Michael Wolffsohn
Natürlich gilt für andere politische Gruppierungen das Gleiche wie für die Linken. "Rechts" war und ist auch antisemitisch. Das betonen die Linken gern, sie unterschlagen dabei aber diesen wichtigen Zusatz: Nicht jeder Rechte ist antisemitisch. Wenn wir von der politischen Geografie zur politischen Farbenlehre wechseln, gilt deshalb folgerichtig: Wie bei Rot gab und gibt es auch bei Schwarz und Gelb - und bis Mitte der 90er-Jahre sogar besonders heftig - Antisemiten.
Nun spricht Liebich endlich Tacheles, während andere noch lamentieren. Doch die Betonung des allgemeinen Antisemitismus relativiert und verharmlost den besonderen und besonders militanten Antisemitismus. Diese Ausprägung kennzeichnen zwei Elemente: Es gibt das "klassische" sowie das antizionistische beziehungsweise antiisraelische. Manche, nicht nur in der Linken, sagen, Israelkritik sei nicht antisemitisch. Das stimmt. Israelkritik ist, wie jede Kritik, kein fundamentales Anti. Antiisraelismus hingegen ist, anders als Israelkritik, fundamental, und jedes fundamentale Anti will den Gegner vernichten. Der Antiisraelismus will Israel als zionistischen, sprich jüdischen, Staat auflösen - mit oder ohne Gewalt. Das wiederum richtet sich gegen das elementare Sicherheits- und Überlebensbedürfnis fast aller Juden der Welt. Sie sehen, auch wenn sie nicht in Israel leben, den jüdischen Staat für den Fall der Fälle als eine Lebensversicherung.
Wenn sich Antiisraelismus - anders eben als Israelkritik - gegen die existenzielle Sicherheit beziehungsweise das historisch und psychologisch mehr als nur verständliche Sicherheitsbedürfnis der Juden wendet, ist er letztlich doch Antisemitismus. Das ist die ideologische und zugleich hochpolitische Erklärung für die Gleichsetzung von Antisemitismus und Antiisraelismus.