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Merken   Drucken   18.08.2012, 08:00 Schriftgröße: AAA

Essay: Gläubige, passt euch an!

Das Beschneidungsurteil ist ein wichtiger Denkanstoß: Jede Religionsgemeinschaft muss in der Lage sein, ihre Theologie und Riten zu verändern. Wenn sie es selbst nicht schafft, dann eben durch äußeren Druck.

In diesem Jahr hat das Sommerloch etwas Starkes bewirkt. Keine Giraffe ist aus irgendeinem Zoo entflohen, und auch kein Krokodil ist in irgendeinem Baggersee gesichtet worden - so wie sonst in der Saure-Gurken-Zeit des Sommers. Stattdessen ist das Kölner Landgericht eingesprungen, das mit seinem Urteil zur Beschneidung eines muslimischen Jungen eine beispiellose bundesweite, dann sogar weltweite Debatte losgetreten hat. Die nicht nur möglich ist, weil die großen Themen im Sommerloch in den Hintergrund gerückt waren, sondern weil es ein Bedürfnis gibt, über religiöse Rituale zu diskutieren, die nicht mehr in die Zeit passen.

Das Beschneidungsurteil ist der notwendige Denkanstoß: Jede Religionsgemeinschaft muss in der Lage sein, ihre theologischen Inhalte und ihre Rituale den gesellschaftlichen Umständen anzupassen. Wenn sie es selbst nicht tut, dann durch sanften oder auch massiven politischen Druck von außen.

Religiöse Beschneidungen von Jungen sollten ...

 

Zum Ergebnis Alle Umfragen

Die Juristen haben mit ihrem Einzelfallurteil, wonach die Beschneidung eines muslimischen Jungen eine grundsätzlich strafbare Körperverletzung sei, den ersten Schritt getan. Dem Recht auf körperliche Unversehrtheit (Art. 2 GG und Uno-Kinderrechtskonvention) wird ja in Deutschland aus guten Gründen eine hohe Bedeutung zugemessen. Damit die Ärzte, die Kinder beschneiden, nun nicht dauerhaft in Rechtsunsicherheit praktizieren, ist es gut, dass die Bundesregierung im Herbst dazu einen Gesetzentwurf vorlegen will. Doch die Diskussion sollte mit diesem schnellen Reagieren der Politik nicht abgewürgt werden: Viele Juristen und Kinderärzte - und auch ein großer Teil der Bevölkerung - sind zu Recht gegen Operationen ohne medizinische Notwendigkeit bei unmündigen Patienten.

Die Beschneidung ist ein schmerzhaftes, archaisches Ritual, das der Staat über eine ausgeprägte gesellschaftliche Debatte mittelfristig abschaffen helfen kann: Ihm kann es zwar nicht gelingen, die religiösen Bräuche seiner Bürger im Alleingang zu ändern. Aber er kann sie infrage stellen und mit den Religionsgemeinschaften in Dialog, wenn nötig auch in Streit treten. Am Ende könnte ein Kompromiss mit den jüdischen und muslimischen Gemeinden stehen, die ihre Kinder künftig nur noch im Rahmen einer Feier symbolisch beschneiden, wie es schon heute von progressiven jüdischen Gemeinden praktiziert wird. Im Erwachsenenalter kann dann ja jeder selbst entscheiden, ob eine Beschneidung infrage kommt.

Muslime sind Kritik gewohnt

Es ist zugegebenermaßen schwierig, einen solchen Vorschlag in Deutschland zu diskutieren. Tatsächlich sieht es "komisch" aus, um ein Wort der Kanzlerin zu entfremden, dass sich ausgerechnet in Deutschland, wo sich jüdisches Leben nach den Massenmorden der Nazis erst allmählich wieder aufgebaut hat, Kritik an einem zentralen jüdischen Ritual regt. Doch das kann kein Argument für einen archaischen Brauch sein - es kann nur ein Argument sein, die Debatte besonders sensibel zu führen.

Das Absurde ist: Weil es sich eben nicht nur um ein muslimisches Ritual handelt, sondern auch um ein jüdisches, konnte die Diskussion derart hohe Wellen schlagen. Längst sind wir alle abgestumpft, wenn muslimisches Brauchtum mit beißender Kritik überzogen wird.

Dabei ist auch diese Kritik wichtig, sofern sie nicht herabsetzend, beleidigend und ungerecht ist. Natürlich ist es richtig zu hinterfragen, ob ein Muezzinruf an einer Moschee in Düsseldorf, Köln oder Hamburg wirklich sein muss (die meisten Gemeinden verzichten darauf). Natürlich ist es richtig, kritisch zu fragen, ob ein Kopftuch wirklich das emanzipatorische Signal ist, als das es konservative Islamfunktionäre hinstellen - oder nicht doch ein Mittel der visuellen Geschlechtertrennung. Unbestritten archaische Traditionen wie arrangierte Ehen (so klingt's nett) und Zwangsheiraten (so weniger) stehen in Deutschland zu Recht unter Strafe, und der Staat setzt alles daran, durch interkulturelle Sozialpädagogik eine Verhaltensänderung bei ländlich geprägten Einwanderern aus muslimischen und hinduistischen Ländern herbeizuführen. Bei dieser, böse gesagt, Domestizierung von Religionen mischt der Staat mit seiner Weltanschauung von Freiheit, Individualität und Toleranz kräftig mit - mit Gesetzen und viel Geld.

Das Ritual der Beschneidung ist schmerzhaft und archaisch   Das Ritual der Beschneidung ist schmerzhaft und archaisch

So aktuell auch beim Start des islamischen Bekenntnisunterrichts in nordrhein-westfälischen Schulen: In dem Beirat, der die Lehrerlaubnis für die ersten Islamlehrer erteilt, sitzen Vertreter der Muslimverbände, aber auch der Landesregierung. Das Lehrpersonal wird federführend in Münster von Mouhanad Khorchide ausgebildet, einem nach deutschen Maßstäben modernen Islamwissenschaftler, der den Koran und die Sunna zeitgemäß interpretiert. Seit Jahren drängt der Staat zudem die Islamverbände, sich kirchenähnliche Strukturen zu schaffen, indem ein "einheitlicher Ansprechpartner für die Politik" verlangt wird. Mit durchwachsenem Erfolg, aber spürbarer Wirkung: Der Koordinationsrat der Muslime ist der Versuch der größten muslimischen Verbände, mit einer Stimme zu sprechen.

Mit solchen Maßnahmen zwängt der Staat den Islam in ein selbst geschneidertes Korsett und prägt eine Art liberal-modernen Staatsislam, der längst nicht bei irgendwelchen Formalitäten haltmacht. Es geht auch um zeitgemäße Übersetzungen des Korans, um Fortentwicklungen von Rechtstraditionen, letztlich also um die Köpfe und Gedanken - und Rituale - der Muslime in Deutschland. Der Islam soll künftig eben die soziale Integration aller Bewohner Deutschlands, ob mit oder ohne Staatsbürgerschaft, erleichtern, zumindest aber nicht stören. Dazu passt auch der Vertrag, den der Stadtstaat Hamburg nun mit Muslimen und Aleviten schließen will, um deren Rechte und Pflichten festzuschreiben.

Der Druck von außen hat schon die katholische Kirche recht erfolgreich domestiziert. Mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil näherte sie sich vorsichtig dem demokratischen Pluralismus an, indem sie etwa ihren Wahrheitsanspruch zumindest leicht revidierte. Beide Sphären - Staat und Kirche - sind auch deshalb heute in Deutschland friedlich miteinander verschränkt. Es gibt aber noch zu tun: Der Druck auf die Kirche, den Umgang mit Homosexuellen und Frauen zu verbessern, darf nicht nachlassen.

Vor allem Muslime und Katholiken müssen Kritik und Spott einstecken - und müssen es hinnehmen. Der Präsident des Zentralrats der Juden, Dieter Graumann, reagierte hingegen extrem verschnupft und dünnhäutig auf die Beschneidungsdebatte. "Jüdische Eltern (...) haben keinen Belehrungsbedarf", ließ er auf der Verbandshomepage mitteilen. Für ihn sei die Beschneidung "konstitutiv" für den Glauben, bei einem Verbot sei "in letzter Konsequenz jüdisches Leben in Deutschland nicht mehr möglich".

Drei falsche Argumente der Beleidigten

Das ist die typische Reaktion eines beleidigten Religionsfunktionärs - trotz aller Übung in Sachen Einstecken auch noch bei Kirchen und Islamverbänden zu finden. In der Regel bedienen sich solch Beleidigte dabei dreier falscher Argumente:

"Kein Belehrungsbedarf": Anstöße für einen Wandel dürfen demnach nur aus der Religionsgemeinschaft selbst kommen (was nicht heißt, dass es dann in Ordnung ist, wenn es passiert). Richtig ist, Reformen von innen lassen sich besser durchsetzen, weil es am Anfang schon wichtige Fürsprecher in den eigenen Reihen gibt. In der Realität muss der Anstoß aber oft von außen kommen, weil Religionen hierarchisch organisiert sind und durch Abgrenzung nach außen inneren Zusammenhalt schaffen.

"Beschneidung ist konstitutiv": Richtig ist, die Beschneidung ist für viele Muslime und Juden nicht zwangsläufig konstitutiv für den Glauben. Im Koran kommt sie gar nicht vor - Muslime leiten sie aus den angeblichen Sprüchen des Propheten Mohammed (Sunna) ab. Die sind auch unter Islamwissenschaftlern umstritten. Die jüdische Beschneidung bezieht sich zwar aufs Alte Testament. Doch ohne Interpretation gibt es keinen Verständniszugang: Der Inhalt des 1. Buchs Mose fußt auf jahrtausendealten Erzählungen. Es ist eine Binsenweisheit moderner Religionshermeneutik, solche Texte nicht wortwörtlich zu nehmen, sondern sie im Lichte ihrer Entstehungsgeschichte einzuordnen. Der Muezzin etwa diente einst als Weckruf, um die Gemeindemitglieder zum Gebet zu wecken. Da die meisten heute aber über einen Wecker verfügen, verliert der öffentliche Muezzinruf an Bedeutung. Die Abschaffung wird deshalb von Muslimen ernsthaft diskutiert - so etwa an der Universität Ankara.

Systematisch kleinreden: In Israel zelebrieren Gläubige eine Zeremonie der Namensgebung als Beschneidungsersatz. Auch in Großbritannien begehen Juden solche Initiationsriten. Diese mögen "für ein oder zwei Reformgemeinden zutreffen, aber nicht für die Mehrheit britischer Juden", behauptete die "Jüdische Allgemeine". Kein Wort von den innerjüdischen Diskussionen, von israelischen Eltern, die laut Umfragen erwägen, auf die Beschneidung ihrer Söhne zu verzichten. Sie trauen sich aber wegen des sozialen Drucks nicht. Bislang. Die deutsche Diskussion wird auch in Israel aufmerksam verfolgt.

  • FTD.de, 18.08.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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Kommentare
  • 12.10.2012 17:35:39 Uhr   Alexander 25 Jahre: Dresitigkeit

    "Wir tolerieren Religion. In dem Maße, wie Religion Grundrechte toleriert."
    Wenn ich so etwas schon lese, stellen sich mir die Nackenhaare hoch. Würde der durchschnittliche Bildungsbürger oder Meinungsmacher(aka Journalist), etwas mehr Selbstreflexion betreiben, bzw Sensibilität an den Tag legen, dann würde er auch erkennen das es für einen Religiösen, jedweder Natur, eine Zumutung ist soetwas wackeliges wie die"Grundrechte" vor die Belange seiner höchsten Gesetze zu stellen, nämlich die seines oder ihres Gottes.Es ist glasklar das hinter den Kulissen schon seit min. 200 Jahren ein unerbitterlicher Kulturkampf gegen alles geführt wird was dem Mensch über Jahrtausende heilig war.Und für was?Für die lächerlichsten und abstrusesten innerweltlichen Heilsversprechen um die im Westen getanzt wird wie um ein goldenes Kalb.
    Passt auf Leute! Die Demokratie ist eine Regierungsform, nicht mehr, nicht weniger.Sie ist keine Religion und kein Goldenes Kalb um das man herumtanzen sollte.

  • 27.08.2012 21:10:22 Uhr   akinci: artikel
  • 23.08.2012 21:57:29 Uhr   osta.rido: Radikalisierung der Religionen
  • 19.08.2012 17:14:54 Uhr   Detlef Bosau: Wie stellt sich Benninghof eigentlich
  • 19.08.2012 11:47:24 Uhr   Toni-Ketzer: Überdenken
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