Alles nur eine Momentaufnahme. Derzeit wirkt die Kanzlerin beschädigt. Doch das perlt schnell an ihr ab. Sie wird zwar nicht die Geschichte so verbiegen können, dass es im Grunde sie war, die Joachim Gauck wollte. Aber sie wird es schaffen, sich und Gauck als Duo zu präsentieren, das Deutschland klug durch schwere Zeiten dirigiert. Gemeinsam. Am Ende wird Gauck Merkels Präsident sein.
Dafür spricht die bemerkenswerte Rezeption, die die Kanzlerin trotz ihrer beachtenswerten Fehler in der Öffentlichkeit genießt. Nüchtern betrachtet macht diese Frau ständig etwas falsch, was sie anschließend zu reparieren oder wenigstens zu kaschieren versucht. In der Frage der Griechen-Rettung und der deutschen Finanzierung der Rettungsschirme hat sie mehrfach die Position gewechselt. Den Schnitzer, mit Horst Köhler einen "Unabhängigen" in das Bundespräsidialamt befördert zu haben, versuchte sie auszugleichen mit Christian Wulff, dem Parteipolitiker, der die Arithmetik der Macht versteht und nicht plötzlich ohne Vorwarnung seinen Rücktritt erklärt. Und dann die große Volte bei der Energiepolitik infolge von Fukushima. Als Angela Merkel merkte, dass es Zeit ist, die Reißleine zu ziehen, trennte sie sich innerhalb von Tagen von einem der wichtigsten Dogmen der CDU: Atom ist gut.
Jetzt ist sie die Kanzlerin der Energiewende, die über den Dingen schwebt, die den Streit ihrer Minister Rösler und Röttgen im Hintergrund moderieren darf. In den Beliebtheitsumfragen ist sie wieder vorn. Und ihre Partei, die CDU, darf sogar hoffen, im Sog der Kanzlerin die magische 40-Prozent-Marke bei der Bundestagswahl wieder zu überspringen.
Merkel ist es stets gelungen, dass ihr ihre Fehler, ihr Schlingern, ihr Taktieren, ihr ungestümes Korrigieren nicht auf die Füße fallen. Der Fall Wulff war nie ein Fall Merkel, auch wenn die Opposition das gern gehabt hätte - und obwohl sie es offenbar unterlassen hat, sich neben dem Bundespräsidentenkandidaten Wulff auch noch stärker mit dem Ministerpräsidenten Wulff zu befassen, der bekanntermaßen merkwürdige "Freunde" in Hannover und Großburgwedel hatte. Dass dies eines Tages für strafrechtliche Ermittlungen reichen würde, konnte Merkel nicht wissen. Dass er kein Saubermann ist und für Gesprächsstoff sorgen wird, schon.