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Merken   Drucken   14.03.2008, 21:00 Schriftgröße: AAA

Energie: Erdgas profitiert vom Klimaschutz

Der künftige Handel mit CO2-Zertifikaten macht die Stromerzeugung aus Kohle ab 2012 deutlich teurer. Neue Kernkraftwerke sind in Deutschland politisch ausgeschlossen. Als Alternative bleibt Gas - doch die langfristige Versorgung scheint zunehmend unsicher.
von Matthias Ruch

Die Kernenergie steht politisch vor dem Aus, neue Kohlekraftwerke stoßen bei Anwohnern auf erbitterten Widerstand - und selbst die umweltfreundlichen Windräder sind vielerorts unerwünscht. Alles, was Strom erzeugt, ist in Deutschland nicht mehr willkommen. Alles - bis auf Erdgas. Der unsichtbare Energieträger könnte als großer Gewinner aus dem Streit um die Stromversorgung der Zukunft hervorgehen.

Erdgas verbrennt sauber, stößt deutlich weniger Kohlendioxid aus als Kohle und ist vielseitig einsetzbar. Heizen, kochen, Strom erzeugen - und Autofahren: Rund 1000 deutsche Tankstellen haben mittlerweile neben Benzin und Diesel auch Erdgas im Angebot. Für den gesamten Absatz spielen die 60.000 Erdgasautos hierzulande allerdings nur eine Nebenrolle.

Die entscheidenden Faktoren sind das Heizen und der industrielle Bedarf. Welche Rolle das Erdgas künftig für die deutsche Stromerzeugung spielen wird, ist umstritten. Fest steht nur: Trotz weltweiter Knappheit und steigender Preise wird das Gas seinen Anteil an der Stromerzeugung ausbauen.

Gesetzesvorhaben vergrößern Versorgungslücke

Aktuelle Gesetzesvorhaben zum Einsatz erneuerbarer Energien und zur Steigerung der Energieeffizienz werden dazu führen, dass der Wärmemarkt nicht mehr wächst, sondern schrumpft, sagt der scheidende Chef von Eon Ruhrgas, Burckhard Bergmann, voraus. Sein Unternehmen ist mit Abstand der größte deutsche Gasimporteur, langfristige Lieferverträge mit Russland und Norwegen sichern einen Großteil der Versorgung.

Rund 300 Milliarden Kubikmeter hat sich Eon bis 2028 allein aus Norwegen gesichert, weitere 400 Milliarden Kubikmeter sollen bis 2036 aus Russland kommen. Da die heimischen Gasvorkommen in den kommenden Jahrzehnten zu Ende gehen, werden die deutschen Importeure ihren Bedarf mit den Lieferungen aus Russland und Norwegen allein nicht mehr decken können. Und mit jedem neuen Gaskraftwerk, das künftig ans Netz geht, wird die Lücke größer.

"Heute werden kaum neue Gaskraftwerke gebaut, da die CO2-Zertifikate für Neuanlagen zurzeit noch kostenlos zugeteilt werden" , sagt Bergmann. "Erst wenn diese Zertifikate künftig gekauft werden müssen - wie dies ab 2013 nach der Vorstellung der EU-Kommission beabsichtigt ist - verschwindet die ökologische Diskriminierung des Erdgases. Damit wird die relative Wirtschaftlichkeit von Gaskraftwerken deutlich steigen."

CO2-Zertifikate gefährden Zukunft der Kohle

Der künftige Handel mit CO2-Zertifikaten, die zum Ausstoß von Kohlendioxid berechtigen, wird die Stromerzeugung maßgeblich beeinflussen. Vor allem für die Betreiber von Kohlekraftwerken würde eine Auktionierung der Zertifikate Zusatzbelastungen in Milliardenhöhe mit sich bringen - entsprechend attraktiv erscheint die Alternative Gas.

"Wird die hundertprozentige Auktionierung eingeführt, ist die Zukunft der Kohle in der Stromproduktion massiv gefährdet", warnt Ulrich Jobs, Chef von RWE-Power. "Mit dem Emissionshandel können sich - je nach Entwicklung der Brennstoffpreise - Gaskraftwerke vor alte Kohlekraftwerke schieben." Bereits heute baut RWE ein Gas- und Dampfkraftwerk in Lingen im Emsland. Weitere Anlagen dieser Art dürften folgen.

"Für Gaskraftwerke sprechen insbesondere die erzielbaren hohen Wirkungsgrade, niedrige Investitionen und brennstoffbedingte, niedrigere CO2-Emissionen", begründet Eon Projekte wie etwa den Bau einer neuen Gas- und Dampfturbine im bayerischen Irsching, die 2009 ins Netz gehen soll. Auch die Investitionen sind im Vergleich zu Kohle- oder Kernkraftwerken deutlich geringer. "Bei Gaskraftwerken stehen niedrigen Investitionskosten relativ hohe Brennstoffkosten gegenüber", gibt Jobs zu bedenken.

Teil 2: Staatskonzerne erschweren Preisvorhersagen

  • FTD.de, 14.03.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland
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