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Merken   Drucken   08.08.2002, 20:59 Schriftgröße: AAA

Bundesliga: Ball flach halten

Am Freitag startet die Bundesliga in ihre 40. Saison. Wegen der Finanzmisere herrscht Krisenstimmung, doch die Malaise ist eine Chance. Die deutschen Vereine stehen ohnehin weit besser da als die Konkurrenz in den anderen Top-Ligen Europas. von Axel Kintzinger, Hamburg
Stefan Effenberg hatte sich das Karriereende anders vorgestellt. Der Ex-Regisseur des FC Bayern München ist zwar 34, doch er wollte noch zwei Jahre spielen. Auf höchstem Niveau. Auf höchstem Gehaltsniveau zumindest. Zwischen 2,25 und 3,25 Mio. Euro bewegt sich die Summe, die Effenberg jährlich in München verdient haben soll. "Ich sehe meine Zukunft im Ausland", sagte der Mittelfeldspieler. Aber dort wollte ihn kein Klub. Dann suchte er im Inland. Auch hier hat ihn bislang kein Verein verpflichtet. Heute ist Effe, der frühere "Cheffe", arbeitslos.
Falls es ihn tröstet: Er steht mit diesem Schicksal nicht allein da. 66 erwerbslose Profis zählen Erste und Zweite Bundesliga momentan, und es sind weitere illustre Namen darunter: Lauterns Stürmer Jörgen Petterson und Ex-Nationalspieler Rene Schneider vom Hamburger SV sind inzwischen ohne Verein. Christian Brand, der zuletzt für Hansa Rostock gekickt hatte, meldete sich schon nach Ende der letzten Saison ordentlich beim dortigen Arbeitsamt erwerbslos: Berufskennziffer 838 für Artisten, Berufssportler und Künstler, Unterziffer 3 für Berufsfußballspieler.
Die fetten Jahre sind vorbei
Am Mittwoch startet das Unternehmen Bundesliga in seine 40. Spielzeit - und so langsam dämmert es auch Effenberg und Co.: Die fetten Jahre sind vorbei. Kritiker fürchten, das Erfolgsmodell bekomme seinen zweiten Kratzer nach dem Bestechungsskandal in den 70er Jahren. Früher hatte man Geld, jetzt redet alles über Geld. Vor allem über Geld, das fehlt. "Durch die Mindereinnahmen aus der Vergabe der TV-Rechte muss jeder Verein mit 18 bis 20 Prozent weniger Einnahmen rechnen", sagt Wolfgang Holzhäuser, Geschäftsführer von Bayer Leverkusen.
Schon werden die ersten Konsequenzen gezogen: Der VfB Stuttgart und Energie Cottbus haben ihren Spielern die Prämien gestrichen, Bayer Leverkusen senkte sie am Donnerstag um 20 Prozent. Gehaltskürzungen werden allerorten diskutiert, sind aber schwerer durchzusetzen. Spieler wie Dortmunds Kapitän Stefan Reuter halten eine solche Maßnahme immerhin für "legitim", selbst Bayern-Star Giovane Elber kann sich vorstellen, etwas weniger zu verdienen. Die Lage ist also wirklich dramatisch. Oder?
Am Gesamtetat der Liga lässt sich eine Rezession nicht erkennen: 652,7 Mio. Euro geben die 18 Vereine in dieser Saison aus - das ist Rekord und liegt um 10 Mio. Euro über den Vorjahresbudgets. Die Marktführer in der Bundesliga, Bayern München, Dortmund, Schalke oder Hertha BSC Berlin, planen weiter groß, auch wenn sie sich mit Einkäufen zurückgehalten haben. Insgesamt sank die Transfersumme in der Bundesliga von rund 150 Mio. Euro im letzten auf etwas über 100 Mio. Euro in diesem Jahr.
Uli Hoeneß geht in die Festgeldabteilung
Der FC Bayern investierte am meisten und zahlte rund 25 Mio. Euro für die Neuzugänge Michael Ballack und Zé Roberto von Bayer Leverkusen sowie Sebastian Deisler von Hertha BSC. Bauchschmerzen bereitet das dem Liga-Krösus nicht. Sein neuer Hauptsponsor, die Deutsche Telekom, überweist jährlich 20 Mio. Euro, hinzu kommen 8 Mio. Euro von Adidas und jeweils 5 Mio. Euro von Audi und Yello. "Natürlich macht es uns stolz", sagte Bayern-Manager Uli Hoeneß der "Welt", "dass wir heute noch in die Festgeldabteilung unserer Bank gehen, wenn wir Spieler kaufen, und nicht ins Kreditbüro."
Für Vereine aus dem unteren Tabellendrittel sieht es etwas anders aus. Für Klubs in Spanien, Italien und England muss es wie Hohn klingen. Da ging es in den vergangenen Jahren um ganz andere Summen - und nun um eine andere Krise. Selbst ein kleiner Klub wie der spanische Vizemeister Deportivo la Coruna verfügt über einen Etat in der Größenordnung von Schalke 04 - und doch ist das nur ein Viertel des Budgets vom FC Barcelona.
La Coruna, der Verein aus dem Nordwesten Spaniens, ist immerhin "wirtschaftlich gesund", sagt Ricardo Moar, der dort acht Jahre lang und bis vor kurzem Sportdirektor war. Jetzt arbeitet er in gleicher Funktion bei Hannover 96, dem Aufsteiger. "In Spanien steht es viel schlechter als in Deutschland", sagt Moar, "und was schlimmer ist: Den Klubs dort ist das Ausmaß der Krise gar nicht klar". Uli Hoeneß sieht das größte Elend in Italien: Dort "ist der Markt völlig am Boden." Wie in Deutschland leiden auch die Vereine in den Elite-Ligen Spaniens, Englands und vor allem Italiens unter den zusammengebrochenen Preisen für die Fernsehrechte. In den dortigen Ligen ist die Lage tatsächlich dramatisch.
Absturz der Tifosi
Teure Verpflichtungen hat kaum noch ein Klub vornehmen können. In Italiens erster Liga Serie A drohte vor wenigen Wochen den beiden renommierten Hauptstadtklubs AS und Lazio Rom der Zwangsabstieg; ihre Schulden überstiegen selbst das in Italien gültige Maß für eine Verlängerung der Lizenz. Der Traditionsklub AC Florenz, einst Arbeitgeber von Effenberg und Star-Coach Giovanni Trapattoni, musste in den letzten zwei Jahren panikartig Spieler verkaufen. Geholfen hat es nichts: Dem sportlichen Abstieg in die zweite Liga folgte jetzt die Zwangsversetzung in Serie C2 - die vierte und unterste Profiliga des Landes. Darunter rangieren nur noch die Amateure, die Ligen der "dilettanti", wie sie auf italienisch heißen.
Von diesen Zuständen ist der bezahlte Fußball in Deutschland weit entfernt. Hier, sagt Ricardo Moar, "wurde einfach besser gewirtschaftet". Und er meint damit nicht nur die Bayern mit ihrem prall gefüllten Festgeldkonto. Auch sein neuer Klub, Hannover 96, ist in einer "finanziell guten Situation". Den Verein plagten keine Schulden, und "wir kämen nicht einmal in Gefahr, wenn wir wieder Zweite Liga spielen müssten".
Wie selbst einer der größten ausländischen Klubs kaputtzukriegen ist, beschreibt Moar am Beispiel des FC Barcelona. Dort habe man über lange Jahren hinweg "Spieler, die vielleicht 5 Mio. Euro wert sind, für 15 Mio. Euro eingekauft". Kaufanfragen nach Spielern würden nicht beantwortet: "Ich habe in den letzten Wochen 20-mal dort angerufen, weil mich Spieler aus Barcelonas B-Kader interessieren", sagt Moar, "doch bis heute kam keine Reaktion: keine Dokumente, keine Videos, gar nichts."
Der 48-jährige Insider des spanischen Profifußballs schäumt angesichts des Niedergangs eines solchen Welt-Vereins: "Da sitzt das Management mit seinen Spitzengehältern in der Geschäftsstelle vor dem Fernseher und glotzt den Sekretärinnen auf den Po - sonst machen die nichts!" Jetzt haben sie was gemacht: Der Verein hat sich vom brasilianischen Weltmeister Rivaldo getrennt, dessen Gehalt von 10 Mio. Euro der FC Barcelona nicht mehr bezahlen kann. Rivaldo kickt nun beim AC Mailand, für weniger Geld.
Spieler immer billiger
Die Gehaltsspirale ist vorerst gestoppt. Doch das halten viele Experten weniger für ein Krisensymptom und eher für einen gesunden Prozess. Für Stuttgarts Trainer Felix Magath haben sich sogar "die Machtverhältnisse im Fußball verändert". Das gilt für die Spieler, die sich künftig auf geringere Grundgehälter einstellen müssen. Und das gilt für die in den Vereinen gehassten Spielervermittler, die die Preise in den letzten 20 Jahren in astronomische Höhen getrieben haben.
Während in Spanien und Italien sowie in den unteren Profiligen Englands Ausverkaufsstimmung herrscht, können sich die deutschen Klubs auf Schnäppchen freuen. Hertha-Manager Dieter Hoeneß frohlockt dieser Tage: "Die Spieler werden täglich billiger." Selbst die Kleinen können mithalten: "Für Mannschaften wie Hannover wird der Markt jedes Jahr besser", sagt Moar, "wir bekommen künftig immer bessere Spieler für immer weniger Geld." Derzeit bietet er sogar um den rumänischen Stürmerstar Adrian Ilie vom spanischen Meister FC Valencia mit. Dessen derzeitiges Gehalt von über 3 Mio. Euro ist für den Aufsteiger Hannover indiskutabel, aber Moar "kann warten".
So hat er es auch in La Coruna gehalten und sehr gute Spieler abgefischt, die eigentlich zu Real Madrid oder nach Barcelona wollten. Mit Erfolg: Der Provinzklub aus La Coruna ist Dauergast in der einnahmeträchtigen Champions League. Auf europäischem Parkett haben deutsche Klubs schon in der letzten Saison gezeigt, dass mit ihnen wieder zu rechnen ist: Leverkusen stürmte ins Champions-League-Finale und unterlag dort unglücklich mit 2:1 gegen Real Madrid.
Gefährliche Langeweile
Auf dem Weg dorthin hatte die Bayer-Elf von Klaus Toppmöller alles abgeräumt, was auf dem Kontinent Rang und Namen hat: Juventus Turin, FC Barcelona, FC Liverpool, Manchester United. Borussia Dortmund stand im Finale des Uefa-Cups. Mit beiden Mannschaften wird dieses Jahr wieder zu rechnen sein. Und mit dem FC Bayern, der bei einem Turnier letzte Woche den AC Mailand und Real Madrid besiegt hat.
Die größte Gefahr, die der Bundesliga droht, ist nicht die aktuelle Finanzkrise. Die bereinigt eher Missstände. Gefährlich kann die Langeweile werden, die ausbricht, wenn sich wieder die üblichen Verdächtigen an der Spitze festsetzen und wenn wieder früh klar ist, welche Vereine absteigen. Bleibt die Liga aber für Überraschungen gut, wird Borussia Dortmunds Geschäftsführer Gerd Niebaum Recht behalten. Er sieht die Bundesliga als "ein absolut werthaltiges Produkt".
  • FTD, 08.08.2002
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