Und plötzlich lassen sich die Emotionen nicht mehr zurückdrängen, die Stimme wird brüchig. Ministerpräsident Peter Harry Carstensen steht am Rednerpult des Kieler Landtags und weint. Sieben Jahre hat der Mann mit dem breiten Kreuz und dem schlohweißen Haar dieses Land regiert, zum letzten Mal spricht er heute vor dem Hohen Haus, in dem er fast 30 Jahre Abgeordneter war. Bei der Wahl am Sonntag tritt er nicht mehr an.
Im Landtag ist es mucksmäuschenstill, nicht einmal die Schüler oben auf der Besuchertribüne machen Lärm, sie erleben jetzt 30 Minuten Landespolitik, wie es sie nur in Schleswig-Holstein gibt. So emotional. Und so aggressiv.
Der große, graue Mann dort unten am Mikrofon zieht mit tränenerstickter Stimme eine Bilanz seines politischen Lebens, dankt seinen Freunden, reicht den Kritikern versöhnlich die Hand. Dann schließt Carstensen das Kapitel Carstensen theatralisch mit den Worten: "Gott schütze Schleswig-Holstein."
Die Parteifreunde jubeln, selbst Oppositionsabgeordnete stehen auf und zollen ihm Respekt. Jetzt könnte auch Carstensens Intimfeind die alten Schlachten abhaken. Doch SPD-Fraktionschef Ralf Stegner bleibt erst demonstrativ sitzen, erhebt sich dann langsam aus dem Sessel, blickt gedankenverloren hinaus auf die im Sonnenlicht schimmernde Förde, als ginge ihn das hier alles nichts an, und schlendert schließlich zum Rednerpult.
Von dort aus drischt er auf den scheidenden Ministerpräsidenten ein. "Sie haben Politik gegen die Menschen gemacht", sagt Stegner. "Sie haben für wenige viel und für viele wenig getan. Das wird sich am 6. Mai ändern." Das wiederum bringt FDP-Fraktionschef Wolfgang Kubicki so sehr in Rage, dass er das Wort ergreift und erwidert: "Herr Dr. Stegner, Sie haben nicht nur kein Benehmen, Sie haben auch keine Würde." Er sei eben für Heuchelei nicht zu haben, wird Stegner später sagen. Carstensens Gefühlsausbruch sei bloß inszeniert gewesen.
So läuft das in Schleswig-Holstein. Selbst in Momenten der Rührung schenkt man sich hier nichts. Nirgendwo ist der politische Streit schärfer und persönlicher. Seit Jahrzehnten produziert die Politik Skandale und Intrigen, die ihresgleichen suchen. Barschel, Engholm, Simonis, von Boetticher: In Kiel finden die Untergänge statt, die das ganze Land erschüttern - oder erheitern.
So ist in Kiel eine politische Kultur gediehen, die geprägt ist von Neid, Misstrauen und persönlichen Feindschaften. Der Plenarsaal mit diesem spektakulären Blick auf die Förde, er ist die Bühne für das ganz große politische Drama.
Am Sonntag folgt der nächste Akt, Schleswig-Holstein wählt. Schon wieder. Die zweiten vorgezogenen Neuwahlen in Folge. Erst platzte 2009 die Große Koalition, dann erklärte das Landesverfassungsgericht die Folgewahl für verfassungswidrig. Das Feld ist bereitet für die nächste Runde Wahlkrieg zwischen den Meeren.
Dabei treten zwei Spitzenkandidaten an, die mit der Hasstradition brechen könnten. Es war gar die Rede von einem Fairnessabkommen zwischen dem Kieler Oberbürgermeister Torsten Albig (SPD) und dem Wirtschaftsminister Jost de Jager (CDU). Doch der Ungeist Schleswig-Holsteins ist stärker. Als die CDU mit einem populistischen Flugblatt vor der "Dänen-Ampel" warnt, einer Koalition von SPD, Grünen und dem SSW, der Partei der dänischen Minderheit, schießt Albig mit größtmöglichem Kaliber zurück. Das sei der "Rückfall in eine Zeit, die mit dem Namen Barschel verbunden ist". Rums. Barschel - die Urkatastrophe. Der größte Politskandal der Nachkriegsgeschichte. Wie ein Schatten liegt er über allem, was in Kiel politisch geschieht.
In einem unscheinbaren Einfamilienhaus am Rand von Rendsburg wohnt ein Mann, der Auskunft geben kann über die herrschende politische Kultur. "Ich bin mit einem ideologischen Kampf groß geworden, den man sich heute kaum noch vorstellen kann", sagt Günter Neugebauer. 30 Jahre saß der Mann mit dem gemütlichen Schnauzbart für die SPD im Landtag. Erst als 2009 die Große Koalition zerbrach, zog er sich zurück.
Jetzt sitzt Neugebauer zwischen Hunderten Aktenordnern und Stapeln handschriftlicher Notizen in seinem Arbeitszimmer. Er hat sich vorgenommen, seine Geschichte, die zugleich die Geschichte des Landtags ist, in einem Buch aufzuschreiben.
"1979 saßen in meiner Fraktion Abgeordnete, die von den Nazis verfolgt wurden. Und auf der anderen Seite saßen die Leute, die sie verfolgt hatten", sagt Neugebauer. Offener Hass herrscht damals in dem Land, das seit 1950 von der CDU regiert wird. Tiefschwarz ist das Bauernland mit den vielen Flüchtlingen aus dem Osten, die Roten um Neugebauer haben nichts zu melden: "Die haben uns ihre Macht jeden Tag spüren lassen."
Es ist dieses Klima, in dem acht Jahre später Ministerpräsident Uwe Barschel seinen Medienreferenten Reiner Pfeiffer beauftragt, den SPD-Herausforderer Björn Engholm überwachen zu lassen und ihm eine anonyme Steueranzeige anzuhängen. Die Folgen sind bekannt: Der "Spiegel" berichtet, der Ministerpräsident tritt zurück und wird wenig später tot in einem Genfer Hotelzimmer aufgefunden.
1993 stürzt auch Björn Engholm, Ministerpräsident und SPD-Kanzlerkandidat, über die Ereignisse. Im Zuge der "Schubladenaffäre" kommt heraus, dass Engholm von den Machenschaften Pfeiffers früher gewusst hatte als behauptet. Meineid. "Nur der Tod Willy Brandts hat mich mehr getroffen", sagt Neugebauer. Die Finanzministerin Heide Simonis übernimmt als Ministerpräsidentin, und mit ihr hält die Hoffnung Einzug, dass nun die Skandale ein Ende haben. Doch es wird anders kommen.
Jeder, der in diesen Jahren im hohen Norden in die Politik wächst, durchläuft eine Schule des Misstrauens: Wo Ministerpräsidenten lügen und Intrigen spinnen, kennt auch das Fußvolk keine Hemmungen. Selbst Parteifreunde bekämpfen sich mit allen Mitteln. Ein Vertrauter brachte Barschel zu Fall. Engholm stürzte über einen Untersuchungsausschuss unter dem Vorsitz eines Sozialdemokraten. Das Misstrauen sickert bis tief in die Parteien. Und fällt dort auf fruchtbaren Boden.
Selbst im kleinen Kiel gibt es mehr ambitionierte Politiker als Posten. Nicht alle haben das Format für ein öffentliches Amt. Diejenigen, die herausstechen, entwickeln schnell ein übergroßes Ego. Und diejenigen, die beim Verteilen der Dienstwagen übergangen werden, empfinden das schneller als persönliche Kränkung als anderswo, wo die Konkurrenz größer und besser ist. Dabei hätte das katastrophal verschuldete, strukturschwache Land wahrlich genug Probleme, um eine kompetente Regentenschar zu beschäftigen. Doch die ist beschäftigt mit ihrem historisch gewachsenen Hass auf den politischen Gegner, persönliche Rache gesellt sich als Triebfeder der Kieler Skandale.
Skandale wie den "Heide-Mord". Was am 17. März 2005 passiert, vergiftet das Klima bis heute. Eine Stimme Mehrheit hat Heide Simonis im Landtag, der sie zur Ministerpräsidentin wählen soll. Der SSW will ihre rot-grüne Minderheitsregierung tolerieren. Neugebauer eröffnet als Alterspräsident die Sitzung. In seiner Rede fordert er "die volle Disziplin und die volle Verantwortung aller Abgeordneten dieses Hohen Hauses, weil die politischen Entscheidungen so knapp sind, wie sie nun mal sind".
Um 13.18 Uhr beginnt die geheime Abstimmung. Um 13.39 Uhr wird das Ergebnis verkündet. Simonis fehlt eine Stimme zur Wiederwahl. Auch um 13.57 Uhr und um 14.14 Uhr hat die Ministerpräsidentin keine Mehrheit. CDU und FDP liegen sich jubelnd in den Armen. Bei der SPD: fassungslose Mienen. Die Sitzung wird unterbrochen. Die SPD-Fraktion stimmt noch einmal ab. Auf improvisierten Wahlzetteln. Geheim. Zur Probe. Alle stimmen für Simonis.
Beim vierten Wahlgang sezieren die Kameras jeden, der zur Urne schreitet. Längst ist Berlin zugeschaltet. Ganz Deutschland verfolgt das Drama. Um 16.19 Uhr steht das Ergebnis fest: "Für den Abgeordneten Carstensen haben gestimmt: 34. Für die Abgeordnete Simonis haben gestimmt: 34. Enthaltung: eine."
Noch heute hat jeder seine eigene Theorie dazu, wer hinter dieser "ehrlosen Schweinerei" steckt, wie Ralf Stegner die Enthaltung in einem offenen Brief nennt. Die meisten gehen von einem persönlichen Racheakt aus, aber einige wollen nicht ausschließen, dass damals auch Geld geflossen ist.
Simonis' Ende läutet einen vierjährigen offenen Krieg ein: SPD und CDU gehen eine Große Koalition ein. Formell sind Stegner und Carstensen nun Partner, doch sie bekämpfen sich, wo sie nur sie können. 2009 platzt die Koalition.
"Der Heide-Mord war eine richtige Katastrophe für die SPD", sagt Stegner. "Auch für mich persönlich." Seine Gegner hingegen streuen, er selbst sei der Brutus von Kiel. Doch welches Motiv hätte er haben sollen? "Für mich war das besonders bitter, denn es gab die Absprache mit Heide Simonis, dass ich Mitte der Legislaturperiode das Amt übernehmen sollte." Der ehrgeizige Stegner, der in Harvard studiert hat, könnte heute Ministerpräsident sein. Stattdessen steigt er als Abgeordneter auf einen kleinen, roten Trecker, Porsche-Diesel, Baujahr 1961, und tuckert die Dorfstraße in Felde bei Kiel hinunter, hinein in ein Neubaugebiet. Haustürgespräche.
An das vergiftete Klima scheint sich der zugezogene SPD-Spitzenkandidat Torsten Albig noch immer nicht gewöhnt zu haben. Seit Barschel gebe es regelrechte Feindschaften: "Das nehmen die Leute abends mit ins Bett und stehen morgens wieder damit auf", sagt er leicht erstaunt. Es ist Anfang März, Albig ist auf dem Weg nach Föhr, um die heiße Phase des Wahlkampfs einzuläuten. Vor dem Fenster seines Dienstwagens ziehen weite Wiesen voller Windräder vorbei. Gelegenheit für Grundsätzliches. "In Schleswig-Holstein tendiert man dazu, nichts unkommentiert zu lassen", sagt der 48-Jährige mit der markanten Glatze. Weil es nur etwa zehn Leute in der ersten Reihe gebe, werde jeder Streit sofort persönlich. "Da fehlt die Struktur drumherum, die Animositäten abfedern kann."
Das hat Albig in seiner politischen Laufbahn anders kennengelernt. Der gebürtige Bremer arbeitete in Bonn und in Berlin, war bis 2009 Sprecher des damaligen Finanzministers Per Steinbrück, bevor er als Oberbürgermeister nach Kiel ging. Der Landespolitik kam er mehrfach nahe, aber er war nie Teil der Landeshausszene und ihrer Intrigen. Und es wirkt so, als wolle er unbedingt vermeiden, sich in die Grabenkämpfe hineinziehen zu lassen. "Ich führe einen landesweiten Bürgermeisterwahlkampf", sagt Albig. Tatsächlich vermeidet der Kommunikationsprofi persönliche Angriffe. Er hat sich mit Stegner abgestimmt. Für die Abteilung Attacke ist der beim Gegner verhasste SPD-Chef zuständig, der ihm in einer Mitgliederbefragung um die Spitzenkandidatur unterlegen war.
Albig hingegen zielt auf die Mitte, inszeniert sich präsidial. Und kommt damit gut an: In den Umfragen sprechen sich rund die Hälfte der Befragten für ihn als künftigen Ministerpräsidenten aus.
Wie sehr Albig die typisch schleswig-holsteinische Kraftmeierei vermeidet, zeigt sich bereits Anfang Februar auf dem SPD-Parteitag, wo er offiziell zum Spitzenkandidaten nominiert wird. Die Musik- und Kongresshalle in Lübeck, 200 Delegierte erwarten eine feurige Rede. Es wäre die Gelegenheit für Albig, all die aufgestauten Verletzungen anzuzapfen, doch er verbreitet in sonorem Bass Allgemeinplätze, spricht abstrakt von Verantwortung für das Land, von Bürgerbeteiligung und von wirtschaftlicher Vernunft. Erst als es um Bildungskosten geht, versucht er einen Gang hochzuschalten, wird laut, zu laut. Der schrille Ton steht ihm nicht. Der zögerlich einsetzende Applaus wirkt wie der Kandidat: pragmatisch, nicht euphorisch.
Auch auf Föhr bleibt er bei seiner Linie. Am Strand steht eine kleine Bühne, davor Hunderte Genossen in roten Pullovern, die Albig auf die Insel gefolgt sind. Der Kandidat soll sie mobilisieren, soll sie dazu bringen, für ihn stundenlang in den Fußgängerzonen zu werben. Es gibt Bier und Würstchen, die Sonne scheint, die Stimmung ist ausgelassen. Wo, wenn nicht hier, wäre der Ort für ein paar derbe Sprüche? Albig klettert auf die Bühne. In den Nordseewind ruft er: "Wir denken nicht darüber nach, wie wir die anderen beschimpfen, wir denken den ganzen Tag darüber nach, wie wir unser Land besser machen!" Unten beugt sich ein älterer Genosse zu seinem Nachbarn. "Also bei uns beschimpfen wir die anderen, seit ich dabei bin." Beide lachen.
Albigs Konkurrent Jost de Jager sieht nicht aus wie einer, der unbedingt nach oben will. Sein Gesicht hat keine scharfen Konturen, das schüttere Haar und die runden Wangen verleihen ihm die biedere Optik eines Steuerberaters. Es gibt Leute, die sagen, man dürfe sich nicht täuschen lassen, der Pfarrerssohn aus Rendsburg wisse sehr genau, was er wolle. Aber an diesem Abend ist nicht viel zu spüren vom Machtinstinkt des Spitzenkandidaten.
De Jager steht im Schweinehof, einem alten Gasthaus am Seeufer, 15 Kilometer nördlich von Itzehoe, und hält zwischen ausgestopften Fischen und Rehböcken vor etwa 100 Kommunalpolitikern einen lustlosen Vortrag. Es sind noch wenige Wochen bis zur Wahl, und de Jager verspricht eine auf Entschuldung setzende Finanzpolitik, Ruhe in der Schulstrukturdebatte und den Ausbau der A20.
Emotionen? Fehlanzeige. Angriffe auf den Konkurrenten Albig? Sehr zaghaft vorgetragen. De Jager ist in einer schwierigen Lage. Er darf nicht allzu viel Porzellan zerschlagen. In den Umfragen hat Schwarz-Gelb ebenso wenig wie Rot-Grün eine Mehrheit. Wieder wird es verdammt knapp.
Der ziemlich sichere Einzug der Piratenpartei führt geradewegs in die Dänen-Ampel aus SPD, Grünen und SSW. Oder eben, und das ist wohl de Jagers Hoffnung, in eine Große Koalition. Theoretisch denkbar ist außerdem ein Jamaikabündnis aus Schwarz, Gelb und Grün. Kurzum: De Jager hat viele mögliche Freunde und gibt deshalb den netten Onkel aus der CDU, der nur den SSW scharf angreift.
Eigentlich ist der blasse Wirtschaftsminister ja auch nur der Ersatz für einen, der am 6.Mai ganz groß auftrumpfen sollte: Christian von Boetticher. Der Zwei-Meter-Mann war der Nachwuchsstar der Nord-CDU. Er war Landesparteichef, Fraktionschef und Spitzenkandidat. Er sollte Carstensen beerben und Schwarz-Gelb fortsetzen. Von Boetticher war das Gesicht der CDU Schleswig-Holstein: selbstbewusst, eloquent, sympathisch. Dann vernichtete ein Skandal seine politische Existenz. Ein Skandal, der alles hat, um maximale Aufmerksamkeit zu erzeugen: Sex, Macht - und vielleicht auch eine Intrige.
CvB, wie ihn alle nannten, hatte sich auf eine Beziehung mit einer 16-jährigen Schülerin aus Nordrhein-Westfalen eingelassen. Das Gerücht machte schnell die Runde, viele sollen von Boetticher gewarnt haben - vergeblich: Das sei seine Privatsache. Dann kommt der 14. August 2011. Morgens twittert SPD-Chef Stegner vielsagend: "Musiktipp: Rolling Stones, ,Surprise, Surprise‘. Habt einen schönen Sonntag allerseits!" An diesem Tag berichtet die "Bild am Sonntag" erstmals von der Affäre des damals 39-Jährigen. Abends tritt CvB nach einer Krisensitzung des Landesvorstands vor die Kameras, erklärt seinen Rücktritt - und liefert unter Tränen das Zitat des Jahres: "Es war schlichtweg Liebe."
Wochenlang gibt es in Kiel nur ein Thema - die "Lolita-Affäre". Wurde die Presse gezielt informiert? Wieso ist ein Mitglied der Kieler Jungen Union nach Düsseldorf gefahren, um das Mädchen zu treffen? Wieso hat es einem Mitglied der Jungen Union Plön seine Facebook-Korrespondenz mit von Boetticher weitergeleitet?
Innerparteiliche Gegner, so ein hartnäckiges Gerücht, hätten von Boetticher auffliegen lassen - damit die Bombe nicht im Wahlkampf detoniert und genug Zeit bleibt, einen neuen Spitzenkandidaten aufzubauen. Das "Hamburger Abendblatt" fragte damals Carstensen, ob es sich um eine Intrige von Parteifreunden handele. Und der Ministerpräsident antwortete bloß: "Jedenfalls nicht von mir."
Und so ist das kleine Schleswig-Holstein wieder um eine große Affäre reicher, wieder ist ein Stück Vertrauen verloren gegangen. Wieder bleiben einige auf der Strecke, die sich einreihen in die Schar der Gekränkten, zu denen auch Ralf Stegner gehört.
Der Mann, der Ministerpräsident werden wollte, steht vor der Bäckerei am Dorfplatz in Melsdorf bei Kiel, unter einem blau-weißen Schirm sucht er Schutz vor dem Regen. "Guten Tag, ich bin der Landtagskandidat der SPD, darf ich Ihnen mal einen Flyer geben?" Sein Singsang wirkt leicht genervt, selten heben sich die Mundwinkel zu einem Lächeln. Die meisten erkennen den Politiker.
Da kommt eine Frau mittleren Alters auf ihn zu. Noch bevor Stegner seinen Standardsatz loswerden kann, fragt sie: "Herr Stegner, sind Sie in Wirklichkeit ganz nett? Ich habe gehört, Sie sind in Wirklichkeit ganz nett, aber Sie schimpfen immer so viel." Der Fraktionsvorsitzende der SPD zögert kurz. Dann sagt er: "Aber ich schimpfe doch immer nur auf die anderen."