Vor einem halben Jahr beschloss der Bundestag den Ausstieg aus der Kernenergie. Viele hielten das für Harakiri. Doch die Zwischenbilanz macht Hoffnung. FTD.de erklärt die Lage.
von Nikolai FichtnerBerlin
und Michael GassmannDüsseldorf
Von einem "historischen Tag" sprach der Verband der Energiewirtschaft, als der Bundestag vor sechs Monaten für Atomausstieg und Energiewende stimmte. Es war der Schlusspunkt einer heftigen Debatte. Gestritten wurde mit allen Mitteln: düsteren Prognosen von steigenden Preisen, neuer Abhängigkeit vom Ausland oder dem drohenden Blackout. Viele Vorhersagen werden sich erst nach mehreren Jahren bestätigen oder widerlegen lassen. Doch Trends lassen sich auch nach einem halben Jahr bereits ablesen. Der FTD-Faktencheck:
Einen spektakulären Netzzusammenbruch wie am 4.November 2006, als zehn Millionen Menschen in sechs Ländern Westeuropas im Dunkeln saßen, hat es bis jetzt nicht gegeben. Die Betreiber der vier Hochspannungsnetze sind auch zuversichtlich, ihn verhindern zu können.
"Wir haben die Lage bisher im Griff", heißt es dort. Aber die Nagelprobe steht noch aus. Wenn es, wie in der ersten Januarwoche 2010, zu einer Kältewelle mit wenig Wind und kaum Sonnenschein kommt, steigt die Belastung. Die Bundesnetzagentur verweist darauf, dass man auch auf diese Worst-Case-Szenarien vorbereitet sei. Zur Not müssten Reservekraftwerke in Österreich einspringen. Die Franzosen, die sonst gern aushelfen, brauchen ihren Strom im Winter nämlich selbst - zum Heizen.
In den ersten Wochen nach Fukushima und dem Atom-Moratorium Mitte März sah es ganz danach aus. Der Börsenpreis am Terminmarkt stieg abrupt um rund 15 Prozent. Die AKW-Betreiber mussten damals nach Stilllegung ihrer Kraftwerke schnell Ersatzstrom kaufen. Inzwischen ist der Preis an der Leipziger Strombörse wieder auf Vor-Moratoriums-Niveau gesunken. Das zeigt, dass es derzeit genügend einsatzbereite Kraftwerke gibt, um den Ausfall der acht Atommeiler zu kompensieren.
Das hängt vom Wind ab. An windigen Tagen wie am Donnerstag exportiert Deutschland mehr Strom, als es importiert. In der Gesamtrechnung aber ist der traditionelle Exportüberschuss fast verschwunden. Nach Zahlen des Branchenverbands BdEW exportierte Deutschland von Januar bis September 2011 per saldo nur noch 1,6 Terawattstunden. Im Vorjahreszeitraum waren es noch 10,6. Der größte Teil der Zusatzimporte kommt aus Frankreich, das drei Viertel seines Strommixes aus der Atomkraft bezieht. Theoretisch könnte Deutschland sich an den meisten Tagen auch komplett selbst versorgen. Doch meist bieten Ausländer ihren Strom billiger an als alte deutsche Kohlekraftwerke.
Ja, manche sogar zu schnell. 2010 betrug der Anteil der Ökoenergien am Strommix 17 Prozent, 2011 waren es schon 20 Prozent. Der Zubau an Solaranlagen war mal wieder deutlich höher als von der Regierung erwartet - was langfristig die Kosten der Ökostromförderung in die Höhe treibt. Windräder gibt es bereits so viele, dass die Netzbetreiber sie bei Starkwind immer häufiger abschalten, weil sie den Strom nicht mehr abtransportieren können. Die Netze erweisen sich als Flaschenhals der Energiewende.
Der erste Schritt ist getan. Die Bundesnetzagentur hat Anfang Dezember den "Szenariorahmen Netzausbau" vorgestellt, mit ersten konkreten Annahmen zur deutschen Stromlandschaft der Zukunft. Im Sommer 2012 soll ein zehnjähriger Netzentwicklungsplan folgen, im Herbst dann ein Gesetz zum "Bundesbedarfsplan". Das soll dann die Trassen für den notwendigen Umbau definieren - und so den weiteren Ausbau beschleunigen. Ob sich die Bürgerinitiativen davon beeindrucken lassen, ist zweifelhaft.
In der Theorie sind sich alle einig: Flexible Gaskraftwerke sollen einspringen, wenn der Wind nicht weht oder die Sonne nicht scheint. Doch in der Praxis will die keiner bauen. Ein Kraftwerk, das nur bei Flaute hochfährt, rentiert sich nicht. Die Regierung hat zwar angekündigt, 15 Prozent der Baukosten für neue Kraftwerke zu übernehmen. Doch damit ist sie beim EU-Wettbewerbskommissar bisher gescheitert. Der Freistaat Bayern sucht schon Hilfe im Ausland. Die Regierung verhandelt mit dem russischen Staatskonzern Gazprom über den Bau neuer Gaskraftwerke.
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