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  FTD-Serie: Reportage-Reihe: Deutschland vor der Wahl

Ökonomisch steckt Deutschland in der Krise, politisch kann es sich voraussichtlich im Herbst entscheiden. Was erhoffen sich Unternehmer, Bürgermeister und andere Entscheider von einer neuen Regierung?

Merken   Drucken   06.07.2005, 11:07 Schriftgröße: AAA

Eine Region blutet aus

Nora George verwaltet das Elend. Die ehemalige DDR-Juristin leitet den Arbeitsagentur-Bezirk Sangerhausen in Sachsen-Anhalt mit der höchsten Arbeitslosigkeit in Deutschland. 25,4 Prozent. Ein trauriger Rekord. Hoffnung auf Besserung hegt sie nicht. von Ludwig Greven, Sangerhausen
Fördergerüst vom Röhrigschacht   Fördergerüst vom Röhrigschacht
Wenn Nora George erklären will, warum das so ist und sich daran vermutlich so schnell auch nichts ändern wird, weist sie aus dem Fenster ihres schmucklosen Büros in dem hellgrau gestrichenen Neubau der Arbeitsagentur am Ortseingang. Jeden Tag blickt sie auf eine gewaltige kahle Abraumhalde, die die Kleinstadt im Südharz drohend überragt.
Bis zur Wende arbeiteten in der Umgebung von Sangerhausen fast 50.000 Menschen im Kupferschieferbergbau. Heute erinnern daran nur noch die staubigen Überreste in der Landschaft und ein Grubenmuseum. Das Jahrhunderte alte Kupferbergwerk, das schon zu DDR-Zeiten unter geologischen Problemen litt und auf dem Weltmarkt nicht konkurrenzfähig war, wurde gleich nach der Wiedervereinigung geschlossen; die Bergleute wurden in Frührente oder zur Umschulung geschickt. Gleichzeitig brachen mehrere große Metall verarbeitende Betriebe und Kombinate zusammen. "Davon hat sich die Region bis heute nicht erholt", sagt George.
Arbeitsagentur-Chefin Nora George   Arbeitsagentur-Chefin Nora George
15 Jahre Stillstand
Neu angesiedelt haben sich nur einige Klein- und Kleinstbetriebe, ansonsten hat sich hier in den vergangenen 15 Jahren wenig getan. "Investoren", bedauerte die Arbeitslosen-Verwalterin, "sind vorbeigefahren, da es hier bis heute keine vernünftige Infrastrukturanbindung gibt". Erst jetzt wird die A38 ausgebaut, die das Gebiet mit Halle und Magdeburg im Osten und mit Niedersachsen im WEsten verbindet.
Aber selbst wenn die Autobahn einmal fertig ist, kann das beschauliche Städtchen, das mit einer großen Rosenausstellung wirbt, den Menschen keine wirtschaftliche Perspektive bieten. Selbst die Touristen zieht es in den bergigeren nördlichen Teil des Harzes. Einziger Lichtblick sind die Mitteldeutschen Fahrradwerke, ein alter DDR-Traditionsbetriebt, der im vergangenen Jahr an die Börse ging und gut 440 Menschen beschäftigten, einen erheblichen Teil davon allerdings auch nur als Saisonkräfte. Daneben ist die Arbeitsagentur mit ihren insgesamt rund 800 Beamten und Angestellten selbst der größte Arbeitgeber vor Ort.
Viele ziehen weg
Kein Wunder, das immer mehr Menschen der Region den Rücken kehren, "vor allem die Jungen und Motivierten", so George. Ein Drittel der Einwohner ist seit 1990 aus der mehr als 1000 Jahre alten Gemeinde mit ihren Fachwerkhäusern und gotischen und romanischen Kirchen weggezogen. Heute zählt Sangerhausen statt einst 36.000 nur noch 24.000 Bürger. Zahlreiche der gerade erst restaurierten Häuser und Wohnungen stehen leer.
Zur gleichen Zeit zählt Nora George 34.000 Erwerbslose in dem Bezirk - und nur 500 offene Stellen. Anfang des Jahres waren es zum Teil sogar nur 200. "Da sind wir handlungsunfäig", bedauert die 52-jährige Juristin, die selber bis zur Wende in der Leitung einer Konsumgenossenschaft in Halle arbeitete, die dann pleite ging, und die es ärgert, wenn ihr und ihren Kollegen immer wieder vorgeworfen wird, sich nicht genügend um die Vermittlung zu kümmern - wo es doch kaum Arbeit gibt.
Auf einem Schild am Eingang der Agentur werden ein Landmaschinen-Schlosser, eine Disponentin, ein Taxi-Fahrer und ein Erntehelfer gesucht. Aber selbst wenn Georges Mitarbeiter gelegentlich einmal einen Arbeitslosen vermitteln können, geht das in der Regel nur, wenn sie dem Betrieb eine Eingliederungshilfe zahlen. "Ohne Förderung", sagt George, "läuft hier so gut wie gar nichts."

Lesen Sie weiter, warum die Arbeitsagentur-Leiterin wenig Hoffnungen in einen Regierungswechsel setzt

  • FTD.de, 06.07.2005
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