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Merken   Drucken   09.03.2009, 13:21 Schriftgröße: AAA

Attac-Kongress: Antwort vergeblich gesucht  

Mitten in der Krise ein Kapitalismuskongress - Attac landet einen vollen Erfolg. Nur wie es weitergehen soll, bleibt offen. Erst mal demonstrieren lautet die Devise. von Maike Rademaker
Es ist der größte Attac-Kongress seit Langem, der Saal der Technischen Universität Berlin ist brechend voll. 100 Seminare mit 150 Referenten später ist man sich aber keineswegs einig, was nun passieren soll mit dem Kapitalismus: "Wir schmeißen die Illusion der sozialen Marktwirtschaft über Bord!", fordert Hans-Jürgen Urban, Vorstandsmitglied der IG Metall. Das linke CDU- und Attac-Mitglied Heiner Geißler schlägt dagegen eine neue Ethik für just diese Marktwirtschaft vor und erntet dafür heftigen Protest. Und Soziologin Frigga Haug geht an die Basis, schließlich ist Internationaler Frauentag: "Männern sollte die Möglichkeit gegeben werden, sich als soziale Wesen zu entfalten", fordert sie auf dem Abschlusspodium des Kongresses unter Applaus.
Nie war die Chance wohl so groß wie heute, Gehör für aggressive Kapitalismuskritik zu finden: Fast wöchentlich erscheinen neue Bücher zum Crash, Volksparteien üben den Linksruck, Wissenschaftler debattieren international die Systemfrage - und Attac führt zeitgerecht einen Kapitalismuskongress durch, zärtlich "Kapikon" genannt. Gestartet wurden die Vorbereitungen bereits 2007, mitten im Boom. Die präzise Landung in der Krise spülte den Organisatoren satte 2000 Teilnehmer ins Haus - doppelt so viel wie geplant.
So richtig glücklich macht dieser Erfolg die Kritiker aber nicht. "Die Linke hat die Krise vorher gesehen. Jetzt haben wir recht. Und die Linke steht ratlos da", beschreibt Urban das Problem. "Das ist ein Diskussionskongress", charakterisiert Attac-Mitgründer Peter Wahl die bunte Versammlung. Es gebe ein "Wahnsinnsbedürfnis nach Welterklärung", das befriedigt werden müsse.
Also wird in Seminaren und Vorträgen debattiert, was das Zeug hält - von den Grundlagen zu Finanzmarkt und Finanzkrise über "Was Attacis von Marx' Kapital wissen sollten" bis zu den Antworten biblischer Theologie und Konsumkritik. Die Referenten sind vor allem in der linken Szene prominent - wie der Politologe Elmar Altvater oder der Sozialethiker Friedrich Hengsbach. Als Mitglied einer Volkspartei bleibt Geißler dagegen weitgehend allein, auch kritische Unternehmer oder gar Banker tauchen nicht auf - sie wurden gar nicht erst eingeladen. Man habe solche Gruppen bewusst nicht dazugebeten, sagt Wahl, obwohl der von Attac geforderte Finanz-TÜV, die Börsenumsatzsteuer und Enteignungen längst Standardrepertoire in der Parteiendebatte sind.
Die Attac-Anhänger diskutieren lieber eigene Alternativen zum herrschenden System. Die reichen vom Sozialismus über die demokratische Planwirtschaft bis zum Marktsozialismus und einem neuen "Green Deal". Irgendeine aber muss unbedingt her, und zwar bevor alles zusammenbricht: "Wenn der Laden vor die Wand fährt, bauen wir nicht auf, sondern die", warnt Gewerkschafter Urban. Die Strategie des Abwartens greife nicht. Man brauche deswegen die "Wirtschaftsdemokratie in einer globalisierten Welt".
Auch keine absurde Idee, nur dringt auch sie wohl nicht durch die Mauern: Das Problem sei nicht, recht zu haben, sagt Wahl, sondern vielmehr der Mangel an Glaubwürdigkeit und Vertrauen in der Bevölkerung: "Die haben wir noch nicht." Die revolutionäre Situation sei ohnehin nicht da, so Wahl, nur ein Fenster für Veränderungen. "Es geht gegenwärtig darum, den diskursiven Prozess zu begleiten und das Meinungsklima zu beeinflussen."
Eine ganz praktische Idee für mehr Massentauglichkeit der Attac-Ideen gibt es dann auch: Demonstrationen - die ersten am 28. März in Frankfurt und Berlin, rechtzeitig vor dem G20-Gipfel am 2. April. Der Titel "Wir zahlen nicht für eure Krise" soll, so hofft Attac, Zehntausende auf die Straße locken. Wie ein "Mosaik" werde die Linke künftig sein, schwärmt Urban: "Ungeheuer schön - aus ganz vielen Bausteinen, aber nur gemeinsam so schön." Was auf seinem Mosaikbild zu sehen ist, sagt Urban allerdings nicht.
  • FTD.de, 09.03.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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