Der Krisenstab des Auswärtigen Amtes unter der Leitung des Staatssekretärs Klaus Scharioth (v.r.)
Erst danach lässt sich einschätzen, welchen Spielraum es für Verhandlungen gibt. Entscheidend dafür ist, ob die Geiselnehmer ausschließlich politische Motive verfolgen oder möglicherweise auch an Lösegeld interessiert sind. Auf jeden Fall arbeitet der Krisenstab unter erheblichem Druck, da die Entführer eine sehr knappe Frist für die Erfüllung ihrer Forderungen gesetzt haben sollen.
Im Berliner Krisenstab, der seit Samstagabend rund um die Uhr arbeitet, sitzen neben Experten des AA auch Vertreter des Innen- und Verteidigungsministeriums, des Kanzleramts sowie Spezialisten des Bundeskriminalamts und des Bundesnachrichtendiensts. "Wir müssen beim derzeitigen Stand allen Hypothesen nachgehen", sagte ein Sprecher des AA zur Frage, ob es sich um eine politische oder kriminelle Entführung handle.
Diplomatischer Vollprofi leitet Krisenstab
Ein Krisenstab wird immer dann gegründet, wenn Deutsche im Ausland in Lebensgefahr geraten sind. Geleitet wird er von Klaus Scharioth, der schon zu Jahresbeginn während der Tsunamikatastrophe zum öffentlichen Gesicht des deutschen Krisenmanagements geworden war. Der Staatssekretär machte zuletzt jedoch Schlagzeilen, weil er während der schwarz-roten Regierungsbildung für ein Veto von Kanzlerin Angela Merkel sorgte. Der Karrierediplomat sollte als Botschafter nach Washington wechseln. Doch die CDU-Chefin verweigerte ihre Zustimmung. Scharioth war ihr zu eng verbunden mit dem Kurs der alten Bundesregierung. Nun soll er nach London gehen.
Im AA stieß diese Entscheidung auf Unverständnis. Scharioth, der an einer US-Universität promoviert hat, gilt als diplomatischer Vollprofi. Zudem hat gerade er stets die Position des Atlantikers vertreten und vor einer Politik gewarnt, die zu kritisch gegenüber den USA agiert.
Die letzte Entführung deutscher Staatsbürger vor zwei Jahren in der Sahara wurde von dem inzwischen pensionierten Staatssekretär Jürgen Chrobog zu einem für die meisten Geiseln glücklichen Ende geführt. 14 Entführte kamen nach sechs Monaten frei. Eine 45-jährige Augsburgerin war zuvor an einem Hitzschlag in der Wüste gestorben. Meldungen über Lösegeldzahlungen im hohen zweistelligen Millionenbereich wurden damals offiziell dementiert.
Tragische Todesfälle und glückliche Rettungen
Im Irak hat es bei den Entführungen in den vergangenen Monaten tragische Todesfälle, aber auch glückliche Rettungen gegeben. Im Juni wurde etwa die Reporterin der französischen Zeitung "Liberation", Florence Aubenas, gemeinsam mit ihrem Fahrer nach sechs Monaten Geiselhaft freigelassen. Dem sollen intensive Verhandlungen über Vermittler sowie über den rumänischen Geheimdienst vorangegangen sein. Auch die italienische Journalistin Giuliana Sgrena war nach Verhandlungen von ihren Entführern entlassen worden. Bei ihrer Überführung wurde jedoch ein Geheimdienstagent von US-Truppen erschossen.
Insgesamt wurden im Irak bisher rund 200 Ausländer entführt. Besonders grausam endete das Kidnapping des Amerikaners Nick Berg. Dem 26-Jährigen wurde vom Terrorführer Abu Musab al-Sarkawi im Mai 2004 vor laufender Kamera der Kopf abgeschnitten.
In den vergangenen Monaten haben Terrorexperten im Irak jedoch einen Rückgang der tödlich endenden Entführungen beobachtet. Nach 41 Opfern im vergangenen Jahr starben in diesem Jahr bisher elf ausländische Geiseln. Allerdings könnten nach Einschätzung von Experten die in knapp drei Wochen bevorstehenden Wahlen im Irak zu einem Anstieg der Gewalt führen. So wurden am Samstag auch zwei Kanadier, ein Brite und ein Amerikaner entführt, die in einem am Dienstag ausgestrahlten Video der Entführer zu sehen waren.