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Merken   Drucken   02.04.2006, 19:41 Schriftgröße: AAA

Agenda: Offene Kernfrage

Noch gilt der Atomausstieg als beschlossene Sache. Dabei scheint immer mehr für die weitere Nutzung der Kernkraft zu sprechen. Je länger die Regierung das Tabuthema verdrängt, desto stärker wird die Position der Atomindustrie. von Eva Busse, Biblis
Das Kernkraftwerk Biblis   Das Kernkraftwerk Biblis
Im Herzen des Atomreaktors, in der Kuppel von Biblis A, in der gefährlichsten Zone des laut Kernkraftgegnern gefährlichsten Meilers Deutschlands. In keinem anderen gibt es so viele Pannen, behaupten die Gegner, beziehungsweise meldepflichtige Vorkommnisse, wie der Betreiber es nennt. Der Schichtleiter ist bester Stimmung. "Schauen Sie auf Ihr Dosimeter!", ruft er triumphierend, "schauen Sie genau hin!" 0,000 radioaktive Strahlung zeigt es an, das Dosimeter. Und das direkt über dem Brennelementelagerbecken, wo sich das verseuchte Material fünf Jahre lang abreagiert, bis es verlagert werden kann. "Bei einer Gebirgswanderung kriegen Sie mehr Strahlung ab als bei uns in der Kuppel!", schwärmt der Schichtleiter. So ruhig, so strahlend türkis das Wasser im Lagerbecken. Fast wie ein Alpensee.
Auch der Chef des Schichtleiters, Hartmut Lauer, der Werksleiter von Biblis, hat nur gute Nachrichten. Zwar ist Biblis A der nächste Abschaltkandidat. Im nächsten, spätestens im übernächsten Jahr soll es laut Atomgesetz stillgelegt werden. Doch an dieses Atomgesetz scheint hier in der südhessischen Einöde - wo RWE  in den letzten sechs Jahren knapp 1 Mrd. Euro in die Nachrüstung der Reaktoren gesteckt hat - niemand zu glauben. Lauer wirkt keineswegs wie einer, der kurz vorm Arbeitsplatzverlust steht. Sein neuester Stolz ist die Vernebelungsanlage, mit der er seine zwei Meiler in Zukunft tarnen will, wenn Terroristen im Anflug sind. "Das Genehmigungsverfahren läuft schon."
Was nicht läuft, ist die Vorbereitung zur Abschaltung. Mindestens eineinhalb Jahre vor Reaktor-Stilllegung müsste sie eingeleitet werden, sagt Lauer. Würde der im Jahr 2000 beschlossene Atomausstieg nach Plan vollzogen, wäre es also höchste Zeit. Doch Lauer sagt auch, und das ziemlich ungeduldig: "Die Welt hat sich eben verändert seit 2000."
Bundeskanzlerin Angela Merkel   Bundeskanzlerin Angela Merkel
Merkels Pläne für den Energiegipfel
Eine Tatsache, der der am Montag in Berlin unter Vorsitz von Bundeskanzlerin Angela Merkel stattfindende Energiegipfel nur bedingt Rechnung trägt. Denn Merkel will nicht über die Zukunft der Atomenergie sprechen. Das sei "kein Thema", befand sie im Vorfeld - obwohl derzeit keine andere Energieform der Regierung so dringende Entscheidungen abverlangt wie die Kernkraft: Der Betreiber RWE hat angekündigt, noch in diesem Quartal eine Laufzeitverlängerung für Biblis A zu beantragen. EnBW bereitet ein ähnliches Gesuch für Neckarwestheim 1 vor, dessen Stilllegung ebenfalls in dieser Legislaturperiode fällig wäre.
Es ist wahrscheinlich die folgenschwerste Entscheidung, die Merkels Regierung bislang treffen musste. So viel stand noch nie auf dem Spiel: Für die Antragsteller geht es um Milliarden. Die Meiler sind längst abgeschrieben, die Betriebskosten gering, und die Gewinnmargen wären sensationell, wenn die Reaktoren länger laufen dürften. Für die Regierung geht es um den Koalitionserhalt. Die zwei Minister, die sich einigen müssen, haben laut und deutlich die unvereinbaren Positionen ihrer Parteien verkündet: Umweltminister Sigmar Gabriel ist ganz auf SPD-Linie gegen eine Verlängerung der Laufzeiten, Wirtschaftsminister Michael Glos ist wie die Mehrheit in der Union dafür.

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  • Aus der FTD vom 03.04.2006
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