Deutschland verdaut noch den Preisschock. Bier, Brot, Butterkekse - billiger ist kaum was geworden. Doch so inflationserprobt die Republik inzwischen auch sein mag: Die unangenehmste Überraschung steht den meisten noch ins Haus. Und zwar am 24. Dezember, wenn beflissene Familienväter spätestens losziehen, um für die Festtagsstimmung das dekorative Nadelholz zu organisieren.
Denn die Weihnachtsbäume werden knapp. "Ich befürchte, dass es in diesem Jahr einfach nicht genug Bäume geben wird", sagt Christian von Burgsdorff, der zu den größten Weihnachtsbaumhändlern des Landes gehört. So groß wie 400 Fußballfelder ist seine Plantage auf Gut Dobersdorf in der Nähe von Kiel. Die Forstwirtschaft hat bereits eine "Weihnachtsbaumkrise" ausgemacht. Da die Nachfrage deutlich über dem Angebot liege, seien die Preise um bis zu 30 Prozent gestiegen.
Wer nach den Gründen dieser Baumhausse fragt, darf sich über ein handliches Kompendium der Weltwirtschaft freuen. Da ist von Globalisierung die Rede, vom Klimawandel und von internationalen Migrationsströmen. Ungewöhnlich schwere Januarstürme hätten in diesem Jahr viel Baumbestand zerstört, sagt Ursula Geismann, Sprecherin des Verbands der holzverarbeitenden Industrie. Zudem hätten viele Landwirte von Bäumen auf Mais umgestellt - um vom Boom der erneuerbaren Energien zu profitieren. Denn aus Mais lässt sich recht rentabel Biosprit gewinnen.
Rund um Kiel sei die Zahl der Weihnachtsbaumplantagen innerhalb von drei Jahren um ein Viertel gefallen, sagt von Burgsdorff. Dass die Baumzucht uninteressanter geworden ist, hat einen weiteren Grund: Die billigen Arbeitskräfte aus Polen sind längst eine Scholle weitergezogen - etwa nach England. Plantagen müssen daher draufzahlen, um örtliche Arbeitskräfte anzustellen.
Zudem ist der Weihnachtsbaum zur globalen Marke geworden. Auch in Asien oder im Nahen Osten finden sich immer mehr Anhänger westlicher Besinnlichkeit. Insgesamt 28 Millionen Bäume haben deutsche Forstbetriebe vergangenes Jahr verkauft - für 616 Mio. Euro. Bei einigen gehen inzwischen 30 Prozent in den Export. "Dass die Lufthansa Weihnachtsbäume per Kühlcontainer in die Wüste fliegt, ist gar nicht mehr so ungewöhnlich", sagt Geismann. "Das ist Globalisierung."
Klar, dass auch die Sozialstruktur voll auf die Baumpreise durchschlägt. Familien zerfallen, und munter nimmt die Zahl der Tannen und Fichten zu, die Singlehaushalte benadeln. Und auch die üblichen Marktmechanismen - steigendes Angebot durch höhere Preise, dadurch mehr Wettbewerb und sinkende Preise - versagen in diesem Fall. Der Weihnachtsbaum wächst nämlich gemeinhin langsam. Zehn Jahre dauert es, bis er zwei Meter groß ist.