- und wirtschaftspolitische Erwägungen zurückstellen. Diesen Eindruck versteht der Vorsitzende, der Frankfurter Juraprofessor Spiros Simitis, geschickt zu vermeiden. Allerdings haben sich immer wieder Mitglieder zu Wort gemeldet, die die Forschung an Embryozellen erleichtern und das Klonen zu Forschungszwecken ermöglichen wollen.
  • FTD, 12.09.2004
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