Die bisherige Integration in der Euro -Zone geht dem designierten Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) nicht weit genug: "Die Euro-Zone wurde ohne politische, fiskalische und Bankenunion gegründet. Langfristig sind diese Schritte aber notwendig, um den Währungsraum krisenfest zu machen", sagte Marcel Fratzscher im Gespräch mit der FTD. Dabei hält er langfristig nicht nur den Verbleib Griechenlands, sondern sogar eine Erweiterung der Währungszone für wünschenswert. Sein künftiges Institut will der "überzeugte Europäer" zu einer Top-Beratungsadresse für die deutsche Politik machen - auch mit neuen wissenschaftliche Ansätzen.
Am Donnerstag beschloss das Kuratorium des Berliner DIW einstimmig, Fratzscher zum neuen Vorsitzenden des Vorstands zu berufen. Die Vertragsverhandlungen sollen bald beginnen. Fratzscher, derzeit noch Abteilungsleiter bei der Europäischen Zentralbank, soll die Leitung des DIW zum 1. Februar 2013 übernehmen.
Erklärtes Ziel der Berliner Forscher ist es, im kommenden Jahr wieder an der prestigeträchtigen Gemeinschaftsdiagnose der Bundesregierung teilzunehmen. Sie wird schon in den kommenden Wochen neu ausgeschrieben. Beobachter rechnen dem größten und ältesten deutschen Wirtschaftsforschungsinstitut dabei gute Chancen aus. "Das Ziel für das DIW Berlin muss es sein, mittelfristig wieder in der Gemeinschaftsdiagnose zu sein - allein aufgrund der großen Tradition als Konjunkturforschungsinstitut", sagte Fratzscher. Dafür will er speziell den Makrobereich, auch in der Politikberatung, ausbauen.
Dabei ist der 41-Jährige offen für neue Ansätze. "Die Krise hat gezeigt, dass Teile des Instrumentenkastens der Wirtschaftswissenschaft nicht dienlich waren - zum Beispiel haben wir die Verbindungen zwischen Realwirtschaft und Finanzmärkten noch nicht ausreichend verstanden", sagte Fratzscher. Dazu hat der Makroökonom selbst geforscht. Wichtig seien dabei auch Ansätze aus anderen Bereichen wie der Psychologie und der Verhaltensökonomie. "Es wird wohl noch zehn bis 20 Jahre dauern, bis diese Ergebnisse der Verhaltensökonomie in Makromodellen voll Einzug gehalten haben, aber es wird definitiv kommen. Das DIW sollte hier eine Rolle spielen."
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| Notenbanker Marcel Fratzscher hat in den vergangenen Jahren hautnah Erfahrungen mit der Euro-Krise gesammelt. Der 41-Jährige leitet derzeit die Abteilung für Internationale wirtschaftspolitische Analysen bei der Europäischen Zentralbank (EZB). Sein 24-köpfiges Team gibt wirtschaftspolitische Empfehlungen an die EZB-Führung. Fratzscher studierte unter anderem in Kiel, Harvard und Oxford. Er ist heute einer der forschungsstärksten Ökonomen Deutschlands und lehrt parallel zu seiner EZB-Tätigkeit an der Frankfurter Goethe-Universität. |
Seine Erfahrung im Ausland beschreibt er selbst als hilfreich. "Sehr prägend war die Asien-Krise, die ich hautnah in Indonesien miterlebt habe", sagte Fratzscher. "Das sind Erfahrungen, die mir auch heute in der europäischen Krise sehr wertvoll sind."
Aus der Asien-Krise lassen sich laut Fratzscher auch Lehren für die europäische Krise ziehen: Unter anderem habe sie gezeigt, wie gefährlich Ansteckung von einem Land auf das nächste sein kann. "Das Thema ist auch heute wieder ein Risiko." Kurzfristig sei der konjunkturelle Ausblick in Europa mit großen Unsicherheiten behaftet. "Wichtig ist, dass es der Politik gelingt, eine Ansteckung der Krise auf die andere Euro-Staaten zu vermeiden. Das ist eine der größten Gefahren für Italien und Spanien und damit den gesamten Währungsraum", so Fratzscher.
Insgesamt sieht er jedoch Fortschritte in Europa. Es seien wichtige Entscheidungen sowohl auf europäischer als auch auf Länderebene getroffen, sagte der EZB-Ökonom. "Alle Euro-Südstaaten haben mit strukturellen und haushaltspolitischen Reformen begonnen, um wieder an Wettbewerbsfähigkeit zu gewinnen und die öffentlichen Defizite in den Griff zu bekommen. Nun geht es darum, alle Maßnahmen rasch umzusetzen." Hier sei Irland auf einem sehr guten Weg. Aber auch Länder wie Spanien, Portugal und auch Griechenland würden international konkurrenzfähiger.
"Auf europäischer Ebene zeigen die Ergebnisse des EU-Gipfels von Ende Juni in die richtige Richtung: Eine europaweite Bankenunion trägt dazu bei, die Verwerfungen zu beenden", sagte der Notenbanker. Dabei hat der künftige Institutschef allerdings noch weitreichendere Visionen. "Als überzeugter Europäer wünsche ich mir ganz langfristig einen europäischen Währungsraum mit allen 27 Mitgliedsländern."