FTD.de » Politik » Deutschland » Der schwere Mut

Merken   Drucken   08.11.2009, 17:18 Schriftgröße: AAA

Das Letzte: Der schwere Mut  

Glosse Hätten wir Deutschen doch die DDR nicht einfach aus der Welt entfernt - sondern aus der Vergeblichkeit allen Strebens eine blühende Industrie gemacht. von Martin Virtel 
Na? Klemmt der Kredit immer noch? Fühlen Sie noch mal richtig hin. Das ist nicht der Kredit. Das Problem liegt noch tiefer. Da, wo es nie so richtig hell wird. Dort lebt die deutsche Melancholie. Von dort aus hemmt sie unser Wirtschaftswachstum.
Diese kostenlose Erkenntnis stammt von der Firma Carpediem24. Sie bietet für den Herbst Beratung gegen Melancholie. Wachstum sei allen gern gegönnt, die sich gegen die Schwermut stemmen. Uns aber bricht das Herz. "Pflücke den Tag", aber bitte alle 24 Stunden, das gemahnt uns an die Zeit, als wir die Nacht einfach so wachsen ließen und es war gut.
Aber es ist natürlich ein prima Geschäftstrick, die Krankheit, die man zu heilen verspricht, gleich selbst auszulösen. So kann es vorangehen. Auf die ganze Volkswirtschaft gerechnet sind das natürlich nur kleine Brötchen. Andere Völker haben aus der sanften, unerbittlichen Vergeblichkeit allen Strebens und Lebens blühende Industrien gemacht - Amerikaner den Blues, Finnen und Argentinier den Tango und die Briten Prinz Charles und seine Sippe.
Nur wir Deutschen haben die Chance nicht genutzt und die DDR einfach aus der Welt entfernt. Das Beste, was wir in Sachen Melancholie noch aufbieten können, bleibt Günter Wallraff, jener kampferprobte Journalist, der sich als Schwarzer verkleidet, damit ihn überhaupt noch jemand wahrnimmt. Handwerklich gut gemacht, aber eben kein Blockbuster. Nach der Krise, wenn es denn ein Danach geben sollte, müssen wir uns am Aufbau einer Schwermutindustrie versuchen.
  • Aus der FTD vom 09.11.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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