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Merken   Drucken   15.04.2007, 19:21 Schriftgröße: AAA

Agenda: Prognostalgie

Diese Woche übergeben die fünf führenden Wirtschaftsforschungsinstitute der Regierung ihre Gemeinschaftsdiagnose. Der Aufschwung ist da, doch die Konjunkturchefs sind traurig. Es ist ihre letzte Prognose in vertrauter Runde. Künftig wird das Gutachten ausgeschrieben. von Monika Dunkel (Halle)
Große Gefühle. Bloß nicht. Fünf gestandene Männer, renommierte Ökonomen noch dazu - da ist Wehmut fehl am Platz. Also, Pokerface. "Das Produkt zählt", sagt Joachim Scheide, Konjunkturchef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft. "Wir sind streitbar wie immer", beteuert Udo Ludwig, erster Konjunkturmann des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Er ist Gastgeber der diesjährigen Frühlingsklausur in Halle an der Saale.
Die Vertreter der fünf führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute sitzen an einem Tisch, zwei Wochen lang. Noch bis Dienstagfrüh streiten sie, versöhnen sich, rechnen, rechnen wieder und aktualisieren. "Bis zur letzten Minute in der letzten Nacht können sich Änderungen ergeben", sagt Ludwig. "Da zählt auch Sitzfleisch." Erst dann steigt weißer Rauch auf. Erst dann haben sich die fünf Wirtschaftskardinäle auf eine gemeinsame Wachstumsprognose verständigt, die wohl meistbeachtete Konjunkturzahl Deutschlands.
Eine Zahl, die Schicksale von Politikern mitbestimmt, die Gemütslage von Wirtschaftsbossen und Bürgern prägt. Doch jetzt geht es auch um das Schicksal der fünf Männer. Für einige von ihnen ist es das letzte Mal. Vielleicht für Gastgeber Ludwig? Oder für Alfred Steinherr, Konjunkturchef des Berliner DIW? Mit seinem lilafarbenen Streifenhemd, das eine Krawatte mit lustigen Tieren ziert, muntert er die Herrenrunde zumindest optisch auf. Sie zittern alle: der Konjunkturguru des RWI, Roland Döhrn, des Kieler Instituts, Joachim Scheide und des Ifo, Gebhard Flaig. Niemand von ihnen weiß, ob er bei der Herbstprognose 2007 noch dabei sein wird.
Zuschlag für maximal vier Institute
Seit ein paar Tagen haben sie es schwarz auf weiß, unwiderruflich: die neue Ausschreibung des Bundeswirtschaftsministeriums zur Gemeinschaftsdiagnose, die "GD", wie Eingeweihte sie stets abkürzen. Sie stellt alles auf den Kopf. Wo seit 1950 fast immer dieselben Institute und ihre Konjunkturchefs saßen, soll nun ein frischer Wind wehen. Maximal vier Institute bekommen künftig den Zuschlag. Einer der Herren muss also mindestens dran glauben. Vermutlich sogar zwei, befürchten sie alle und schauen verstohlen zum Nachbarn: Ich oder er?
Der Wirtschaftsminister verkauft die Reform unter dem Label "mehr Wettbewerb". Geschickt verpackt. Eigentlich aber will Michael Glos die Institute, die in der Vergangenheit nicht immer so wollten wie die Regierung, einschüchtern - und setzt darauf, dass sie sich selbst zerfleischen.
Deshalb hat Glos die Ausschreibung für Neulinge geöffnet. Alle Institute dürfen sich bewerben, sogar ausländische, wenn sie der deutschen Sprache mächtig sind, etwas von Konjunktur und den "Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen" (VGR) verstehen. Denkbar wäre es also, dass uns künftig US-Forscher oder französische Experten prophezeien, wie stark die deutsche Wirtschaft wächst oder schrumpft.

Lesen Sie weiter, wie sich Düsseldorfer und Mannheimer Hoffnungen machen

  • Aus der FTD vom 16.04.2007
    © 2007 Financial Times Deutschland,
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