Andrea Nahles
Vor allem aber versicherte sie ihren Parteifreunden am Montag, sie wolle mit dem SPD-Vorsitzenden Franz Müntefering loyal zusammenarbeiten. Abschießen wollte sie ihn offenbar nicht.
Gerade Nahles hatte dazu lange auch keinen Grund gehabt. Bis vor zwei Wochen ging sie davon aus, dass der SPD-Chef sie zur Generalsekretärin machen würde. Jedenfalls gab es Signale, so heißt es in der Partei, die sie so deuten konnte. An der Spitze der Fraktionslinken war man überzeugt, die Sache sei gelaufen. Auch mit Blick auf das neue Amt hatte Nahles Müntefering mit dazu gedrängt, als Vizekanzler in die Regierung zu gehen.
In den vergangenen Jahren war Müntefering Nahles wichtigster Förderer in der Partei. Die frühere Juso-Chefin hatte 2002 nach vier Jahren im Bundestag ihr Mandat verloren und drohte in der politischen Bedeutungslosigkeit zu versinken. Müntefering sorgte mit dafür, dass sie 2003 ins Parteipräsidium gewählt wurde, und übertrug ihr die Leitung der Projektgruppe Bürgerversicherung. Damit war sie für ein Lieblingsprojekt der Partei zuständig, das zwar nie vollständig ausformuliert wurde, aber als Schlager vor der Bundestagswahl galt, die auch Nahles wieder einen Sitz im Bundestag verschaffte.
Ihr einziges weiteres Amt neben dem Präsidiumssitz war bisher das einer Sprecherin der SPD-Linken. Die 35-jährige Literaturwissenschaftlerin nutzte den Posten zu vielen Auftritten in den Medien. So wurde sie zum jungen Gesicht der Linken in der Partei, die in der Fraktion durch Urgesteine wie Heidemarie Wieczorek-Zeul, Gernot Erler und Ludwig Stiegler repräsentiert wird. Oft kritisierte sie auch Bundeskanzler Gerhard Schröder. Mit der Aussicht auf Beförderung fielen ihre Äußerungen zuletzt staatstragender aus.
Kaum Chance bei neuer Kandidatur
Ihre Unterstützung im Vorstand verdankte sie am Montag nicht nur der Linken, sondern auch dem pragmatisch orientierten Netzwerk. Dessen Vertreter wie Ute Vogt oder Kerstin Griese wollten die Verjüngung der Partei. Sie hätten aber lieber für einen Rückzug etwa der stellvertretenden Parteichefin Wieczorek-Zeul gestimmt, die sich aber einem entsprechenden Vorschlag Münteferings widersetzte. Gleich von zwei Gruppen gestützt, entschloss sich Nahles vergangene Woche zur offenen Konfrontation und damit zur Kandidatur gegen Wasserhövel. Mit dem Posten einer Staatssekretärin oder einer stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden wollte sie sich nicht abspeisen lassen.
Ihr Abstimmungserfolg hat ihr das angestrebte Amt aber möglicherweise nicht näher gebracht. Falls der Kandidat für den Parteivorsitz einen anderen Generalsekretär wünschen sollte, könnte sie kaum eine erneute Kampfkandidatur wagen. Ihre Gegner im "Seeheimer Kreis" der SPD-Rechten haben bereits erklärt, sie könnten sich eine Wahl von Nahles auf dem Parteitag kaum vorstellen. Ursache für den Rücktritt eines beliebten Parteichefs zu sein schafft wenig neue Freunde.