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Merken   Drucken   15.12.2011, 20:11 Schriftgröße: AAA

Christian Wulff: Der Relativpräsident

Christian Wulff hat in der Kredit-Affäre Fehler gemacht. Seine Leistungen als Präsident treten in den Hintergrund - das hat er nicht verdient.
© Bild: 2011 dapd/Clemens Bilan
Leitartikel Christian Wulff hat in der Kredit-Affäre Fehler gemacht. Seine Leistungen als Präsident treten in den Hintergrund - das hat er nicht verdient.
Spät, sehr spät hat Christian Wulff die richtigen Worte noch gefunden. Dass es ein Fehler war, den Landtagsabgeordneten auf eine Anfrage den Privatkredit von Familie Geerkens zu verschweigen, hätte der Bundespräsident auch sofort einräumen können, als die Vorwürfe laut wurden. Mit seinem Zögern gab er der Affäre nur Zeit zu wachsen. Angesichts seines klaren Bekenntnisses ist auch eine - bei Politikern leider typische - Wendung zu verschmerzen: Er bedaure, dass ein falscher Eindruck entstanden sei. Als ob nicht er für den falschen Eindruck verantwortlich ist.
In der Tat wäre der Kredit durch die Unternehmerfamilie keiner größeren Erwähnung wert - wenn Wulff ihn denn rechtzeitig erwähnt hätte. Wegen seines Zögerns hat er Verdächtigungen genährt, dass es noch andere Vorgänge geben könnte, die seiner Glaubwürdigkeit schaden. So kann Wulffs Erklärung nicht verhindern, dass die Opposition nun seine sämtlichen Urlaubsreisen untersuchen will. Sie hat Blut geleckt - so wie sich einst die Guttenplag-Detektive durch Guttenbergs Trotz herausgefordert fühlten. So muss Wulff, wenn über ihn geredet wird, vorerst die gefährlich distanzierte Relativierung ertragen: "Nach allem, was wir jetzt wissen ..."
Die Affäre um den Urlaub beim Unternehmer Carsten Maschmeyer wird nun ebenso wieder zitiert wie sein Upgrade bei einem Air-Berlin-Flug. Beides für sich genommen eher Petitessen. Der Bundespräsident nimmt aber unnötig in Kauf, dass sich viele kleine solche Geschichten zu einem unschmeichelhaften Ganzen addieren. So entsteht schnell das Bild eines Politikers, der unser Land vertreten soll, aber anscheinend in Affären verstrickt ist und Fingerspitzengefühl vermissen lässt. Seine bisherigen Leistungen als Bundespräsident - die herausragenden Reden zum Islam oder jüngst die Ansprache für die Neonaziopfer - treten so nach und nach in den Hintergrund. Leider. Das hat Wulff nicht verdient. Unschuldig daran ist er aber nicht.
  • Aus der FTD vom 16.12.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
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Kommentare
  • 19.12.2011 11:29:25 Uhr   Integrierter: Bundespräsident.....?

    Welchen Illusionen erliegen wir den hier? Jemand, der in der oft genannten 70 Stunden Woche (Arbeitsfrühstück, Sitzung, Gespräche, Arbeitsessen, Empfang, Termine, Teegespräch, Arbeitsessen, Rede, Interview, Unterzeichnung von Gesetzen die man nicht gelesen hat) dem fiktiven Stress der Rücktrittsforderung unterliegt, weiss, dass er nicht wirklich abgewählt werden kann, der wird doch einfach nur das Ding aussitzen, bis die ach so kritischen Medien die nächste Sau durchs Dorf treiben. Das hier ist Parteiendiktatur zum Anfassen, heute ist mal Wulff der Übeltäter, früher war es Rau, Lambsdorff, von Lafontaine und seinem Palast des Proletariates ganz zu schweigen. Der Webfehler des Grundgesetzes ist die überstarke Rolle der Parteien, die zur Zeit des parlamentarischen Rates (weiss noch jemand was das ist) von den Alliierten kritisiert wurde. Aus der Angst heraus nie wieder einen Diktator zu bekommen, hat man sich historisch auf die Spur zu einer Parteiendiktatur gemacht, die wir heute hier erleben. Die bad guys wechseln zyklisch, das Strukturpersonal bleibt. Und hier kommt die grosse Frage: Sind hochstrukturierte ausgereifte Volkswirtschaften überhaupt demokratisch zu steuern, wenn Transferleistungsbezieher und Rentner in naher Zukunft den Wähler, aber nicht den Zahler stellen? Wulff ist nur ein kleines abgebrochenes Zahnrädchen im strukturiert fehlerhaften System der Bundesrepublik Deutschland.

  • 19.12.2011 08:06:50 Uhr   John Doe: @Ober-Exzorzist
  • 16.12.2011 18:01:04 Uhr   Wolfgang: Relativ überflüssig.....
  • 16.12.2011 09:43:22 Uhr   Lisa Müller: Vertrauensfrage ./. Gewissenfrage
  • 16.12.2011 07:53:48 Uhr   Hans Huber: Herausragende Leistungen?
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