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Merken   Drucken   22.10.2008, 15:38 Schriftgröße: AAA

Chronologie: Wie sich Bayern in der Krise blamierte  

In Sachen Wirtschaft fühlte sich Bayern stets besonders stark. Jetzt zwingen Millardenverluste bei der BayernLB Finanzminister Huber zum Rücktritt. Viel zu lange redete er die Krise klein und wehrte sich gegen ein Hilfspaket, das sein Land nun als erstes in Anspruch nimmt. von David Böcking (Berlin)
24. August 2007 Die bayerische Landesbank BayernLB räumt erstmals ihr Engagement im US-Subprime-Markt ein. Als Opfer will sie aber nicht gesehen werden. Berichte über Lasten im Milliardenbereich werden dementiert. Es gebe nur geringe Ausfallrisiken.
28. November 2007 Angesichts der sich häufenden Hiobsbotschaften deutscher Banken erwägen die Sparkassen als Miteigentümer eine Fusion der BayernLB mit der baden-württembergischen LBBW. Die bayerische Regierung lehnt ab. Finanzminister Erwin Huber sagt, es werde weder Gespräche mit der LBBW noch mit der ebenfalls angeschlagenen WestLB geben.
17. Dezember 2007 Huber macht sich nach eigenen Worten keine Sorgen "um den Bestand und die Leistungsfähigkeit" der BayernLB. "Die Risiken sind im Moment zwar schwer einschätzbar, aber die Liquidität der Landesbank ist voll gewährleistet", sagte er. Anders als die Sachsen LB habe die BayernLB riskante US-Papiere nicht auf auf Kredit gekauft, sie brauche "keine Notverkäufe zu machen."
24. Januar 2008 Noch immer deutet die BayernLB lediglich an, wie hoch ihr Abschreibungsbedarfs sein könnte. Huber sagt, bislang sei durch die Finanzkrise ein Abschreibungsbedarf von bis zu 100 Mio. Euro identifiziert worden. Sowohl er als auch ein Banksprecher bestehen aber darauf, die Landesbank werde 2007 schwarze Zahlen schreiben.
12. bis 14. Februar 2008 Chaos in München: Huber wiederholt im Landtag, es gebe keine Erkenntnisse über Verluste bei der BayernLB. Vergleiche mit anderen angeschlagenen Landesbanken seien abwegig. Einen Tag später teilt die Bank endlich mit, die Finanzkrise habe sie 2007 mit insgesamt 1,9 Mrd. Euro belastet. Die Opposition ist empört. Huber habe entweder gelogen oder er sei ein "ahnungsloser, unwissender und damit ungeeigneter Ressortchef", sagt SPD-Fraktionschef Franz Maget. "Da sitzt der Kopf, der rollen muss", sagt Grünen-Fraktionschef Sepp Dürr mit Blick auf Huber. Wenige Tage später muss erst mal ein anderer gehen: BayernLB-Chef Werner Schmidt wird durch Finanzvorstand Michael Kemmer ersetzt.
1. April 2008 Nach Schmidt muss auch Risikovorstand Gerhard Gribkowsky seinen Hut nehmen. Ihm würden grobe handwerkliche Fehler vorgeworfen, heißt es aus Kreisen der BayernLB.
3. April 2008 Kemmer räumt ein, dass die BayernLB Wertpapiere im Wert von 4,3 Mrd. Euro abschreiben muss. "Wir rechnen auch damit, dass da noch was kommen wird." Einen Ausblick auf 2008 will der Bankchef nicht wagen, eine Finanzspritze sei aber nicht nötig. Finanzminister Huber schiebt die Schuld auf Wirtschaftsprüfer und Ratingagenturen: "Keiner hat eine Warnung ausgesprochen. Keiner hat Bedenken geäußert."
18. Juni 2008 Die Krise trifft nun auch Angestellte der BayernLB: Bis 2010 will die Landesbank 430 Stellen streichen - rund zehn Prozent. Außerdem sollen im selben Zeitraum etwa 150 Mio. Euro eingespart werden.
13. August 2008 Kemmer freut sich zu früh: "Die akute Krise ist überwunden", kommentiert er die Quartalszahlen. Während im ersten Vierteljahr noch Verluste von 770 Mio. Euro verbucht wurden, meldet die BayernLB nun einen Gewinn von 140 Mio. Euro. Eine Prognose verweigert der Bankchef aber noch immer.
19. September 2008 Nachdem in New York die Investmentbank Lehman Brothers kollabiert ist, beziffert Kemmer das dadurch entstandene Ausfallsrisiko in einem Rundschreiben an die Mitarbeiter auf rund 300 Mio. Euro.
30. September 2008 Unter Huber erleidet die CSU bei der Landtagswahl ihr schlechtestes Ergebnis seit Jahrzehnten. Die Wirtschaftspolitik war laut einer Umfrage von Infratest Dimap für das wichtigste Thema die Wähler.
14. Oktober 2008 In den Verhandlungen um ein rund 500 Mrd. Euro schweres Rettungspaket zeigt sich Bayern gewohnt selbstbewusst. Der Freistaat will sich nicht im geforderten Umfang an der Bankenrettung beteiligen, weil die Länder bereits mit der Rettung ihrer Sparkassen und Landesbanken belastet seien. Den Entwurf der Bundesregierung weist Huber als "absolut überzogen und unzumutbar" zurück. 20. bis 21. Oktober 2008 Als erstes Land nimmt Bayern die Hilfen aus dem Rettungspaket in Anspruch. Als Verwaltungsratschef muss Huber einen Bedarf von 5,4 Mrd. Euro eingestehen. Auf die Frage, ob damit das Ende der Fahnenstange erreicht sei, sagt er: "Das kann kein Mensch beantworten."
22. Oktober 2008 Angesichts massiver Kritik gibt Huber seinen Rücktritt bekannt. "Ich übernehme damit die politische Verantwortung für das Desaster in der Bayerischen Landesbank", sagt er. Die Schuld sieht er aber nach wie vor bei anderen: "Diesen Schritt mache ich ungeachtet der Tatsache, dass die Entscheidungen, die zur Belastung der BayernLB geführt haben, schon lange getroffen waren, bevor ich im Herbst 2007 stellvertretender Vorsitzender des Verwaltungsrats wurde."
mit Reuters
  • FTD.de, 22.10.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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