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Merken   Drucken   18.08.2010, 16:42 Schriftgröße: AAA

Energiekonzept: Der Strom der Zukunft

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat im Auftrag der FTD zwei Energieszenarien bis 2040 berechnet. Im daraus entstandenen Fünf-Punkte-Plan wird unter anderem  deutlich: Wer die AKW-Laufzeiten verlängert, kann auf neue Kohlekraftwerke verzichten.
© Bild: 2010 James Hardy/PhotoAlto/Corbis
Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat im Auftrag der FTD zwei Energieszenarien bis 2040 berechnet. Im daraus entstandenen Fünf-Punkte-Plan wird unter anderem deutlich: Wer die AKW-Laufzeiten verlängert, kann auf neue Kohlekraftwerke verzichten. von Nikolai Fichtner 
Es ist das vermutlich komplizierteste Projekt, das die Bundesregierung in diesem Herbst anpacken will: ein Konzept dafür, welche Energie Deutschland in Zukunft versorgt. Am 27. August sollen die Daten vorliegen, bereits einen Monat später soll die Entscheidung fallen. Klar ist dabei nur das Ziel: Die Energieversorgung soll sauberer werden., deutscher Strom Jahr 2050 zu 100 Prozent erneuerbar sein. Zugleich muss Energie für den Industriestandort sicher und bezahlbar bleiben. Doch was der beste Weg zu diesem Ziel ist, darüber wird heftig gestritten: Atomausstieg oder längere Laufzeiten? Neue Kohlekraftwerke oder Neubaustopp? Und wie teuer dürfen erneuerbare Energien werden?
Mit Kernenergie: Strommix in Deutschland bei 18 Jahre längeren ...   Mit Kernenergie: Strommix in Deutschland bei 18 Jahre längeren Laufzeiten der Atomkraftwerke, Jahresproduktion in TWh*
Die FTD legt bereits jetzt ein Konzept für die Stromversorgung der Zukunft vor. Schließlich wird Elektrizität im Energiemix mit Wärme und Öl immer wichtiger, weil die Nachfrage steigen wird. Zudem bietet sich eine große Chance für den Umbau: Zwei Drittel des konventionellen Kraftwerksparks geht bald vom Netz. Die Frage ist, wie diese Stromlücke gefüllt wird. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat für die FTD zwei Szenarien bis 2040 berechnet: eins mit, eins ohne längere Atomlaufzeiten. Welche Handlungsempfehlungen sich daraus ergeben, lesen Sie im Fünf-Punkte-Plan.
Atomkraftwerke sind keine Option für die Energieversorgung im Jahr 2050, da die Mehrheit der Deutschen einen Neubau ablehnt. Darum ist es richtig, so früh wie möglich aus der Kernkraft auszusteigen, damit sie Zukunftsenergien nicht im Weg steht. Aber: Der richtige Zeitpunkt ist später als von Rot-Grün geplant. Denn wenn der Preis des Ausstiegs eine Stromlücke ist, die nur durch den Neubau von Kohlekraftwerken geschlossen werden kann, wirkt der Ausstieg kontraproduktiv - für den Klimaschutz, aber auch für den Ausbau erneuerbarer Energien. Neue Investitionen sollten in neue Technologien fließen.
Atomkraftwerke in Deutschland   Atomkraftwerke in Deutschland
Wer die Atomkraft als "Brücke in das erneuerbare Zeitalter" versteht, darf die Laufzeiten aber nicht überall gleich verlängern. Im Norden verstopft Atomstrom bereits heute die Netze und behindert so den Bau von Windparks in der Nordsee. Hier braucht es keine Verlängerung der Laufzeiten. In Süddeutschland dagegen müssen die Meiler noch gut zwölf Jahre länger laufen. Erst dann sind neue Netze gebaut, die Windstrom aus dem Norden in die Industriezentren im Süden leiten. Jedes Atomkraftwerk braucht zudem ein Enddatum. Das gibt Planungssicherheit und wirkt so als Investitionstreiber für Netze und neue Energien.
Investitionen, die heute beschlossen werden, wirken 40 Jahre nach. So lange lebt eine Kraftwerksgeneration. Wer also eine saubere Energieversorgung im Jahr 2050 will, darf 2010 keine Kohlekraftwerke bauen. Schließlich ist kein Energieträger so klimaschädlich wie Kohle - zumindest solange die CCS-Technik für unterirdische CO2-Speicher nicht marktreif ist. Auch wenn neue Kohlekraftwerke effizienter sind als alte: Es ist besser, die nötigen Investitionen gleich in Zukunftstechnologien zu lenken.
Längere Laufzeiten für Atomkraftwerke bieten die Chance, dies zu verwirklichen: Zwar geht in den nächsten zehn Jahren ein gutes Drittel der Kohlekraftwerke wegen Altersschwäche vom Netz. Längere Atomlaufzeiten könnten diesen Schwund jedoch zu einem großen Teil ausgleichen. Nötig ist ein Atom-Kohle-Konsens mit der Energiewirtschaft, die sich im Gegenzug für die Laufzeitverlängerung verpflichtet, neue Investitionen in neue Energien zu lenken. Den Energiekonzernen muss das nicht unrecht sein: RWE hat sich jüngst freiwillig von neuen Kohleprojekten in Deutschland verabschiedet. Und der Ökostrombranche verschafft ein Ende der Kohleverstromung mindestens so viel Raum für Wachstum wie ein Atomausstieg.
Der Strom der Zukunft kommt aus dem Norden, aber er muss in den Süden. Allein in Nord- und Ostsee sollen bis 2030 Windparks mit 25 Gigawatt entstehen - das ist mehr als die Leistung aller deutschen Atomkraftwerke zusammen. Aber gebraucht wird die Elektrizität in den Industriezentren in Süddeutschland Die Deutsche Energie-Agentur schätzt den Bedarf an neuen Höchstspannungstrassen bis 2020 auf mehr als 2000 Kilometer. Sonst lasse sich der Ökostrom nicht mehr zuverlässig aufnehmen. Ohne neue Netze keine neue Energie: Mit dem Ausbau, vor allem der Nord-Süd-Trassen, muss jetzt begonnen werden. Denn bis diese fertig sind, vergehen wegen langer Planungs- und Genehmigungsfristen oft mehr als zehn Jahre. Die Politik muss neue Anreize setzen: Wer ein Netz baut, sollte sich leichter und schneller gegen Widerstände vor Ort durchsetzen können. Und er sollte Aussicht auf eine höhere Rendite bekommen, die der Staat per Anreizregulierung festlegt. Neue Investoren sind nötig, schließlich gehen die Ausbaukosten in die Milliarden. Auch das Fernziel dürfte die Fantasie von Forschern und Investoren beflügeln: das Smart Grid, das denkende Netz, das nicht nur die Stromerzeugung, sondern auch den Verbrauch steuert.
Die Anbieter erneuerbarer Energien werden sich verändern müssen, wenn sie weiter wachsen wollen. Bislang speist jeder seinen Windstrom ein, wenn der Wind weht, seinen Solarstrom, wenn die Sonne scheint, und den Strom aus Biogas, wann er will. Dieses Modell funktionierte, solange Ökostrom ein Nischenprodukt war. Das wird in Zukunft anders sein. Deshalb müssen die Ökostromerzeuger lernen, die Schwankungen selbst auszugleichen.
Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), das den Aufbau von Ökostrom mit garantierten Vergütungen ermöglicht hat, muss umgebaut werden: mehr Geld für stabilen Strom, weniger für schwankenden Strom. Ein Ziel der neuen Anreize: Betreiber von Wind-, Solar- und Gaskraftwerken schließen sich zusammen, um Schwankungen intern auszugleichen. Die Gasturbine springt dann an, wenn der Wind nicht weht. Zweites Ziel ist die Entwicklung neuer Speicher: Wenn der Wind besonders stark weht, rentiert es sich, überschüssigen Strom zu speichern, bis er gebraucht wird. Dass das EEG Innovationen fördern kann, hat es bewiesen. Mit einem neuen Vorrang für stabilen Ökostrom könnte es auch neuen Speichertechnologien zum Durchbruch verhelfen.
Das größte Potenzial für Klima- und Ressourcenschonung in Deutschland liegt in den Häusern. Gebäude verbrauchen 40 Prozent der Energie, der größte Teil davon geht für Heizung und Warmwasser drauf. In keinem anderen Bereich lässt sich so viel Energie einsparen. Trotzdem sind die Fortschritte bei Gebäudesanierung und Ökoheizungen zu langsam, um die Klimaziele zu erreichen. Ohne staatliche Anreize wird sich das nicht ändern. Die Programme zur Förderung von Wärmedämmung, Holzheizungen, Wärmepumpen oder Solarwärme müssen daher aufgestockt und verstetigt werden. Sie lohnen sich auch volkswirtschaftlich, da sie private Investitionen auslösen und Mittelständlern im ganzen Land zugutekommen.
In diesem Bereich sind die Milliarden, die die Politik im Gegenzug für längere Atomlaufzeiten abschöpfen will, daher am besten angelegt. Die Betreiber der Atomkraftwerke zahlen den größten Teil ihrer Zusatzgewinne in einen Fonds. Für Hausbesitzer, die Zuschüsse für Ökoheizungen und Wärmedämmung beantragen, wäre ein solcher Topf verlässlicher als die aktuellen Programme aus dem Bundeshaushalt, die die Nachfrage nicht befriedigen können. Für die Volkswirtschaft wäre er ein nachhaltiges Konjunkturprogramm.
  • FTD.de, 18.08.2010
    © 2010 Financial Times Deutschland,
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