FTD.de » Politik » Deutschland » "Den Steuergesetzen fehlt die Moral"
  FTD-Serie: Die Steueraffäre

Klaus Zumwinkel ist laut Staatsanwaltschaft nur einer von mehreren Hundert Verdächtigen. Ermittler sprechen von einem "Steuerskandal von historischem Ausmaß". Die FTD-Serie hält Sie auf dem Laufenden.

Merken   Drucken   14.02.2008, 13:13 Schriftgröße: AAA

"Den Steuergesetzen fehlt die Moral"

Warum sollte ein millionenschwerer Manager wie Klaus Zumwinkel Steuern hinterziehen? Weil er sich ungerecht behandelt fühlt, meint der Wirtschaftspsychologe Erich Witte - und fordert bessere Begründungen für die Abgaben. von David Böcking (Hamburg)
Es wäre kein Einzelfall und trotzdem überraschend: Postchef Klaus Zumwinkel soll jahrelang systematisch Steuern hinterzogen haben. Wieso aber geht jemand mit einem Jahreseinkommen von rund 3 Mio. Euro das Risiko ein, wegen Steuerhinterziehung seine Karriere zu ruinieren, seinen Ruf zu zerstören und möglicherweise sogar im Gefängnis zu landen? Weil er genauso wie seine Mitbürger tickt, glaubt der Wirtschaftspsychologe Erich Witte. "Die Moral in der Bevölkerung korreliert nicht wirklich mit dem Einkommen".
Laut Witte teilt Zumwinkel vermutlich drei weitverbreitete Einstellungen gegenüber Steuern. Sie werden erstens als lästig und zweitens als leicht vermeidbar empfunden. Steuerspartipps gibt es in jedem Buchladen, Banken werben offen mit Steuersparmodellen. Vieles spielt sich in rechtlichen Grauzonen ab, weshalb sich Steuersünder oft nicht als solche empfinden. Ähnlich, vermutet Witte, sei es dem Postchef mit dem Konto in Liechtenstein gegangen, auf das er Summen im zweistelligen Millionenbereich verschoben haben soll. "Ich glaube dass Zumwinkel versucht hat einen Weg zu finden, der nicht völlig illegitim ist."
Entscheidend ist aber möglicherweise der dritte Punkt: Die meisten Steuerzahler empfinden die ihnen abverlangten Steuern als ungerecht. Nicht ohne Grund: In einem aktuellen Forschungsbericht kommen Witte und seine Kollegin Christina Mölders zu dem Schluss, Ausnahmeregelungen bei der Einkommensteuer würden überwiegend oberflächlich oder gar nicht begründet. In 71 ausgewerteten Bundestagsentscheidungen zwischen 1953 und 2004 seien für solche Regelungen nur in 30 Prozent der Fälle Gerechtigkeitsprinzipien bemüht worden. Viele Regelungen würden schlicht die "verwaltungsmäßig einfachste Lösung darstellen, die öffentlichen Kassen füllen oder der Systematik des Gesetzes dienen." Wittes Schlussfolgerung: "Der Steuergesetzgebung fehlt die Moral". Dieser Eindruck könne gerade bei Spitzenverdienern wie Zumwinkel entstehen, der eine "Reichensteuer" von 45 Prozent zahlen muss.
Bilderserie Bilderserie: Auf Kriegsfuß mit der Steuer
Sollten sich die Vorwürfe gegen Zumwinkel bestätigen, glaubt Witte nicht, dass sein Beispiel allzu abschreckend wirken würde. Schließlich habe es schon viele prominente Fällen wie die des früheren Wirtschaftsministers Otto Graf Lambsdorff (FDP) oder des Ex-Regierungssprechers Peter Bönisch (CDU) gegeben. Auch die Steueramnestie für Schwarzgeldsünder sei wenig erfolgreich gewesen. Die Betroffenen hätten überwiegend nicht einfach die Gelder aus dem Ausland zurückgeführt, sagt Witte. "Die haben Yachten gekauft."
Die Gefahr entdeckt zu werden, schätzten Steuerzahler zurecht als gering ein, sagt Witte. Bessern könnte sich die Lage deshalb nur, wenn sich das Image von Steuern verändere. Sie sollten nicht als "Diebstahl des Staates, sondern wohltätige Spenden" gesehen werden. Der Staat müsse häufiger bewerben, was er mit Steuern finanziert hat - so wie in den gelegentlichen Anzeigenkampagnen der Bundesregierung. Zudem lohne ein Blick ins Ausland: In der Schweiz werden Steuern zum Teil projektbezogen erhoben. Wenn dort etwa eine neue Brücke finanziert werden soll, müssen die Bürger zunächst zustimmen, bevor ihnen der Staat in die Taschen greift.
  • FTD.de, 14.02.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
Jetzt bewerten
Bookmarken   Drucken   Senden   Leserbrief schreiben   Fehler melden  

Den Parameter für die jeweilige Rubrik anpassen: @videoList
  • Pläne zur Einlagensicherung: Für die Kanzlerin ein Angebot zur Güte

    Die Bundeskanzlerin lehnt Eurobonds kategorisch ab. Vielleicht könnte sie den Plänen zu einer europäischen Einlagensicherung eher zustimmen? Das Vertrauen in die Banken würde steigen. mehr

  •  
  • blättern
Tweets von FTD.de Politik-News

Weitere Tweets von FTD.de

  26.05. Der Test zu Pfingsten Kennen Sie sich mit Feiertagen aus?

Wann gilt ein bundesweites Tanzverbot? Existiert ein offizieller Vatertag? In Deutschland gibt es viele gesetzliche und kirchliche Feiertage: Was wissen Sie darüber?

An welchem Feiertag gilt ein gesetzliches Tanzverbot in Deutschland?

Der Test zu Pfingsten: Kennen Sie sich mit Feiertagen aus?

Alle Tests

FTD-Wirtschaftswunder Weitere FTD-Blogs

alle FTD-Blogs

Newsletter:   Newsletter: Eilmeldungen Politik

Ob Regierungsauflösung oder Umfragehoch für die Linkspartei - erfahren Sie wichtige Politik-Nachrichten, sobald sie uns erreichen.

Beispiel   |   Datenschutz
 



EUROPA

mehr Europa

INTERNATIONAL

mehr International

KONJUNKTUR

mehr Konjunktur

 
© 1999 - 2012 Financial Times Deutschland
Aktuelle Nachrichten über Wirtschaft, Politik, Finanzen und Börsen

Börsen- und Finanzmarktdaten:
Bereitstellung der Kurs- und Marktinformationen erfolgt durch die Interactive Data Managed Solutions AG. Es wird keine Haftung für die Richtigkeit der Angaben übernommen!

Über FTD.de | Impressum | Datenschutz | Disclaimer | Mediadaten | E-Mail an FTD | Sitemap | Hilfe | Archiv
Mit ICRA gekennzeichnet

VW | Siemens | Apple | Gold | MBA | Business English | IQ-Test | Gehaltsrechner | Festgeld-Vergleich | Erbschaftssteuer
G+J Glossar
Partner-Angebote