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FTD-Serie: Thomas Fricke - Die Kolumne

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Merken   Drucken   14.09.2012, 11:00 Schriftgröße: AAA

Euro-Krise: Thomas Fricke - Spätsommer fürs Geschichtsbuch

Die Chancen auf ein glückliches Ende der Euro-Krise sind in den vergangenen acht Tagen dramatisch gestiegen. Jetzt fehlt nicht mehr viel - im Prinzip zumindest.
© Bild: 2012 DPA/Bildfunk/Uli Deck
Die Chancen auf ein glückliches Ende der Euro-Krise sind in den vergangenen acht Tagen dramatisch gestiegen. Jetzt fehlt nicht mehr viel - im Prinzip zumindest.

Thomas Fricke ist Chefökonom der FTD. Er schreibt freitags an dieser Stelle. Mehr auf Facebook unter www.ftd.de/wiwu Wahrscheinlich sind wir das einzige Land auf der Welt, in dem entrüstet vor Gericht geklagt wird, wenn jemand kommt, um eine schlimme Krise zu beenden, von der wir getroffen sind. Da wird wütend gegen Rettungsmechanismen geklagt - ohne dass die Entrüsteten zu interessieren scheint, ob das nicht vielleicht wirklich eine schlimme Krise abwendet. Ebenso wenig wie beim nun vorbereiteten Einsatz der Europäischen Zentralbank als Retterin in letzter Instanz - eine Aufgabe, für die Notenbanken nun mal geschaffen wurden.

Erst mal klagen. Frei nach der Regel: Wer gar keine Argumente mehr hat, geht nach Karlsruhe, Partnerstadt von Gauweiler. Dabei erinnert der Widerstand gegen jedwede Sonderrettung ein bisschen an Opa, der schwer krank ist, sich aber laut schimpfend gegen die nötige OP wehrt - weil dabei ja auch etwas schief gehen kann. Verständliche Angst. Trotzdem unvernünftig.

Rettung auf Genehmigung

Jetzt wäre es vermessen, die Krise schon für beendet zu erklären. Dafür sitzt der Zweifel an der Euro-Zukunft zu tief, haben die Retter zu lang gezögert. Die Chancen auf ein Ende des Dramas sind seit Ende Juli allerdings spektakulär gestiegen. Seit EZB-Chef Mario Draghi unmissverständlich angekündigt hat, definitiv alles zu tun, um Panik und Spekulation auf ein Euro-Ende zu stoppen. Seit die eindrucksvolle Mehrheit von 22 der 23 Mitglieder im EZB-Rat das vergangene Woche auch so beschlossen hat. Und seit diese Woche auch in unserem Richter- und Klageland die Genehmigung zur Euro-Rettung erteilt wurde, der ESM als verfassungskonform gilt. Jetzt kommt es drauf an, die verbleibenden Risiken zu beseitigen - das könnte vor allem eins heißen: die Spirale aus Kürzungen, neuen Rezessionsschüben und wieder neuen Staatsdefiziten zu stoppen, was bisher nur zaghaft versucht worden ist.

Thomas Fricke, Chefökonom der Financial Times Deutschland bei den ...   Thomas Fricke, Chefökonom der Financial Times Deutschland bei den Gruner + Jahr Wirtschaftsmedien

Es gehört zu den Kuriositäten der deutschen Krisendebatte, dass jede Rettungsaktion als Nettigkeit gegenüber Ländern deklariert wird, die ihre Strafe ja im Grunde verdient haben. Was dazu führt, dass selbst talentierte Ökonomen wie Hans-Werner Sinn vor lauter Südlerbashing erklären, die EZB wolle nur dafür sorgen, den Ländern billigere Schulden zu schenken.

Was für ein Blödsinn. Wobei unsere Unretter das meist noch durch den noch blöderen Satz ergänzen, dass die doch früher auch mit höheren Zinsen gelebt haben. Die Länder hatten im besagten Früher erstens auch höhere Inflation statt Deflationsdruck und zweitens Wirtschaftswachstum statt Depression. Gemessen daran sind die Realzinsen für Staat wie Wirtschaft einfach grotesk hoch, und die nötige Niedrigzinspoliitk der EZB kommt eben einfach nicht an. Deshalb der Eingriff nach Mandat.

Wenn eine Notenbank wie die EZB jetzt ansetzt, um als Retter in letzter Instanz zu wirken, tut sie das nach allem Verständnis von Finanzkrisen ja nicht, um als Selbstzweck die Zinsen ein bisschen zu senken. Sondern um das zu stoppen, was hinter den abrupten Zinsschüben zu stecken droht: ein Indiz, dass Anleger und Investoren selbst auf die atemberaubenden Kürzungen und Reformen, die es in Italien und Spanien unstrittig gab, nicht mehr reagieren; sondern zunehmend Angst vor der Angst haben, dass die Euro-Zone kollabiert und sie ihr Geld schlicht und einfach nicht mehr wiederbekommen. Anders ist nicht erklärbar, warum bis Juli die Risikoprämien auf spanische und italienische Anleihen wieder so stark stiegen.

Risikoprämien auf den Ausfall von Staatsanleihen   Risikoprämien auf den Ausfall von Staatsanleihen

Wenn die EZB da eingreift, dann um zu verhindern, dass sich diese Ängste verselbstständigen und sich immer neue Spekulationen auf den Austritt von Euro-Ländern oder das Euro-Aus entwickeln. Sprich um zu verhindern, dass die Zinsen erst auf sieben, dann acht, zehn oder 20 Prozent steigen. So wie es bei Portugiesen und Iren irgendwann binnen Wochen der Fall war, weil die Panik eskalierte und es (noch) keinen überzeugenden Retter gab. Das war bei den kleinen Ländern noch tragbar. Wenn das Gleiche mit Italien und Spanien passiert, wird es auch für Deutschland teuer. Dann ist es eine Groteske historischen Ausmaßes, wie besessen bei uns jetzt dagegen geklagt wird, so etwas mit allen Mitteln zu stoppen.

Genau an diesem Anspruch muss sich jetzt auch messen, ob EZB und ESM ihr Ziel erreichen. Es geht schlicht darum, bei Anlegern und Investoren die Angst abzubauen, dass sie ihr Geld verlieren, wenn sie spanische und italienische Anleihen im Depot haben. Und Spekulanten abzuschrecken, die mit der Wette auf ein Euro-Aus Geld machen wollen. Da hilft irgendwann nur noch die Garantieerklärung von oben. Eine Erklärung, die schon wirkt, wenn glaubwürdig ausgesprochen wird, dass notfalls unbegrenzt interveniert wird. Entscheidende Nuance: Dann ist der Zweck eines ESM oder Staatsanleiheprogramms, gar nicht zum Einsatz kommen zu müssen; genauso wie das Ziel eines Strafgesetzes nicht ist, möglichst viele Strafen zu verhängen, sondern präventiv zu wirken. Im akuten Euro-Krisenfall übrigens auch beruhigend auf deutsche Firmen, die aus Unsicherheit über die Zukunft der Euro-Zone derzeit massig Investitionen kürzen und die Wirtschaft damit auf eine Rezession zusteuern lassen.

Wenn hier das Ziel liegt, hat Mario Draghi den ersten Beleg bereits geführt. Seit er im Juli die neue Entschlossenheit ankündigte, sind die Zinsen auf zehnjährige Staatsanleihen um sage und schreibe fast zwei Prozentpunkte gefallen - ohne dass die Bank auch nur einen Cent vermeintlich böser südeuropäischer Staatsanleihen gekauft hat. Seit Ende Juli sind auch die Risikoprämien auf Kreditausfallversicherungen für die Krisenländer stark gesunken - noch mal: ohne dass EZB oder ESM auch nur einen Cent Staatsanleihen kaufen mussten. Von wegen Geldflutung. Was für ein dämliches Gequassel.

Bloß kein Harakiri

Das ist noch keine Garantie dafür, dass die Spekulation auf ein Euro-Ende nicht noch mal aufflammt. Finanzmärkte funktionieren in Wellen, sagt Holger Schmieding, Chefökonom der Berenberg Bank. Wenn die neue Logik von EZB und ESM zieht, wie es den Anschein hat, spricht nur eine ganze Menge dafür, dass in der Euro-Krise jenseits der vielen Wellen die Trendwende in diesen Wochen eingesetzt hat. Und dass Historiker den Wendepunkt mal auf diese Spätsommerwochen 2012 legen werden.

Natürlich bleiben noch Risiken. Etwa dass die Krise in Griechenland eskaliert und es in den Wirren doch noch zu einem Austritt kommt - die Wahrscheinlichkeit dafür scheint in den vergangenen Wochen gesunken. Die größere Gefahr könnte sein, dass die Europäer die Fehler der vergangenen zwei Jahre wiederholen und potenziellen Hilfskandidaten wie Spanien nun als Bedingung die nächsten drakonischen Kürzungen und Steuererhöhungen aufdrücken, damit sie bloß nichts umsonst kriegen. Das ist makroökonomischer Harakiri.

Dann könnte das passieren, was bisher schon passiert ist: dass der Patient tot ist, bevor der Notarzt eintrifft - weil das x-te hastige Kürzungs- und Steuererhöhungspaket nur zu erneuten Rezessionsabstürzen, Pleiten und Arbeitslosenschüben führt, was einfach keine gute Voraussetzung für steigende Steuereinnahmen oder sinkende Staatsausgaben ist.

Manchmal muss man Opa einfach in den OP schubsen. Dann kann er sich anschließend auch freuen, wie schön das Leben doch sein kann.


Thomas Fricke ist FTD-Chefökonom. Er schreibt freitags an dieser Stelle.


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