FTD.de » Politik » Deutschland » Dokumentation: Die Rede Köhlers zum 60. Jahrestag des Kriegsendes

Merken   Drucken   08.05.2005, 16:42 Schriftgröße: AAA

Dokumentation: Die Rede Köhlers zum 60. Jahrestag des Kriegsendes  

Bundespräsident Horst Köhler war am Sonntag der Hauptredner bei der Feierstunde im Reichstag zum 60. Jahrestag des Kriegsendes. Wir dokumentieren seine Rede mit dem Titel "Begabung zur Freiheit" in Auszügen:
"... Am 8. Mai 1945 hatte die Wehrmacht bedingungslos kapituliert. Die Waffen schwiegen. Die meisten Deutschen waren erleichtert darüber. Zugleich waren sie wie betäubt von der Wucht der Niederlage und fragten sich bang, welches Schicksal sie nun erwartete.
Die Völker und die Menschen, die unter dem so genannten "Dritten Reich" gelitten hatten, empfanden beim Untergang der Naziherrschaft Freude und Genugtuung. Aber Europa hatte Furchtbares erlebt, ehe dieser Sieg errungen war. Es war in einen Kontinent der Massengräber, der Todeslager und der Trümmer verwandelt. (...)
Im Grunde wirkt das Unglück, das Deutschland über die Welt gebracht hat, bis heute fort: Noch immer weinen Söhne und Töchter um Eltern, die damals getötet wurden, noch immer leiden Menschen unter ihren damaligen Erlebnissen, und noch immer trauern ungezählte Menschen in vielen Ländern um den Verlust ihrer Heimat. (...)
Wir Deutsche blicken mit Schrecken und Scham zurück auf den von Deutschland entfesselten Zweiten Weltkrieg und auf den von Deutschen begangenen Zivilisationsbruch Holocaust.
Wir gedenken der sechs Millionen Juden, die mit teuflischer Energie ermordet wurden, oft nach Jahren öffentlich sichtbarer Entrechtung. (...) Wir gedenken der Sinti und Roma, der Kranken und Menschen mit Behinderung, der politisch anders Denkenden und der Homosexuellen, die verfolgt und ermordet wurden.
Wir gedenken der vielen Millionen Menschen, die darüber hinaus dem deutschen Wüten vor allem in Polen und in der Sowjetunion zum Opfer fielen.
Wir fühlen Abscheu und Verachtung gegenüber denen, die durch diese Verbrechen an der Menschheit schuldig geworden sind und unser Land entehrten.
Wir trauern um alle Opfer Deutschlands - um die Opfer der Gewalt, die von Deutschland ausging, und um die Opfer der Gewalt, die auf Deutschland zurückschlug. Wir trauern um alle Opfer, weil wir gerecht gegen alle Völker sein wollen, auch gegen unser eigenes. (...)
Wir haben die Verantwortung, die Erinnerung an all dieses Leid und an seine Ursachen wachzuhalten, und wir müssen dafür sorgen, dass es nie wieder dazu kommt. Es gibt keinen Schlussstrich. (...)
Deutschland ist heute aber nicht nur äußerlich ein anderes Land als vor 60 Jahren. Unser Land hat sich von seinem Inneren her verändert, und das ist erst recht ein Grund zur Freude und Dankbarkeit. (...)
Die ersten Schritte haben die Besatzungsmächte vorgegeben: Sie haben, vor allem in den Nürnberger Prozessen, die wichtigsten Kriegsverbrecher verurteilt, und sie haben Millionen Deutsche gezwungen, schriftlich Rechenschaft über ihr Verhalten während der Nazizeit abzulegen. Diese Entnazifizierung ging manchen Kritikern zu weit und anderen nicht weit genug. Aber jedenfalls wurden so die führenden Nazis als Gruppe aus dem politischen Leben verbannt.
Die Deutschen haben damals Vieles miteinander beschwiegen. "Nichts sagen, nichts fragen", war die Einstellung vieler. Darin waren sich Schuldige und Unschuldige oft unausgesprochen einig. Vielleicht war das nötig, um inneren Abstand zu gewinnen und neu anfangen zu können. Gerade hier zeigt sich womöglich am deutlichsten, welchen Weg unser Land seither zurückgelegt hat. Heute sehen vor allem Jüngere genau hin und fragen, wie sich damals die Menschen verhalten haben. (...)
In der Sowjetischen Besatzungszone überschattete schweres Unrecht die Erfolge bei der Entnazifizierung: Hunderttausende wurden ohne rechtsstaatliches Verfahren in Lager gesperrt, Zehntausende starben darin. (...) Solche Unterdrückung erlitten nicht allein die Ostdeutschen, sondern alle Völker im sowjetischen Machtbereich. (...)
Auch in der Sowjetischen Besatzungszone gingen viele Menschen zunächst voller Hoffnung ans Werk. (...) Doch dieser Idealismus wurde betrogen. Die SED schaltete die Gesellschaft gleich. (...) Ostdeutschland verlor immer mehr Lebenskraft und Kreativität an die Bundesrepublik, und das trug zu deren Blüte erheblich bei. Die DDR dagegen wusste sich nur mit Mauern und Stacheldraht zu behelfen. Auch das hat sie nicht retten können. (...)
Es waren auch vor allem die Jüngeren, die die unbequemen Fragen stellten: Setzten sich die Deutschen ausreichend mit der Nazi- Vergangenheit auseinander? Musste nicht endlich weltweit Schluss sein mit der Rassendiskriminierung? War der Vietnamkrieg zu verantworten? Barg die Atomkraft nicht zu große Gefahren? (...)
Überall in Mitteleuropa hat sich 1989 der Wille zur Freiheit durchgesetzt: friedfertig, klug und entschlossen. Die Ostdeutschen haben eines der besten Kapitel der deutschen Geschichte geschrieben. (...)
Europa ist heute geprägt von Freiheit, Demokratie und der Geltung der Menschenrechte. Die Bundesrepublik Deutschland hat sich von Anfang an - über alle Regierungswechsel hinweg - für diese Grundwerte und für die europäische Einigung eingesetzt. Deutschland ist heute - wohl erstmals in seiner Geschichte - rundum von Freunden und Partnern umgeben. Zwischen uns ist Krieg unmöglich geworden. (...)
Wir werden die zwölf Jahre der Nazidiktatur und das Unglück, das Deutsche über die Welt gebracht haben, nicht vergessen, im Gegenteil: Wir fassen gerade aus dem Abstand heraus viele Einzelheiten schärfer ins Auge und sehen viele Zusammenhänge des damaligen Unrechts besser. Aber wir sehen unser Land in seiner ganzen Geschichte, und darum erkennen wir auch, an wie viel Gutes wir Deutsche anknüpfen konnten, um über den moralischen Ruin der Jahre 1933 bis 1945 hinauszukommen. Unsere ganze Geschichte bestimmt die Identität unserer Nation. Wer einen Teil davon verdrängen will, der versündigt sich an Deutschland. (...)
Sechzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg steht unser Land vor mancher Schwierigkeit - wie andere Länder übrigens auch -, aber: Deutschland ist eine stabile Demokratie. (...) Wir haben uns als Nation wiedergefunden. Unser Miteinander in Einigkeit und Recht und Freiheit ist unangefochten. (...)
Es gibt bei uns leider auch Unbelehrbare, die zurück wollen zu Rassismus und Rechtsextremismus. Aber sie haben keine Chance. Dafür steht die überwältigende Mehrheit der mündigen Bürgerinnen und Bürger, und dafür steht unsere wehrhafte Demokratie. (...)
Wir haben heute guten Grund, stolz auf unser Land zu sein. Das Erreichte ist undenkbar ohne die Lehren, die wir gezogen haben, und es ist das Ergebnis ständiger Anstrengung. (...)"
  • dpa, 08.05.2005
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