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Merken   Drucken   17.05.2012, 19:30 Schriftgröße: AAA

Essay: Integration - Schluss mit "wir" und "die"  

Premium Die Debatte über Integration krankt an alten Reflexen und Schubladendenken. Einwanderer – egal, woher sie oder ihre Vorfahren ursprünglich stammen – fühlen sich dadurch abgelehnt. Das muss aufhören.
von Lena Gorelik

Ein Essay von Lena Gorelik (31) kam 1992 zusammen mit ihrer russisch-jüdischen Familie nach Deutschland. Sie ist Autorin des Buches "Sie können aber gut Deutsch!".


Ich saß auf dem Blauen Sofa auf der Leipziger Buchmesse, es war ein wenig unbequem, weil es zu tief war, um darauf angelehnt aufrecht zu sitzen, und nicht tief genug, um sich in die Kissen fallen lassen zu können, und ließ mich grillen. Die erste Frühlingssonne knallte durch die Glaskuppel der Messe, die Scheinwerfer heizten vor sich hin, und die Moderatorin hatte mein Buch offensichtlich nicht gemocht. Bereits den Buchtitel "Sie können aber gut Deutsch!" empfand sie als übersensibel, warum ich diesen Satz nicht als Kompliment verstehen könne, fragte sie und hakte auch nach meiner Erklärung noch einmal nach, aber warum denn nicht?

Lena Gorelik ist Autorin des Buches "Sie können aber gut ...   Lena Gorelik ist Autorin des Buches "Sie können aber gut Deutsch!"

Weil in diesem "Kompliment", antwortete ich, immer auch Überraschung mitschwinge, der das vermeintliche Wissen vorangeht, jemand wie ich, jemand mit Migrationshintergrund, könne per se nicht gut Deutsch sprechen. Weil ich es unangebracht finde, wenn ich es zum Beispiel nach einer Lesung höre, also nachdem ich eine Stunde lang aus einem meiner auf Deutsch verfassten Romane vorgelesen habe, akzentfrei. Oder wenn der Satz gegenüber Menschen fällt, die hierzulande geboren wurden, aber den Makel haben, einen Nachnamen zu tragen, der beispielsweise mit "ic" aufhört. Ich kläre das gern auf, aber ich wundere mich doch darüber.

Während ich ihr all das erklärte, dachte ich an die Menschen, die über den Titel des Buches gelacht hatten, weil er allein schon so viel aussage, die mir auf die Schulter geklopft hatten mit einem "Endlich sagt's mal einer". Jetzt fiel mir auf, sie hatten fast alle einen dieser berühmt-berüchtigten Migrationshintergründe gehabt, der der Moderatorin fehlte. (Und in dem Zusammenhang: Was für eine Konnotation dieser pauschale, schubladisierende Begriff hat, lässt sich an der Seltenheit des Satzes "Jemandem fehlt der Migrationshintergrund" ablesen.) Ich erwischte mich plötzlich selbst dabei, wie ich in ein "Wir" und "Ihr" einteilte, in ein "Wir mit" und "Ihr ohne", eine Unterteilung, gegen die ich doch anzuschreiben versucht hatte!

Die Moderatorin auf dem Blauen Sofa wollte wissen, warum ich das Buch mit diesem Titel "Sie können aber gut Deutsch!" gemeint hatte schreiben zu müssen. Jetzt, da die Debatte um Thilo Sarrazins Thesen abgeschlossen sei; ich, die ich doch gar nicht gemeint gewesen sei in jener Debatte. Ich erwiderte, ich hätte das Buch geschrieben, weil ich keine Lust mehr hatte.

"Sie können aber gut Deutsch!"

Es war irgendwann nach einer Lesung, diese war gut gelaufen, das Publikum hatte geklatscht und an den richtigen Stellen gelacht, und nachdem ich signiert hatte, bat mich die Redakteurin einer deutschen Zeitung um ein Interview. Sie war im Gegensatz zu mir eine echte, gebürtige Biodeutsche, die mich, die Schriftstellerin, interviewen wollte, die deutsch-russisch-jüdische Schriftstellerin wohlgemerkt. Sie begann mit: "Sie können aber gut Deutsch!" Ich wollte antworten: "Sie aber auch!"

Ihre erste Frage lautete: "Was sind die größten Vorurteile, die die Russen über die Deutschen haben?" Ihre zweite Frage lautete: "Was sind die größten Vorurteile, die die Deutschen über die Russen haben?" Sie sagte: "die Russen" und "die Deutschen", beide Male. Sie fragte: "Wie fühlen Sie sich, eher deutsch oder russisch? Vielleicht sogar ein bisschen jüdisch?"

Ich fragte mich im Stillen, ob sie Prozentzahlen hören wollte, als sei ich ein Tortendiagramm, das später als Abbildung in der Zeitung auftauchen könne mit der Unterschrift "Lena Goreliks Mentalität. Weiß - russisch, schwarz - deutsch, grau - jüdisch", während ich ihr höflich erläuterte, dies sei eine Frage, die sie mir, aber niemals ich mir stellte; im Prinzip hielte ich mich für eine gute Mischung.

Sie fragte: "Aber können Sie sagen, zu wie viel Prozent Sie denn deutsch und zu wie viel Prozent Sie russisch in dieser Mischung sind?" Dann fragte sie noch: "Und wie oft fahren Sie so nach Hause?"

Das war dann der Moment, in dem ich wirklich keine Lust mehr hatte zu antworten: "Welches Zuhause? Mein Zuhause ist München." So, wie ich immer wieder auf diese Art von Fragen geantwortet hatte; keine Lust auf einen Artikel über die russischstämmige Autorin, die sich aber tatsächlich so gut integriert hat, dass sie Bücher auf Deutsch schreibt, patsch, patsch, brave Vorzeigeausländerin, einfach keine Lust mehr, weshalb ich aufstand und ging, um nach Hause, nach München, zu fahren.

Zu Hause schrieb ich das Buch, in dem ich konstatiere, dass Deutschland schon lange von Menschen unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlicher Glauben und Ansichten, Lebenseinstellungen und Zukunftsvorstellungen geprägt wird. Dass Menschen hierher zugewandert sind, nicht "Ausländer", "Migranten", "Menschen mit Migrationshintergrund", "fremdländische Mitbürger", "Bürger mit anderer ethnischen Herkunft", Menschen, die man vielleicht mögen könnte, wenn man sich die Mühe machte, sie kennenzulernen. Man könnte sie mögen, man muss natürlich nicht, aber um diese Entscheidung zu treffen, muss man sie erst einmal kennenlernen.

Ich beschreibe darin, dass wir schon längst in einem Wir-Deutschland leben. Zu diesem Wir gehört der Pfälzisch sprechende Japaner genauso wie seine in Ostberlin geborene Kollegin, dem ist auch das Grundschulkind, das zwar hier geboren wurde, aber bei Einschulung nur Türkisch versteht, zuzurechnen oder der Urmünchner, der von einem Job an einer amerikanischen Universität träumt. Auch die FDP wählende Unternehmensberaterin, deren Eltern als Gastarbeiter nach Deutschland kamen, auch Ulf Mayer aus Untertürkheim, der Hartz IV bekommt, weil er sich zu gut für einen Minijob ist. Das "Wir" ist nicht naiv-verklärt, nicht einfach irgendwie multikulti, schon gar nicht ist es unproblematisch. Vielfältig und spannend aber ist es auf jeden Fall. Ich appelliere, dieses Wir auszukosten, es auszunutzen. Diversity-Management im Unternehmen Deutschland sozusagen.

Das Buchcover ist schlicht rot, darauf nur der Titel, es erinnert bewusst an ein anderes Buch, das vor einiger Zeit erschien, für viel Aufruhr gesorgt hatte und in mir die Frage aufgeworfen hatte, ob das Wir-Deutschland, das ich gerade beschrieb, nicht nur in meinem Kopf existierte. Das andere Buch hatte Thilo Sarrazin geschrieben, er hatte Dinge gesagt, die viele in einer "Endlich sagt mal einer"- und "Man wird doch noch mal sagen dürfen"-Haltung wiederholten, ich hörte Begeisterung aus jeder Ecke und kaum Buhrufe; ich fühlte mich plötzlich ungewohnt fremd in meinem Land, erwischte mich selbst dabei, wie ich mein Kind in der Öffentlichkeit auf Deutsch ansprach, obwohl es mir ein Anliegen ist, es zweisprachig zu erziehen, weil ich dazugehören wollte und fürchtete, dies nur zu dürfen, wenn ich meine Herkunft hinter mir ließe.

Jeder Gartenzwerg trägt ein Kopftuch

Wenn ich über diese Gefühle sprach, antwortete man mir, ich sei doch gar nicht gemeint. Warum, weil ich keine Muslimin bin? "Schaut mal, die hat Deutsch gelernt und isst auch Schwein." Ich fühlte mich aber gemeint, jeder fühlte sich gemeint, der nicht mit "Tatort" und Sonntagsbraten aufgewachsen war und nicht Müller-Meyer-Schmidt mit Nachnamen hieß.

Ich schrieb zum Beispiel über die Angst vor Überfremdung, die um sich greift wie eine ansteckende Krankheit. In meinem Kopf taucht neben Überfremdung immer der Begriff Überschwemmung auf, eine sehr subjektive Assoziation, der ebenso subjektive und unbegründete Bilder folgen: Deutschland, seine Wiesen, Berge, Wälder und Städte sind nicht mehr als solche zu erkennen, weil sie überschwemmt wurden von Türken und Italienern und Russen und Afrikanern, vor allem aber von Muslimen im Allgemeinen. An jedem Holzstammtisch ein Wasserpfeife rauchender Türke. Sonntag, 20.15, auf der Mattscheibe dieses Landes: al-Dschasira. Jeder Gartenzwerg trägt ein Kopftuch.

Und nun saß ich also auf der Buchmesse und ließ mir Wut, Überempfindlichkeit und Verletztheit vorwerfen und rechtfertigte mich dafür, empört zu sein, weil mir und vielen anderen Menschen, mit denen ich darüber gesprochen hatte, die Zugehörigkeit zu unserem Land durch den Ton, die Art der Debatte über das unleidige Thema Integration genommen wurde. Jemand sagte zu mir, vielleicht sei es eine strukturelle Verhaltensweise, dass Minderheiten in Debatten ausgegrenzt werden, indem man ihnen Überempfindlichkeiten vorwirft.

Ich dachte ein paar Tage darüber nach, bevor mir der Denkfehler auffiel. Wir, "wir mit", sind keine Minderheit, die sich in eine Schublade pressen lässt, dafür sind wir viel zu viele Vielfältige. Und schon viel zu lange ein Teil dieses Landes. Das zu erklären in einem Deutsch, das eines Komplimentes nicht bedarf, weil es so selbstverständlich ist, dass wir es sprechen, werden wir nicht müde werden, solange unser Wir-Deutschland das braucht.

  • Aus der FTD vom 18.05.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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Kommentare
  • 20.05.2012 12:06:54 Uhr   focus: @Toni

    Wie kommen sie nur auf den Trichter, dass die "Sozis" die Agenda 2010 eingeführt haben?

    Schröder ist ein durch und durch bekennender Opportunist und ein durch und durch bekennender Neolib!.

    Wenn Sie schon mit dem Finger zeigen wollen: Was hat die sog. "bürgerlichen Parteien" davon abgehalten sich der ihnen genehmen "Sozis" Idee nicht zu verschließen? Wie wäre es mit folgender Überlegung:

    Wenn die "bürgerlichen" Vertreter, Journalisten und die Wirtschaft gegen die beschriebenen Zustände wären, was hindert sie daran, diese Zustände zu ändern? Welchen Vorteil nennen die "bürgerlichen" Parteien, wenn es um die Agenda 2010 geht, und sie sie deshalb nicht ändern wollen?

  • 18.05.2012 11:46:38 Uhr   Toni-Ketzer: Wer ist "Wir"?
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