Aufschwung:Flexible Arbeitszeiten sorgen für Jobwunder
Da können sich Politiker auf die Schultern klopfen, bis es weh tut: Laut Experten hat vor allem der flexiblere Umgang mit den Arbeitszeiten zu mehr Beschäftigung geführt. von Mathias Ohanian und Hubert Beyerle, Berlin
Das Wunder am deutschen Jobmarkt ist Fachleuten zufolge vor allem dem flexiblen Umgang mit der Arbeitszeit und weniger den Arbeitsmarktreformen zu verdanken. "In Deutschland sind 3,1 Millionen Arbeitsplätze gerettet worden, weil die Arbeitszeiten reduziert wurden und Unternehmen in der Hoffnung auf eine relativ rasche wirtschaftliche Erholung Beschäftigte gehalten haben", sagte am Dienstag Gustav Horn, Direktor des gewerkschaftsnahen Forschungsinstitut IMK in Berlin. Der starke Kündigungsschutz bewahrte Arbeitnehmer zudem vor voreiligen Entlassungen.
Deutschland liegt bei Arbeitslosigkeit und Beschäftigung bei oder über den bisher besten Zahlen von vor rund 20 Jahren. Trotz historischer Krise haben die Unternehmen kaum entlassen und stellen bereits wieder kräftig ein. Dabei beanspruchen wieder einmal viele den Erfolg für sich. Die wahren Gründe sind teilweise überraschend einfach.
Im Gegensatz zu früheren Rezessionen ist die Beschäftigung in Deutschland in der Finanzkrise kaum gesunken, die Arbeitszeit dafür umso mehr. Im Aufschwung bis 2008 hatten Beschäftigte ihre Arbeitszeitkonten aufgefüllt und Überstunden angehäuft. In der Rezession wurden die Überstunden abgebaut und die Konten ins Minus gezogen. Solche flexiblen Arbeitszeitmodelle sind deutlich stärker verbreitet als früher.
Nach Berechnungen des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) haben vor allem Verkürzungen der Wochenarbeitszeit, die Zunahme der Teilzeitarbeit und der Abbau von Überstunden sowie Arbeitszeitkonten geholfen. Diese machten zusammen rund zwei Drittel des Rückgangs von Arbeitszeiten aus. Die Unternehmen und ihre Beschäftigten hätten hier gut zusammengewirkt.
Zudem war die Ausgangslage gut: "Unternehmen waren zu Krisenausbruch in einer viel besseren finanziellen Situation als in früheren Fällen", schreiben Jens Boysen-Hogrefe und Dominik Groll vom Kieler Institut für Weltwirtschaft. "Das war vielleicht die wichtigste Voraussetzung dafür, dass sie Arbeitskräfte horten konnten." Nach den Berechnungen des IMK wurden mit dieser internen Flexibilität die Jobs von fast zwei Millionen Beschäftigten gesichert. Bereits im Abschwung 2001 habe das Halten von Arbeitskräften Beschäftigung gesichert, so IMK-Chef Horn. Gehortet wurde aus Angst, im Aufschwung die Stellen nicht neu besetzen zu können.
Nach Einschätzung von Experten ist die oft gelobte subventionierte Kurzarbeit nur ein kleiner Teil der Wunderstory. Laut IAB-Berechnungen war sie für nur rund ein Drittel der Arbeitszeitsenkung verantwortlich. "Die Kurzarbeit war in dieser Krise weder international noch im historischen Vergleich besonders ausgeprägt und kann daher das Jobwunder nur zu einem kleinen Teil erklären", schreiben auch die Kieler Ökonomen Boysen-Hogrefe und Groll. So blieb die Kurzarbeit in der vergangenen Krise geringer als im Frühling 1991.
In Deutschland sind Arbeitnehmer sehr viel stärker vor Entlassungen geschützt als in anderen Ländern. "Seit der Abschaffung der Möglichkeit der Frühverrentung durch die Hartz-Reformen ist der faktische Kündigungsschutz noch stärker geworden", sagte Hilmar Schneider, Co-Direktor des Instituts Zukunft der Arbeit (IZA). "Damit konnten die Unternehmen in der Krise sehr viel weniger entlassen, als sie möglicherweise kurzfristig gewollt hatten." Das erwies sich als Segen, weil sie in der Erholung nicht lange suchen mussten. "Die historisch und international einmalig hohe Flexibilität bei den Arbeitszeiten ist auch eine Folge des hohen Kündigungsschutzes in Deutschland", so Schneider.
Zunehmend entlastend wirkt die Demografie. Mehr Menschen scheiden aus dem Arbeitsmarkt aus als junge neu einsteigen. "Die Entlastung durch die Demografie dürfte 2010 bei netto 90.000 bis 100.000 liegen", sagte Bert Rürup, Chef der Beratungsgesellschaft Maschmeyer-Rürup. Da die Arbeitslosigkeit in diesem Jahr um jahresdurchschnittlich rund 340.000 sinken dürfte, macht der demografische Effekt rund ein Viertel aus. "Die Demografie senkt dieses Jahr die Arbeitslosenquote allein um 0,2 bis 0,3 Prozentpunkte", schätzt Rürup.
Zur Beschäftigungssicherung hat auch beigetragen, dass Arbeitnehmer und Unternehmen gemeinschaftlich die Folgen der Krise aufgefangen haben. "Die Sozialpartnerschaft zwischen Unternehmen und Beschäftigten wurde vom Staat flankiert", sagte Ulrich Walwei, Vizedirektor des IAB. Bündnisse für Arbeit hätten die Lohnkosten gesenkt und so den Unternehmen geholfen, Mitarbeiter zu halten. In der Regel wurde Einkommensverzicht gegen den Verzicht auf betriebsbedingte Kündigung vereinbart. Viele DAX-Unternehmen hatten Arbeitnehmern im Gegenzug für schmerzhafte Einschnitte bereits vor 2008 zugesichert, dass die Stammbelegschaft mindestens bis 2010 nicht entlassen wird. So konnten sie im Krisenjahr 2009 - als das Bruttoinlandsprodukt um satte 4,7 Prozent sank - nicht Leute feuern.
Stark umstritten ist unter Experten, inwieweit die Hartz-Reformen zum Jobwunder beigetragen haben. Die einen betonen, dass sich dadurch die finanzielle Ausgangslage der Unternehmen so verbessert habe, dass sie in der Krise nicht so stark entlassen mussten. Zudem seien die Anreize für Arbeitslose, Jobs anzunehmen, gestiegen. Andere Experten sagen, dass die Flexibilität kaum zugenommen habe.
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