David McAllister hat ganz rote Ohren, so aufgeregt ist er vor dieser Begegnung. Gerade ist sein Sommerreise-Bus in Hitzacker im Wendland angekommen - für CDU-Ministerpräsidenten ist das traditionell Feindesland. Draußen wartet ein Häuflein Gorleben-Gegner mit Anti-Atom-Fahnen und viel Gesprächsbedarf. Und mit ihm im Bus warten Dutzende Journalisten darauf, ob der 41-Jährige das auch kann: Konflikte lösen, Landesvater sein. McAllister strafft sich und läuft auf die Gruppe zu.
Er muss jetzt zuhören, Verständnis zeigen, aber auch seine Position deutlich machen - und am Ende freundlich und unbeschadet aus der Nummer rauskommen. McAllister räumt Fehler der Vergangenheit ein und spricht von der Chance, jetzt mit einer neuen Atomendlagersuche "die einseitige Fokussierung auf Gorleben zu beenden". Den Wendländern reicht das natürlich nicht. Aber dann kommen sie mit einem Kompromissvorschlag, den sie vermutlich nicht ganz zu Ende gedacht haben: Sie wollen den Ministerpräsidenten auf der anschließenden Fahrradtour über den Elbdeich begleiten.
Das Ergebnis sind Fotos, die es noch nie gab: Ein CDU-Ministerpräsident auf dem Fahrrad, gefolgt von einem friedlichen, bunten Wendland-Tross. Eine Stunde später steigt McAllister wieder in den Bus. Er sieht jetzt entspannt aus. "Mac ist für alle da", sagt er zufrieden. Für die Gorleben-Gegner genauso wie für die Senioren vom Schützenverein oder die Bürgermeister von der SPD, die er an diesem Dienstag einen nach dem anderen besucht.
In einem halben Jahr muss McAllister beweisen, dass sich das ganze Händeschütteln gelohnt hat. Im Januar wird in Niedersachsen gewählt. Dann wird sich zeigen, ob die CDU nach den Wahldebakeln von Stefan Mappus in Baden-Württemberg und Norbert Röttgen in Nordrhein-Westfalen noch wichtige Landtagswahlen gewinnen kann. Im Jahr der Bundestagswahl 2013 wird der junge Ministerpräsident, der erst seit zwei Jahren im Amt ist, auf einmal zum bundespolitischen Faktor. McAllister ist Merkels letzter Mann.
Als die CDU-Ministerpräsidenten noch Koch, Wulff oder Rüttgers hießen, war es ein beliebtes Geschäftsmodell für Landesfürsten, sich auf Kosten der Kanzlerin zu profilieren. McAllister macht das nicht. In Berlin gibt er sich nicht nur "kanzlertreu", er lässt auch gern anklingen, wie wenig er von den Talkshows, Hintergrundzirkeln und Lästereien in der Hauptstadt hält. Und in Niedersachsen kopiert er Merkels Mutti-Methode: McAllister ist zu allen nett, auch zu SPD und Grünen. Mit Konsenspolitik versucht er, die parteipolitischen Angriffsflächen auf ein Minimum zu reduzieren. Und wer weiß schon, mit wem von beiden McAllister nächstes Jahr koalieren will.
Für seinen Herausforderer, den SPD-Spitzenkandidaten Stephan Weil, ist es entsprechend schwer, McAllister in der Landespolitik zu stellen. Also versucht er es mit einem anderen Vorwurf: McAllister folge nur brav den Vorgaben der Kanzlerin, "statt sich für Niedersachsen einzusetzen", ätzt Weil. "Er ist wie ein Wackeldackel auf der Heckablage: nickt alles ab, egal wohin die Bundesregierung fährt." Die SPD hofft, den Regierungschef über den Umweg Berlin attackieren zu können. Zum Beispiel mit einer Kampagne zum Betreuungsgeld, zu dem McAllister sich immer bedeckt gehalten hat.
In der Tat wird McAllister ziemlich einsilbig, wenn es um die Bundespolitik geht. Auf seiner Sommerreise besucht er einen Unternehmer, der sich Änderungen bei der Erbschaftsteuer wünscht. Andere Politiker würden jetzt ganze Vorträge halten - McAllister lobt nur knapp den "vernünftigen Vorschlag". Dafür wird er umso ausführlicher, als es später um die Besonderheiten der nordostniedersächsischen Regionalzüge geht.
Der Ministerpräsident macht Politik nach dem Landlustprinzip. In seinem Büro hängt eine Niedersachsen-Karte voller Stecknadelfähnchen - für jeden Ortsbesuch eine. Sein Gegenspieler Weil ist als Oberbürgermeister von Hannover in der Stadt beliebt, McAllister will auf dem Land gewinnen.
Es ist gut möglich, dass dieses Kalkül aufgeht: Gegen Mittag erfährt McAllister im Bus von einer neuen Niedersachsen-Umfrage: Die CDU liegt fünf Prozentpunkte vor der SPD. Der Ministerpräsident ballt mit einer Hand die Faust, mit der anderen zeigt er fünf Finger. "Mac is back", ruft er in den Bus.
Der Ministerpräsident sagt nicht "ich", er sagt "Mac". Und diesen "Mac" spielt er als gut gelaunten Kumpel aller Niedersachsen. "Haut rein", sagt er zu den Technikstudenten in Hannover, "Cheers" zu dem schottischstämmigen Gitarrenbauer am Anfang der Tour. Und als er am Dienstagabend in Hitzacker am Elbdeich den Shantychor entdeckt, da ist er nicht mehr zu halten. McAllister stellt sich vor die Musiker, zusammen singen sie das Niedersachsenlied, "sturmfest und erdverwachsen".