Es ist die Nachricht, mit der die meisten der 1000 Parteitagsdelegierten am Montagmorgen in ihren Zug steigen Richtung Hannover. Es ist die Nachricht, dass ihre CDU schon wieder eine Großstadt verloren hat, diesmal ist es Karlsruhe: Nach mehr als 40 Jahren in der Hand der Union geht Karlsruhe an die SPD. Wenige Wochen vor Karlsruhe war es Stuttgart, auch hier musste sich der Kandidat der CDU geschlagen geben, den Grünen. Und überhaupt Baden-Württemberg: das Symbol des Niedergangs in den Ländern und in den Großstädten.
Obwohl die CDU in den bundesweiten Umfragen schon länger wieder Spitzenwerte nah an der 40-Prozent-Marke erreicht und Kanzlerin Angela Merkel ihren SPD-Herausforderer Peer Steinbrück bislang sicher auf Distanz hält - für den Parteitag in Hannover ist die Niederlage von Karlsruhe ein klares Vorzeichen: Zehn Monate vor der Bundestagswahl wollen zahlreiche Delegierte die letzte große Gelegenheit zur programmatischen Neuausrichtung unbedingt nutzen. Einige haben die Großstadtklientel im Blick, andere wollen mehr Frauen für die Union gewinnen, die Wirtschaft soll auch wieder aus ihrer Schmollecke geholt werden und die Konservativen schon länger.
Die Wahlschlappen, die die CDU zuletzt in den wichtigsten Städten des Landes und in den größten Landesverbänden Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg schlucken musste, sind noch nicht verdaut. Am Dienstag und Mittwoch in Hannover dürfte sich die lang verdrängte Richtungsdebatte Bahn brechen. Die FTD gibt einen Überblick über die wichtigsten Wählergruppen, bei denen die Union aufholen will.
Um die Wähler in den Metropolen macht sich die Unionsführung ernsthaft Sorgen, vor allem, weil es so viele sind und nur eine Minderheit von ihnen noch ihr Kreuzchen bei der CDU macht. Während die Parteispitze auf die traditionellen Unionsstärken wie innere Sicherheit, Wirtschaftskompetenz und Infrastrukturausbau setzt, will eine Gruppe von 13 CDU-Bundestagsabgeordneten die Union in der Gesellschaftspolitik modernisieren: Sie wollen auf dem Parteitag die steuerliche Gleichbehandlung homosexueller Lebenspartnerschaften mit der Ehe durchsetzen, gegen den Widerstand Merkels und anderer Spitzenpolitiker. Eine hitzige Auseinandersetzung ist zu erwarten.
Umfragen haben ergeben, dass Merkel bei Frauen zwar gut ankommt, die CDU davon aber nicht spürbar profitiert. Denn frauenspezifische Reformvorschläge aus den eigenen Reihen hat die Unionsführung blockiert: Eine gesetzliche Frauenquote für Konzernspitzen lehnte sie ab - die schon seit Jahren versprochenen höheren Renten für ältere Mütter hat sie bislang aus Kostengründen verschleppt. Parteifreundinnen werfen Merkel außerdem vor, mit der Einführung des Betreuungsgelds Mitte 2013 die mühsam durchgesetzte Modernisierung des Familienbilds wieder zurückzudrehen und gerade jüngere Frauen auf der Suche nach einem nahe gelegenen, qualitativ hochwertigen und bezahlbaren Krippenplatz zu verprellen. Die Frauen-Union will auf dem Parteitag nun erreichen, dass Mütter für Kindererziehungszeiten vor 1992 genauso viele Rentenpunkte erhalten wie jüngere Mütter, die bislang bevorzugt werden. Merkel hat sich hierzu noch nicht festgelegt, aber dieser Schritt würde mit Kosten von rund 13 Mrd. Euro ihre Pläne zur raschen Haushaltssanierung gefährden.
Der holprige Start der Energiewende und die stark steigenden Strompreise sowie die Pläne der Union für flächendeckende Mindestlöhne haben die Zufriedenheit in der Wirtschaft über die gute Konjunkturentwicklung, sinkende Lohnzusatzkosten und Merkels Euro-Krisenmanagement getrübt. Inzwischen gilt das Verhältnis der Wirtschaftsverbände zur Kanzlerin als stark angespannt. Auf dem Parteitag in Hannover will die Union mit einem Leitantrag der Parteispitze ihr wirtschaftspolitisches Profil schärfen - und damit Boden in Industrie und Mittelstand gutmachen. Mit Rücksicht auf die Wirtschaft wird statt einer starren Frauenquote nur die Verpflichtung festgeschrieben, dass sich jedes Unternehmen selbst ein Quotenziel setzen soll. Doch gerade der Wirtschaftsflügel der Union bemängelt, das Papier komme den Unternehmen in Sachen Bürokratieabbau und finanziellen Entlastungen nicht weit genug entgegen.
Mit dieser Wählergruppe tut sich die Union schwer, seit Merkel Kanzlerin ist. Familienbild, Atomkraft, Wehrpflicht - Merkel steht hier für Umbruch. Um ein Signal Richtung Stammwählerschaft zu senden, hat Merkel das Betreuungsgeld durchgesetzt. Auf den Parteitagen der vergangenen Jahre ist Merkel in ihren Hauptreden besonders konservativ aufgetreten. Neue Modernisierungsschübe aus den hinteren Reihen der Partei lässt sie dann je nach Mehrheitslage geschehen. So kann sie für sich konservatives Restprofil retten.