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06.07.2009, 20:15
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The day after Krümmel
Dossier
Der Störfall im Atomkraftwerk Krümmel beschert der SPD ein Wahlkampfthema. Umweltminister Sigmar Gabriel stilisiert die Bundestagswahl zur Abstimmung über den Atomausstieg. Die Union gerät in Erklärungsnöte.
von Matthias Oden (Geesthacht), Claus Hecking (Hamburg), Jens Tartler, Claudia Kade, Friederike von Tiesenhausen (Berlin)
Die Praxis von Ulrike Beck bleibt am Montag geschlossen. Die 37-jährige Ernährungsberaterin ist extra von Tübingen nach Geesthacht bei Hamburg gereist, um sich in Eisen legen zu lassen. Gegen 10 Uhr marschiert sie am Montag zusammen mit neun weiteren Greenpeace-Aktivisten vor dem Haupteingang des Kernkraftwerks Krümmel auf, lässt sich mit einem Mitstreiter ans Tor ketten. Die anderen Umweltschützer recken Schilder in die Luft:"AKW Krümmel geschlossen wegen Unzuverlässigkeit von Vattenfall" steht darauf. "Wenn's sein muss, bleibe ich auch ein paar Tage hier", sagt Beck.
Wofür Ulrike Beck 785 Kilometer zurücklegte, lässt die Menschen in Geesthacht eher kalt. Keine Demonstrationen, keine Aufrufe, keine Bürgerinitiativen. Stattdessen ländliche Idylle. Der Samstag ist längst vergessen, als wegen eines Kurzschlusses in einem Transformator die Spannung absackte, Industriebetriebe wie die Hamburger Aluminium-Werke oder die Lufthansa Technik Ausfälle meldeten. Autofahrer in der Hansestadt standen im Stau, weil 1500 Ampeln ausfielen. Längst ist der Ärger dem Alltag gewichen.
Umso größer ist die Aufregung um den Störfall in der Hauptstadt. Die SPD wittert ein formidables Wahlkampfthema, das sie bis zur Abstimmung am 27. September aus dem Umfragetief nach oben bringt. Die Union, die den Atomausstieg nach dem Wahltag am liebsten revidieren würde, gerät nach der jüngsten Debatte um mögliche Steuererhöhungen abermals in Erklärungsnot. Gerade hatte Angela Merkel das unselige Abgabenthema eingefangen, schon muss sie dem Vorwurf entgegentreten, mit ihrer Energiepolitik das Leben der Deutschen aufs Spiel zu setzen.
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Bilderserie: Die ältesten Atommeiler Europas
Nach Auffassung der Internationalen Atomenergiebehörde ist die Aufregung maßlos übertrieben. Im eigentlichen Wortsinn ein "Null-Ereignis": Auf der INES-Skala von 0 bis 7, mit der die Organisation sicherheitsrelevante Vorfälle in Kernkraftwerken klassifiziert, wird der Kurzschluss im Transformator als "Ereignis ohne oder mit geringer sicherheitstechnischer Bedeutung" eingeordnet - schließlich stand der Transformator außerhalb des Meilers.
Gravierender als der Vorfall selbst ist die desaströse Kommunikationspolitik des Krümmel-Betreibers. "Vattenfall bringt die ganze Branche in Verruf", heißt es aus den Reihen eines großen Stromerzeugers. Schon nach dem Transformatorenbrand vor zwei Jahren hatte sich Krümmel-Miteigentümer
Eon massiv verärgert über die desaströse Kommunikationspolitik von
Vattenfall gezeigt. Damals, als dicker Rauch aus dem Gelände des Atomkraftwerks Krümmel quoll, titelte die "Bild"-Zeitung "AKW in Flammen". Tatsächlich brannte damals ein außerhalb des Kraftwerks gelegenes Trafohaus - ebenfalls ein Null-Ereignis auf der INES-Skala. Und ebenfalls ein Punktsieg für alle Politiker, die vom Atomausstieg nicht abrücken wollen.
Teil 2: Sigmar Gabriel zieht in den Kampf gegen die Atomlobby
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Aus der FTD vom 07.07.2009
© 2009 Financial Times Deutschland,
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