Enthüllungen bei Wikileaks:Razzia im Jugendklub der FDP
Die FDP ist schockiert. Ein "junger, aufstrebender" Liberaler soll Inhalte der Koalitionsgespräche an die USA verraten haben. Wer in der Partei unter 40 ist, legt sich schon ein Alibi zurecht. von Lisa Thamm
und Monika DunkelBerlin
Es liest sich, als gebe ein Headhunter heiße Personaltipps für den Führungsnachwuchs, als könne da aus jemandem wirklich etwas werden bei den Liberalen. Wenn nur der Anlass nicht wäre.
"Jung und aufstrebend" sei der "Parteigänger" gewesen, der Interna aus den Koalitionsverhandlungen zwischen FDP und Union an die Berliner US-Botschaft weitergereicht haben soll. "Begeistert von seiner Rolle als Protokollant scheint er gerne bereit zu sein, uns seine Beobachtungen und Ansichten mitzuteilen und seine Notizen vorzulesen", zitiert der "Spiegel" aus den bei Wikileaks eingestellten US-Regierungsdokumenten.
Philipp Rösler zählt mit 37 Jahren zum Kids' Club der Regierung
In der FDP wurde darob am Montag zur Maulwurfsjagd geblasen. Mögliche Lecks gäbe es viele, schließlich ist die halbe Partei "jung und aufstrebend": Der stellvertretende FDP-Sprecher ist gerade 26, Gesundheitsminister Philipp Rösler zählt mit 37 Jahren zum Kids' Club der Regierung, und auch auf Generalsekretär Christian Lindner, 31, passt das Profil. Besondere Brisanz bekommt die Durchstecherei, weil darin ohnehin keine deutsche Partei so schlecht wegkommt wie die FDP - und kein Politiker so mies wie Guido Westerwelle.
Offiziell weist die Parteiführung einen Suchauftrag weit von sich: "Ich glaube diese Geschichte so nicht", beteuert Westerwelle am Montag. Er habe unverändert in die "gesamte Mitarbeiterschaft der FDP ein ganz großes Vertrauen".
Aber die ganz große Kontrolle ist natürlich besser. Der düpierte Westerwelle, heißt es in Parteikreisen, wolle das Gespräch mit den etwa fünf Protokollanten suchen, die bei den Verhandlungen dabei waren. Darunter sollen Abteilungs- und Büroleiter sein.
Gut, wer da entschuldigt ist. Der Vizesprecher war nicht dabei, Rösler ist nicht mehr aufstrebend, sondern Minister, Lindner weilte als NRW-Generalsekretär anderswo. Andere machen derweil ihr Alibi wasserdicht. Florian Toncar etwa. Der 31-Jährige saß für die FDP im Arbeitskreis Außenpolitik und Verteidigung - hier wird das Leck vermutet. Doch er kann nachweisen, dass er 2009 die US-Botschaft nicht betreten und mit niemandem dort telefoniert hat. "Zwischen uns war völlige Funkstille."
Die Spurensuche geht weiter. Gelegenheit gibt es Dienstagabend bei der FDP-Adventsfeier. Die Partei hat eingeladen zu "anstößigen Begegnungen".
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