FTD.de » Politik » Deutschland » Letzte Hoffnung Lindner
Merken   Drucken   29.04.2012, 21:00 Schriftgröße: AAA

Agenda: Letzte Hoffnung Lindner  

NRW-Spitzenkandidat Christian Lindner ist der neue Popstar des Liberalismus. Im Alleingang soll er den Absturz der FDP stoppen. Annäherung an einen sprunghaften Jungpolitiker, auf dem nun alle Hoffnungen ruhen.
© Bild: 2012 Reuters/WOLFGANG RATTAY
Premium NRW-Spitzenkandidat Christian Lindner ist der neue Popstar des Liberalismus. Im Alleingang soll er den Absturz der FDP stoppen. Annäherung an einen sprunghaften Jungpolitiker, auf dem nun alle Hoffnungen ruhen.
von Andreas Große Halbuer, Bornheim und Karlsruhe

In der Kaiserhalle im Städtchen Bornheim bei Köln scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Die blassgelben Wände könnten ein paar Eimer Farbe vertragen. Unter der Hallendecke hängt eine angestaubte Discokugel, daneben wartet ein schwarz-weiß karierter Luftballon darauf, dass ihm die Puste ausgeht. Doch die etwa hundert Gäste an den erdbraunen Holztischen stört das nicht. Sie haben nur Augen für die Zukunft. Für Christian Lindner. Den Retter.

Der macht gerade das, was er am besten kann: reden. Er braucht dafür kein Mikro, das die Stimme verstärkt, kein Manuskript, das über Gedankenlöcher hinweghilft, kein Pult, das Sicherheit gibt. Er steht einfach da, die linke Hand in der Hosentasche des schmalen Anzugs, die rechte frei für zurückhaltende Gesten. 1,86 Meter provozierende Lässigkeit.

Und gerade als er richtig in Fahrt kommt, als er die Piraten "Linkspartei mit Internetanschluss" nennt, reißen draußen die Wolken auf. Sonnenlicht flutet den Saal, und fast könnte man glauben, Lindner sei tatsächlich eine Art Messias. Hinabgefahren in Orte wie Bornheim, um die Liberalen zu erlösen von ihrem quälenden Leid.

Lindner, der Erlöser. Ausgerechnet! Während seiner Zeit als Generalsekretär konnte er die Verzwergung der 14,6-Prozent-FDP nicht stoppen. Sein großes Projekt, der unterphilosophierten Partei ein neues Grundsatzprogramm zu geben, blieb unvollendet. Entnervt warf er im Dezember die Brocken hin. Macht euren Kram doch allein, war der Subtext seines plötzlichen Abgangs. Der strahlende Aufstieg des Polityuppies schien jäh beendet.

Jetzt ist er zurück. Und wie. Überall Applaus, strahlende Augen, warme Worte. Lauf, Junge, lauf!, sagen seine Anhänger. Kurz nach seiner Nominierung schoss die NRW-FDP in den Umfragen von zwei auf vier Prozent. Am Wochenende kletterte sie erstmals seit Herbst 2011 wieder auf fünf Prozent, der "Lindner-Effekt". Nach seinen Auftritten wird Lindner von Groupies mit grauen Haaren belagert, er muss Autogramme schreiben. Er ist der Popstar des deutschen Liberalismus.

Christian Lindner, FDP   Christian Lindner, FDP

Und doch bleibt Christian Wolfgang Lindner, 33, Politikwissenschaftler aus Wermelskirchen, ein Mann voller Rätsel. Was hat ihn in diese Schlacht getrieben? Wofür steht er? Und wo will er hin?

Die Wahl in Nordrhein-Westfalen am 13. Mai ist für die FDP von überragender Bedeutung. Mit 18 Millionen Einwohnern ist das Land größer als die Niederlande, hier schlägt das wirtschaftliche Herz der Republik, hier werden die politischen Trends für den Bund gesetzt. Hier entscheidet sich, ob die Partei überlebt oder endgültig untergeht.

Für Lindner heißt das: volles Risiko. Führt er die FDP in den Landtag, ist er der neue starke Mann der Partei. Dann hat er das Unmögliche geschafft und einen auf ewig dankbaren und mächtigen Landesverband hinter sich. Dann kann er alles werden. Sollte er jedoch scheitern, wird es heißen: Lindner? Das war doch der, der es in Berlin und Düsseldorf nicht gepackt hat. Alles oder nichts.

Es ist gerade für ihn eine gefährliche Gratwanderung. Zwei Jahre hat er in vorderster Front jede noch so umstrittene Idee der FDP mit Verve verteidigt. Er war ihr Gesicht in der Zeit des Niedergangs. Nun muss er sich distanzieren, das Loser-Image loswerden, ohne dass es wie Nachtreten aussieht.

An diesem Tag in Bornheim versucht er es mit Humor. Als jemand die Frage stellt, ob er heute noch einmal die Mehrwertsteuersenkung für Hoteliers verteidigen würde, verzieht er halb ernst, halb scherzhaft das Gesicht, macht eine Kunstpause und presst dann in reuevollem Tonfall ein knappes "Nein!" hervor. Gelöstes Lachen im Saal.

Lindner erzählt nun die immer gleiche Geschichte. Sie handelt von "seiner FDP", einer geläuterten Partei, die sich selbstlos in den Kampf gegen die Schulden stürzt, die die Gymnasien schützt vor der Gleichmacherei, die sich um bezahlbare Energie sorgt, die staatlichen Dirigismus im Zaum hält.

Kein Wort darüber, wie er das alles machen will. Sein Text lebt von der dramaturgischen Zuspitzung. Lindner führt einen aggressiven Vielfrontenwahlkampf, schießt gegen alles, was sich politisch bewegt, sogar gegen den alten Bündnispartner CDU. Vor allem aber geht Lindner in Opposition zu seinem früheren Selbst. "Seine FDP", das schimmert durch, soll nichts mit der Steuersenker-FDP der Westerwelle-Ära gemein haben. Soll nicht so ungelenk wirken wie die Rösler-FDP.

Vieles bleibt vage. Früher zog er mit dem Konzept eines "mitfühlenden Liberalismus" durch die Säle, heute plädiert er für einen "bescheidenen Staat, der seine Kraft aus der Beschränkung schöpft". Das macht ihn beliebig und anschlussfähig zugleich. Inhaltliche Leerstellen kaschiert er mit rhetorischen Tricks. Dann trippelt er mit den Füßen, um Worten Nachdruck zu verleihen. Spielt mit dem Wechsel von laut und leise, langsam und schnell. Keine Frage, Lindner beherrscht das Geschäft.

Der Mann, der gerade noch den politischen Liberalismus programmatisch erneuern wollte, bekennt sich jetzt voller Inbrunst zu den Niederungen der Provinz. Auch so eine Wende. Politik auf Landesebene sei direkter, sagt Lindner, näher dran an der Lebenswirklichkeit der Menschen. "Sie machen ein Gesetz, und die Kita drei Straßen weiter ist davon betroffen." Er ist aufgewachsen im Bergischen Land, hat in Düsseldorf studiert. "Lindner weiß, wo den Menschen vor Ort der Schuh drückt", glaubt Eric Weik, Bürgermeister in Lindners Heimatstadt Wermelskirchen. Aber kann einer, der die große Bühne so liebt wie Lindner, hier seine Erfüllung finden?

Er habe in der Landespolitik jede Woche als Fraktionschef die Gelegenheit, eine große Rede im Landtag zu halten, eben nicht in einer Talkshow, sondern in der parlamentarischen Arena. "Das", sagt Lindner, "ist meine Leidenschaft."

Der Düsseldorfer Landtag ist so etwas wie sein Bootcamp. Hier hat er seine ersten Reden gehalten. Hier hat er trainiert, sich ausprobiert, auf die Mütze bekommen. Mit 21 war er der jüngste Abgeordnete der Geschichte, Landeschef Jürgen Möllemann nannte ihn damals "Bambi". Anfangs fand Lindner das okay, Bambi beherrschte ja am Ende den Wald. Später nervte ihn das Bambi-Gedöns, ebenso wie Möllemanns Eskapaden. Er schloss sich der Bewegung um Andreas Pinkwart an, die Möllemann verdrängte. Er wurde Generalsekretär in NRW, bis Guido Westerwelle ihn in gleicher Funktion nach Berlin holte. Da war er gerade mal 31 Jahre alt.

Jetzt also wieder Düsseldorf. "Ich hatte andere Pläne", sagt Lindner. Mal ein wenig verschnaufen nach diesen zwei irren Jahren im Berliner Betrieb. Mehr Zeit mit seiner Frau verbringen, als technologiepolitischer Sprecher der Fraktion arbeiten, die Promotion vorantreiben, im Rennwagen über den Nürburgring brettern. Solche Sachen.

Aber nachdem die FDP am 14. März gegen den Haushalt der Landesregierung gestimmt hatte, musste es Neuwahlen geben - eine Katastrophe für die Partei, die bei zwei Prozent in den Umfragen dümpelte. "In der Fraktion herrschte nackte Panik", sagt ein Insider. Die einen sagen jetzt: Die FDP hat sich damals schlicht verzockt. Die anderen: Sie hat sich bewusst gegen die Neuverschuldung gestemmt, Umfragen hin oder her. Die Aussichten jedenfalls waren ganz schlecht - bis Lindner kam.

Der legt Wert auf die Feststellung, dass man ihn gerufen hat, dass er sich nicht aufgedrängt hat. "Ich hätte es mir ein Leben lang vorgeworfen, wenn ich nicht versucht hätte, die FDP im Landtag zu halten." Spekulationen, er wolle doch nur Parteichef in Berlin werden, es gehe ihm in NRW nur um Macht und Karriere, weist er zurück.

Anders als der CDU-Mann Norbert Röttgen hat er ein klares Bekenntnis zu Düsseldorf abgegeben und sich gleich den Landesvorsitz geschnappt. Das war gewieft. Der Posten ist seine politische Versicherung. Er begründet seine künftige innerparteiliche Macht, selbst wenn er die Wahl verlieren sollte.

Der Noch-Landesvorsitzende Daniel Bahr, so ist zu hören, wollte das Feld zunächst nicht freiwillig räumen. Lindner habe aber in einem Gespräch mit Fraktionschef Gerhard Papke und Bahr kurz vor der Landesvorstandssitzung in einem Düsseldorfer Hotel darauf bestanden. FDP-Chef Philipp Rösler, der extra eine USA-Reise verschoben hatte und nach Düsseldorf geeilt war, durfte da nicht einmal mehr anwesend sein. Er musste in einem anderen Raum warten. So sehr hat sich die Macht verschoben.

Für Lindner muss es eine Genugtuung sein. Am Ende seiner Zeit als Generalsekretär war er in Berlin völlig isoliert, nach seinem Rücktritt beinahe schon eine Persona non grata. Er, der Feingeist, habe die Abteilung Attacke vernachlässigt, lästerten Röslers Büchsenspanner, er sei wohl überfordert gewesen.

Nur vier Monate später hat sich das Bild gewandelt. Alles ist wieder drin. "Wenn Lindner Düsseldorf gewinnt", sagt ein einflussreicher FDP-Mann, "läuft es über kurz oder lang auf ihn als Bundesvorsitzenden hinaus." Er müsse seine Zeit als Düsseldorfer Fraktionschef nutzen, die Machtübernahme strategisch vorzubereiten. Lindner, der Erlöser.

Beim Bundesparteitag vor einer Woche in Karlsruhe ließ er auf sich warten. Während auf dem Podium Birgit Homburger, die Landeschefin aus Baden-Württemberg, mit düsterer Stimme die Namen verstorbener Parteimitglieder verlas, knipsten vor Lindners leerem Stuhl die Fernsehleute die Scheinwerfer an. Auftritt Lindner, federnder Schritt, Handschlag hier, Handschlag da, Blitze flackerten, die Parteispitze schaute von der Bühne herab.

Er war für ein Grußwort gekommen. Das macht man so als Spitzenkandidat. Direkt vor ihm sprach der Kieler Wahlkämpfer Wolfgang Kubicki. Der redete über eine neue FDP, die "die Herzen der Menschen" wieder erreichen solle. Zum Schluss sagte er: "Nach mir kommt Christian Lindner. Und vor uns allen liegt eine goldene Zukunft."

  • Aus der FTD vom 30.04.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
Jetzt bewerten
Bookmarken   Drucken   Senden   Leserbrief schreiben   Fehler melden  
Sonderabo Werbefreiheit
 
Fokussieren Sie sich auf die Inhalte.
Mit dem Sonderabo Werbefreiheit erleben Sie die Website der FTD zukünftig ohne Werbeeinblendungen.
Sonderabo Werbefreiheit für 6,90 Euro im Monat

 

Sonderabo Werbefreiheit bestellen Zur Abo-Übersicht
FTD.de Themenseite Büro
FTD.de Themenseite Büro

Organisation am Arbeitsplatz, Neues zum Arbeitsrecht, Tipps und Tricks für den Büroalltag und Unterhaltsames für die Mittagspause finden Sie hier. mehr

Web-Abo Web-Abo ab 6,90 Euro im Monat
Online Services
Erfahren Sie mehr Zur Abo-Übersicht
Digital-Abo Digital-Abo ab 16,90 Euro im Monat
Online Services
  • Zugriff auf alle aktuellen Premium-Artikel
  • Verschiedene digitale Produkte, wie z.B. die FTD als Online-Ausgabe (PDF)
Mobile Services
  • Alle Ausgaben der FTD als App auf Ihrem Tablet
  • Alle Funktionen in der iPhone-App, wie z.B. die Vorlesefunktion von Artikeln
Digital-Abo bestellen Zur Abo-Übersicht
für Abonnenten
 

Fragen über die FTD Zum Abschied noch ein Quiz über uns

Die Quizze auf FTD.de waren so berüchtigt wie beliebt: Nie einfach, immer spaßig, oft ironisch, gelegentlich selbst für Experten unlösbar - am Ende selbstreferenziell. Viel Spaß!

An welchem Tag erschien die erste FTD?

Alle Tests

© 1999 - 2013 Financial Times Deutschland
Aktuelle Nachrichten über Wirtschaft, Politik, Finanzen und Börsen

Börsen- und Finanzmarktdaten:
Bereitstellung der Kurs- und Marktinformationen erfolgt durch die Interactive Data Managed Solutions AG. Es wird keine Haftung für die Richtigkeit der Angaben übernommen!

Impressum | Datenschutz | Nutzungsbasierte Online Werbung | Disclaimer | Mediadaten | E-Mail an FTD | Sitemap | Hilfe | Archiv
Mit ICRA gekennzeichnet

Geldanlage | Altersvorsorge | Versicherung | Steuern | Arbeitsmarkt | Energiewende | Ökostrom | Auto | Quiz | IQ-Test | Allgemeinwissen | Solitär | Markensammler