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  01.07.2009, 22:31    

Desaströse Haushaltslage: Die große Steuerlüge

Union und FDP versprechen den Bürgern Entlastungen. Wer aber dieser Tage für die öffentlichen Haushalte verantwortlich ist, möchte sich Steuersenkungen lieber nicht vorstellen. Denn ab 2011 ist Sparen angesagt.

von Peter Ehrlich (Berlin)
"Es besteht die Gefahr, dass wir politisch handlungsunfähig werden", sagt Hauptgeschäftsführer Gerd Landsberg vom Städte- und Gemeindebund. So dürften es die meisten Bürgermeister sehen, so sieht es Bundesfinanzminister Peer Steinbrück, und so sehen es auch viele Ministerpräsidenten. Union und FDP wollen trotzdem die Steuern senken - ein Versprechen, das aufgrund der desaströsen Haushaltslage kaum einzulösen sein wird.
Denn ab 2011 ist Sparen angesagt, zumindest, wenn die Krise vorbei ist und die Wirtschaft wieder wächst. "Es kann aber auch sein, dass die ganze Wahlperiode noch von der Krise bestimmt wird", sagt ein Vertrauter von Steinbrück über die Zeit nach dem 27. September, dem Tag der Bundestagswahl. Dann würde vielleicht über ein weiteres Konjunkturpaket geredet, aber nicht unbedingt über Steuersenkungen.
Doch auch wenn die Wirtschaft ab 2011 wieder real um zwei Prozent pro Jahr wächst, wie Steinbrück in seiner Finanzplanung bis 2013 annimmt, bleiben riesige Finanzierungslücken. Denn obwohl in der Planung auch für 2013 noch eine Netto-Neuverschuldung allein des Bundes von 45,9 Mrd. Euro vorgesehen ist, müssen in diesem Jahr 18,5 Mrd. Euro eingespart oder zusätzlich eingenommen werden.
Mehr als erlaubt   Mehr als erlaubt
Bundeskanzlerin Angela Merkel hat vergangene Woche dieser Finanzplanung im Kabinett zugestimmt und damit auch dem noch nicht ausgefüllten Sparbetrag. Denn ab 2011 wirkt erstmals die Schuldenbremse, die die Große Koalition gerade in die Verfassung hat schreiben lassen. Nach dieser Regel darf der Bund ab 2016 jedes Jahr nur noch eine strukturelle Kreditaufnahme in Höhe von 0,35 Prozent des Bruttoinlandsprodukts haben. Die strukturelle Kreditaufnahme im nächsten Jahr liegt aber bei knapp zwei Prozent. Das ist der Teil des Defizits, der nicht wie der Rest der für 2009 geplanten Rekordverschuldung von 86,1 Mrd. Euro rein durch die Krise bedingt ist.
Die Schuldenbremse schreibt vor, dass der Bund dem Ziel 0,35 Prozent Stück für Stück näher kommen muss. Das Folterwerkzeug wirkt langsam: 2011 müssen 4,9 Mrd. Euro gespart werden, 2012 gar 11,1 Mrd. Euro. Oder ein paar Milliarden mehr, falls die Einkommensteuer gesenkt wird. Die Einsparungen stehen schon in der Finanzplanung - "Globalposition" nennt sich die Luftbuchung.
Kosten der Versprechen   Kosten der Versprechen
Die Bürger werden sich also wieder an das gewöhnen müssen, was sie aus der Regierungszeit von Helmut Kohl und Gerhard Schröder  kennen: Einsparungen im Sozialbereich. Oder - auch das ist nicht neu - an höhere Steuern und Sozialabgaben.
Anders als Merkel schließt Steinbrück immerhin Steuererhöhungen in der Zeit nach Ende der akuten Krise nicht aus - er legt sich da lieber nicht fest. Glaubt man Merkels Versprechen, dass gar keine Steuern erhöht werden, müsste sie rabiat kürzen. So etwa argumentiert Kurt Lauk, Präsident des unionsnahen Wirtschaftsrates. "Die Ausgabenseite muss endlich ohne Vorbehalte auf den Prüfstand", sagt Lauk. Viele Subventionen sind aber längst abgebaut. Die Renten dürfen nicht gekürzt werden, hat der Bundestag gerade erst beschlossen, mit kräftiger Unterstützung der Kanzlerin. "Dann muss die Union das Bafög und das Wohngeld kürzen", sagt SPD-Generalsekretär Hubertus Heil.
Mittelfristig aber sind 30 bis 40 Mrd. Euro nötig, was ohne Mehreinnahmen kaum zu machen sein dürfte. Eine Mehrwertsteuererhöhung bringt pro Punkt 4 bis 5 Mrd. Euro allein für den Bund. Die Energiesteuern sind länger nicht erhöht worden. Die Umweltsteuern auf Benzin, Diesel und Strom hatten, wie das Statistische Bundesamt am Mittwoch meldete, 2008 einen geringeren Anteil an den Gesamtsteuereinnahmen als vor der ökologischen Steuerreform von Rot-Grün 1999. Gesundheitspolitiker fordern eine höhere Alkoholbesteuerung.
Eine ganz andere Idee hat die "Initiative Vermögender", eine kleine Gruppe gut situierter Privatleute. Sie fordert eine Abgabe von jeweils fünf Prozent auf Vermögen über 500.000 Euro in den nächsten beiden Jahren. 57 Prozent der Bevölkerung seien angeblich für diesen Vorschlag, hat die Gruppe ermitteln lassen. "Eine Vermögensabgabe ist mehrheitsfähig", sagt Bruno Haas von der Initiative.
  • Aus der FTD vom 02.07.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland
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