Das Handy klingelt vor der Neuen Nationalgalerie. Philipp Rösler schnappt gerade nach etwas Luft, will einen klaren Kopf bekommen, nach der chaotischen Pressekonferenz mit Ursula von der Leyen und Barbara Stamm, den Gesundheitsexpertinnen von CDU und CSU. Es ist Freitag, kurz vor 12 Uhr. Am anderen Ende meldet sich das Büro Westerwelle. Er hat eine Nachricht für Rösler, die sein Leben komplett umkrempeln wird.
Auf dem Handy von Rösler sind auch die Fotos von seinen Zwillingstöchtern Grietje und Gesche gespeichert - die hat er bei den Koalitionsverhandlungen nicht ohne Stolz rumgezeigt. Erst vergangene Woche hat Rösler den Kaufvertrag für seinen neuen Bungalow in Isernhagen in der Nähe von Hannover unterzeichnet. Familienglück in Niedersachsen. So hatte er es geplant.
Daraus wird wohl nichts. FDP-Chef Guido Westerwelle eröffnet seinem Parteivize, dass er einen der schwierigsten Jobs übernehmen soll, den die Republik derzeit zu vergeben hat: Minister für Gesundheit. Das ist, so sagt Rösler später, auch für ihn eine faustdicke Überraschung. Er hatte sich ja sogar gesträubt, Verhandlungsführer der Liberalen für das Thema zu werden.
Gesundheitsminister - eigentlich ein kompletter Wahnsinn, dass Rösler wenig später zusagt. Sein künftiges Ministerium ist nach all den Jahren sozialdemokratisch oder noch grün durchsetzt, zudem umzingelt von milliardenschweren Lobbyisten: Ärztevertreter, Krankenkassenvertreter, die Pharmabranche. Nicht zu vergessen die Sozialverbände, der gewiefte SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach und, fast am schlimmsten, die Leute von der eigenen Koalition. Die CSU stänkert bereits gegen die Kopfpauschale, die Rösler Stück für Stück einführen will. Der Novize aus Niedersachsen verfügt zudem über keinerlei Hausmacht in Berlin.
Nein, die Gesundheitspolitik wird in den kommenden Jahren nicht einfach werden. Die Menschen werden älter, die Kosten steigen unaufhaltsam, und die große Frage, welches System das Land haben soll, darauf haben sich FDP und Union nicht einigen können. Der Gesundheitsfonds bleibt erst mal, irgendwann wird vielleicht irgendwie reformiert. Rösler spricht zwar von einem vereinbarten Systemwechsel, doch CSU-Chef Horst Seehofer betont, dass sich nichts ändern werde.
Teil 2: Rasant und raketenhaft