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Merken   Drucken   07.06.2010, 11:00 Schriftgröße: AAA

Agenda: Merkels Bedrohung

Die chaotische Kür von Christian Wulff offenbart, wie sehr Angela Merkel die Zügel der Macht entglitten sind. Nun regt sich in ihrem Lager Widerstand - es gibt starke Sympathien für Joachim Gauck. Die Gegenkandidatur wird für Merkel brandgefährlich. von Claudia Kade  Berlin
Ganz am Schluss probt Guido Westerwelle  den Aufstand. Es ist Donnerstagnachmittag, der FDP-Chef sitzt mit Angela Merkel und Horst Seehofer  im Kanzleramt. Drei Tage lang hat er sich rausgehalten aus Merkels undurchsichtigem Verwirrspiel um den Kandidaten für das Schloss Bellevue. Er hat der Kanzlerin freie Hand gelassen - aber nicht umsonst. Ein dickes Dankeschön soll winken: Die Gesundheitsreform soll ein Sieg der FDP werden, so Merkels Angebot.
Doch schon an dem Nachmittag ist von den FDP-Reformplänen nichts mehr übrig. Die CSU hat alles zerpflückt. Westerwelle schäumt. Er fühlt sich ausgetrickst, will nicht mehr stillhalten. Er droht: Die FDP könne bei der Kandidatensuche auch eigene Wege gehen. Dann könne alles noch einmal ganz von vorn beginnen. Irgendwie lässt Westerwelle sich dann doch beruhigen. Der Vizekanzler vertagt die Revolte.
Bundeskanzlerin Angela Merkel   Bundeskanzlerin Angela Merkel
Diese Episode erzählen Vertraute der Kanzlerin, wichtige Abgeordnete und CDU-Strategen hinter vorgehaltener Hand. Es ist wichtig zu wissen in diesen Tagen, wer was wie erzählt.
Denn die unterschiedlichen Versionen über Merkels Kandidatenschlacht zeigen, wie sehr der Kanzlerin die Zügel der Macht entglitten sind. Wie sehr jede Koalitionspartei und auch die Seilschaften innerhalb von Merkels Union in Parallelwelten leben und auf ihrer eigenen Wahrheit bestehen. Es gibt keine gemeinsame Version von diesen drei Tagen, weil es kaum noch Gemeinschaftsgeist gibt. Und nun stellt sich die Frage, ob der klägliche Rest an Zusammenhalt in der Koalition reicht, um Merkels Kandidaten in drei Wochen tatsächlich zum Bundespräsidenten zu machen.
Denn der Aufstand hat bereits begonnen. Am Wochenende scherten Unions- und FDP-Politiker aus - und bekundeten ihre Sympathie für Joachim Gauck, den Kandidaten der Opposition. Auch in den Medien gibt es von "Spiegel" bis "Bild" ein ungewohnt breites Konzert an Unterstützung für den Ex-Chef der Stasi-Unterlagenbehörde. Tenor: Nichts gegen Wulff. Aber Gauck ist der Bessere.
Gauck könnte für Merkel zum GAU werden. Nun rächt sich ihre Art, Politik zu machen - einsame Entscheidungen zu fällen, Mitstreiter zu verprellen und starke Figuren zu schwächen. Selten wurde das so deutlich wie vergangene Woche bei der Suche nach einem Nachfolger für Horst Köhler.
Schon wenige Stunden nach dessen Rücktritt entscheidet sich Merkel, einen Kandidaten aus dem schwarz-gelben Lager zu suchen. In einer eilig einberufenen Telefonschaltkonferenz des CDU-Präsidiums macht sie klar, dass sie nichts von einem überparteilichen Bewerber hält. "Wir haben eine ausreichende Mehrheit, die sollten wir nutzen." Einige aus der Runde loben später diese Entschlossenheit. Andere, vor allem aus den großen unionsgeführten Ländern, schütteln über diese Festlegung den Kopf. "Sie hat die Chance verschenkt, sich in den Lichtstrahl einer überparteilichen Lösung zu stellen", sagt ein Unionsstratege.

Teil 2: Vier Namen sickern nach außen

  • Aus der FTD vom 07.06.2010
    © 2010 Financial Times Deutschland,
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