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Merken   Drucken   25.06.2011, 12:20 Schriftgröße: AAA

Antisemitismus: Die Linke muss antisemitisch sein

Kommentar Mit fadenscheinigen Beteuerungen kann die Partei ihre Judenfeindschaft nicht verhehlen. Sie steckt tief im ideologischen und ökonomischen Denkgerüst. von Michael Wolffsohn
Michael Wolffsohn ist Professor für Neuere Geschichte an der Bundeswehr-Universität München.
Links und antisemitisch? "Ausgeschlossen", sagen Geschichtenerzähler. Doch wer die Geschichte kennt, sagt: "Nichts Neues unter der Sonne." Der Antisemitismus der Linken ist so alt wie die alte Linke selbst. Das gilt für die neue, bundesdeutsche Partei ebenso wie für ihre Vorläufer - die PDS und die SED - sowie für Stalin und Marx. Und auch die in den 60er-Jahren entstandene Neue Linke fällt in dieses Raster.
Zwar sind nicht alle Linken antisemitisch. Dennoch gibt es eine antisemitische Vergangenheit, Gegenwart - und wohl auch leider Zukunft, wenn man die aktuelle Debatte über Antisemitismus in der Linkspartei verfolgt. Sprachlich verquast, doch inhaltlich richtig bestätigte der Bundestagsabgeordneten der Linken Stefan Liebich am vergangenen Montag , dass es auch in seiner Partei Antisemitismus gebe - "weil Antisemitismus in Deutschland insgesamt noch existiert und wir leider immer wieder in allen politischen Lagern uns damit auseinandersetzen müssen". Davon werde auch seine Linkspartei nicht verschont.
Michael Wolffsohn   Michael Wolffsohn
Natürlich gilt für andere politische Gruppierungen das Gleiche wie für die Linken. "Rechts" war und ist auch antisemitisch. Das betonen die Linken gern, sie unterschlagen dabei aber diesen wichtigen Zusatz: Nicht jeder Rechte ist antisemitisch. Wenn wir von der politischen Geografie zur politischen Farbenlehre wechseln, gilt deshalb folgerichtig: Wie bei Rot gab und gibt es auch bei Schwarz und Gelb - und bis Mitte der 90er-Jahre sogar besonders heftig - Antisemiten.
Nun spricht Liebich endlich Tacheles, während andere noch lamentieren. Doch die Betonung des allgemeinen Antisemitismus relativiert und verharmlost den besonderen und besonders militanten Antisemitismus. Diese Ausprägung kennzeichnen zwei Elemente: Es gibt das "klassische" sowie das antizionistische beziehungsweise antiisraelische. Manche, nicht nur in der Linken, sagen, Israelkritik sei nicht antisemitisch. Das stimmt. Israelkritik ist, wie jede Kritik, kein fundamentales Anti. Antiisraelismus hingegen ist, anders als Israelkritik, fundamental, und jedes fundamentale Anti will den Gegner vernichten. Der Antiisraelismus will Israel als zionistischen, sprich jüdischen, Staat auflösen - mit oder ohne Gewalt. Das wiederum richtet sich gegen das elementare Sicherheits- und Überlebensbedürfnis fast aller Juden der Welt. Sie sehen, auch wenn sie nicht in Israel leben, den jüdischen Staat für den Fall der Fälle als eine Lebensversicherung.
Wenn sich Antiisraelismus - anders eben als Israelkritik - gegen die existenzielle Sicherheit beziehungsweise das historisch und psychologisch mehr als nur verständliche Sicherheitsbedürfnis der Juden wendet, ist er letztlich doch Antisemitismus. Das ist die ideologische und zugleich hochpolitische Erklärung für die Gleichsetzung von Antisemitismus und Antiisraelismus.

Teil 2: "Opium fürs Volk"

  • FTD.de, 25.06.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
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Kommentare
  • 03.01.2012 20:52:54 Uhr   Enttäuschend : ftd durch diesen Artikel abbestellt

    Für mich war dieser Artikel der Anlass mein ftd-Abo zu kündigen. Ich hab die Zeitung auch als eher linker Bürger gern gelesen. Auch wenn die Linke thematisch gern isoliert bzw. erst gar nicht erwähnt wurde, was ich als unprofessionell ansehe, hatte dieser Artikel ein Niveau erreicht, dass man noch nicht mal in Der Welt oder der FAZ erwarten könnte. Sehr schade. Für mich war die ftd immer anders und hatte inhaltlichen Tiefgang. Dieser „Flachmann“ bedeutete für mich den Abgang. Schade eigentlich.

  • 02.07.2011 18:23:20 Uhr   David Freibothe: linker Antisemetismus
  • 01.07.2011 23:36:17 Uhr   Laubfrosch: Grütze
  • 01.07.2011 23:21:22 Uhr   Reklats: Gedankenspiel
  • 01.07.2011 19:45:27 Uhr   Eckhard Stephan: cogito ergo sum!
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